Krosser Bio-Schweinebauch mit Karottenpüree, Fingermöhren und Edamame. Die lila Hortensie? Ist natürlich leckere Sakura-Kresse, also bitte! 
Foto: Manuel Krug

Berlin-MitteAm richtigen Standort kann wenig schiefgehen, so heißt es in der Gastronomie. Es gibt natürlich Ausnahmen. Eine davon war bisher immer die Elisabethkirchstraße 2. An diesem ganz wunderbaren Fleck in Berlin, gegenüber dem einschiffigen Kirchenbau des Baugenies Karl Friedrich Schinkel, befindet sich ein moderner Glasbau mit Ladenlokal. Dessen große Fensterfront blickt auf den Kirchhof und lässt sich komplett öffnen, sodass man gleichzeitig drinnen und draußen sitzt. Der Gastraum selbst wirkt trotz seines Purismus nicht kühl, denn Holz ergänzt den Sichtbeton zu modern-warmer Eleganz.

Aus gastronomischer Sicht entscheidend ist aber wohl weniger die kunsthistorisch illustre Nachbarschaft; sondern dass wir hier mitten in Mitte sind. An Gästen, die sich an diesem Ort bei einem Glas Wein und gutem Essen eine Auszeit gönnen wollen, mangelt es sicherlich nicht.

Trotzdem sitze ich nun schon zum vierten Mal hier – und zum vierten Mal teste ich ein neues Restaurant. Zuerst versuchte sich hier ein zeitgemäßer bayerischer Gasthof, der zuvor sowie auch später an anderer Stelle erfolgreich war. Dann eine Weinbar, deren extrem talentierter Koch Christopher Kümper nun unter eigenen Namen ein Restaurant in Charlottenburg betreibt. Zuletzt probierte es das Slate, eine Fine-Dining-Destination, die auf dem Zenit – der Küchenchef war 2019 als Berliner Meisterkoch nominiert – und in voller Schönheit Ende des Vorjahres verstarb. Also noch vor Corona.

Wärme, aber bitte cool – so sehen heute Nachbarschaftslokale aus: Gruppentisch im Osterberger.
Foto: Manuel Krug

Zugeben, jedes der Lokale hat sich einige Jahre gehalten. Ich kann Ihnen jedoch beim besten Willen nicht sagen, warum es bei keinem zum dauerhaften Erfolg reichte. Ich hoffe, dass die neuen Betreiber es nun schaffen. Es sind Thorsten und Stefan Osterberger, deren Namen in Berlin nicht unbekannt sind. Thorsten Osterberger ist als Berater, Stylist und Autor in der Mode- und Kunstszene unterwegs ist, sein Partner Stefan hat Events in Clärchens Ballhaus gemanagt. Neben dem wunderbaren Ort sind das schon mal gute Voraussetzungen, weil in der Gastronomie zweifelsohne auch das Netzwerk entscheidet. Folgerichtig setzen die beiden auf ihren Namen – das neue Restaurant haben sie schlicht Osterberger getauft.

Konzeptionell, so erklärte es mir Thorsten Osterberger, solle der Ort ein „gehobenes Kiezlokal“ sein, in das vor allem die Nachbarschaft gern geht, deren Empfehlung dann hoffentlich auch weiter entfernt wohnende Gäste anlockt. Mir persönlich gefällt dieser Ansatz – nicht gleich mehr sein zu wollen als man ist, sondern bescheiden, aber mit vollem Anspruch an die Sache heranzugehen. Was das Essen betrifft, könnte es klappen: Die Gerichte sind definitiv mehr als die übliche Nachbarschaftsküche à la „Quiche auf Salatbett“ – aber eben auch nicht so fein, dass man sie sich nur für besondere Gelegenheiten leistet.

Das Osterberger wurde von Grund auf nach den Vorstellungen der Besitzer renoviert: Der Architekt Martin Davidson schuf einen Raum mit sympathischem Retro-Charme, der den Geschmack der Inhaber vom Interior-Design bis zur Beleuchtung widerspiegelt. Eine Basis aus Midcentury-Modernismus, ein Touch Miami und Palm Springs, dazu ein schön klassisch gehaltener Bar-Bereich mit runden Marmortischen.

Auf der kleinen Karte steht wenig, aber dafür wirklich Ansprechendes, etwa ein Lachs-Tatar mit Gurkenmousse. Interessant klingt auch das Misotofu mit weißer Mandelsoße. Und wem bei all den Schlachterei-Skandalen die Lust auf Fleisch nicht ganz vergangen ist, der kann hier zwischen einem Entrecôte vom Irischen Weideochsen und dem Bauchfleisch vom Havelländer Apfelschwein wählen – ich habe extra nachgefragt: in Bio-Qualität.

Schön sommerlich: Lachs-Tatar mit Gurkenmousse, grünem Apfel und Senfkörnern. 
Foto: Manuel Krug

Glücklicherweise begleitet mich diesmal mein Mann, so kann ich mich durch mehrere Gerichte durchtesten. Was zu einer klaren Erkenntnis führt: Klassiker mit bewährten Aromakombinationen schmecken hier am besten. Etwa das Ceviche vom Kabeljau, das an diesem Abend als „Special“ auf der Kreidetafel steht. Es wird nicht neu erfunden, sondern wie es sich gehört mit Limette, fein geschnitzter roter Zwiebel, Koriander und den Aromen von grünem Paprika kombiniert. Schmeckt einfach herrlich intensiv und frisch. Dagegen fällt das experimentellere Lachs-Tatar mit Gurkenmousse, grünem Apfel, Senfkörnern und einer Sesamcreme leider etwas ab. Nicht etwa, weil die Kombination unüberlegt wäre, sondern weil die Aromen bei jeder Zutat nicht exakt herausgearbeitet und entsprechend verstärkt wurden. Gern hätte ich etwa den Apfel süß-sauer herausgeschmeckt, die Mousse intensiver von der Sesamcreme abgesetzt, die Senfkörner schärfer – das Erlebnis blieb blass, wenn auch hübsch anzusehen.

Grafik: BLZ/Galanty

Beim Anrichten blitzt allemal das Können des 27-jährigen Küchenchefs Birger Solterbeck durch, der bei seinen Stationen in Hamburg, Gstaad und in den USA auch Erfahrungen in der Sterne-Küche gesammelt hat. Ich vermute jedoch, er geht noch zu zaghaft an die eigenen Ideen ran. Hier wünsche ich ihm in Zukunft mehr Selbstbewusstsein bei der Umsetzung. Denn bei Bewährtem wie dem krossen Schweinebauch mit einem herrlich intensiven Kümmeljus zum Püree beweist er allemal, dass er deutlich mehr drauf hat als nur gute Nachbarschaftsküche.

Preise: Vorspeisen 9 bis 13 Euro, Hauptgerichte 16 bis 29 Euro, Beilagen 4 bis 5 Euro, Desserts 2 bis 9 Euro.

Restaurant Osterberger, Elisabethkirchstraße 2, 10115 Berlin-Mitte, +49 30 26565661. Geöffnet Mi-So 17 bis 22 Uhr.