Berlin - Es hilft nichts, das Leben verlagert sich mehr und mehr ins Netz. Freunde, Kollegen, Köche – ich sehe sie derzeit nur am Bildschirm. Natürlich ist das besser als nichts. Das haben sich wohl auch die Gründer des Decorestaurants gedacht, die mich kürzlich zur virtuellen Eröffnung via Instagram einluden. Ich hatte keine Vorstellung, wie so etwas ablaufen kann, und meldete mich daher vorsorglich zur Live-Schalte an. Und das, obwohl ich offizielle Einladungen als Kritikerin eher meide. Doch man will ja gerade in diesen Zeiten nicht den Anschluss verpassen.

Normalerweise, müssen Sie wissen, läuft so eine Veranstaltung nach einem vorhersehbaren Muster ab. Zum Steh-Aperitif gibt’s jede Menge „Ahhs“, „Ohhs“ und Händeschütteln. Darauf folgt meist eine Tour durch die Räumlichkeiten sowie Alkohol und noch mehr „Ahhs“ und „Ohhs“. Danach sitzt man stundenlang neben zwei (hoffentlich unterhaltsamen) Kollegen eingeklemmt, bis die Karte einmal rauf und runter gegessen ist. Und nach der Hälfte der Gänge, manchmal auch erst nach dem letzten, guckt der Küchenchef kurz am Tisch vorbei. Dann darf die Presse fragen – wobei die wichtigen Fragen erst gestellt werden, wenn alle anderen nicht mithören.

So weit das normale Prozedere, das nicht immer erfreulich ist, doch zumindest einen ersten Eindruck vermittelt. Um unabhängig zu sehen und zu testen, ob sich der Eindruck auch für den normalen Gast bestätigt, gehe ich immer noch einmal ein zweites mal inkognito hin. Diesmal machte ich es genau umgekehrt: Noch vor dem offiziellen Start suchte ich das Decorestaurant in Charlottenburg auf, denn man konnte bereits Essen bestellen und abholen. Das tat ich dann, um ein paar Gerichte zu Hause zu testen. Denn ehrlich gesagt traute ich der virtuellen Eröffnung ebenso wenig wie dem üblichen Presseessen. Auch will ich gestehen: Ich hatte meine Vorbehalte, was mit dem Konzept des Restaurants zusammenhängt.

Hinter dem Decorestaurant, das nicht zufällig diesen Namen trägt, stehen die Interieur-Experten Zuzanna und Adrian Stern. In Berlin betreiben sie in unmittelbarerer Nähe des Restaurants einen Einrichtungsladen namens Decoculture. Das neue Restaurant soll gleichzeitig ein Showroom für ihre Möbel und Designobjekte sein. Von den Bistrostühlen im Midcentury-Look über grafische Edelleuchten bis hin zum Porzellan, alles kann man hier kaufen. Dass die Macher in puncto Interiordesign einiges draufhaben, davon konnte ich mich selbst überzeugen. Während ich auf meinen Blauschimmelkäsesalat und das Schweinefleisch-Confit mit Süßkartoffel aus der Küche wartete, durfte ich kurz im wohnlichen Gastraum Platz nehmen. Es fühlte sich herrlich an, auch weil man gerade so selten irgendwo sitzen kann.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Chic for sale: Außer dem Essen kann man im Decorestaurant auch Geschirr oder Möbel erstehen. 

Weniger überzeugt war ich jedoch, ob Inneneinrichtungsexperten auch als Gastronomen taugen, selbst wenn es ihre Leidenschaft ist. Schließlich lasse ich meinen Automechaniker auch nicht an meine Haare ran, so gern er eigentlich Frisör geworden wäre. Doch meine Bedenken waren fehl am Platz. Erfolgreiche Menschen wissen, wie man ein fachfremdes Projekt anpackt, umso mehr, wenn es ein Herzensprojekt ist.

Für die Küche haben die Sterns den Portugiesen Marcus Melo Ley gewonnen, ein sehr kluger Schachzug. Aufgefallen ist mir Ley das erste Mal im Restaurant Yafo, das Tel Avis Küche nach Berlin bringt. Der Küchenchef, der in seinem jungen Leben viel rumgekommen und Autodidakt ist, kocht herrlich intuitiv, mit vielen tropischen „flavours“.

Wieder zu Hause, ging mein ganz persönliches Testessen direkt los. Im Salat mit Blauschimmelkäse, der sowohl Vor- als auch Nachspeise sein könnte, versteckten sich fruchtig-süße und saure Aromen von Granatapfel und Preiselbeeren. Das Feigendressing mit Portwein baute die geschmackliche Brücke zum Käse, der eine reife Würze sowie eine leicht cremige Konsistenz hatte. Ich esse Blauschimmel viel zu selten – dachte ich, während ich die letzte karamellisierte Walnuss herauspickte.

Schön anzusehen war auch der Rosenkohlsalat, der wie alle Gerichte in einem nachhaltigen Karton mit durchsichtigem Deckel aus Maisstärke verpackt wird. Die knackigen, angerösteten grünen Röschen waren mit roten Früchten und weißen Parmesanflocken kontrastiert, ein Honig-Zitronendressing hielt alles zusammen.

Mein Mann, der Rosenkohl hasst, ließ sich von diesem Anblick sogar zum Probieren hinreißen. Er war sehr angetan, weil dem Rosenkohl durch die schonende Zubereitung der bittere Kohlgeschmack fehlte, den er zerkocht bekommt. Unser Liebling war ein Schweinefleisch-Confit, das ähnlich wie Pulled Pork fasrig zerfiel und dank des hohen Fettgehalts ein wunderbares Aroma hatte. Kalorien sollten hier nicht gezählt werden, denn das Fleisch wird langsam bei niedriger Temperatur in viel Fett gegart und danach in diesem Fett mit arabisch-weihnachtlichen Gewürzen eingelegt. Kombiniert mit fast rohen Broccoli, Süßkartoffeln mit Röstaromen und Birne hat es für mich das Potenzial zum Lieblingsgericht. Aber auf der Takeaway-Karte des Decorestaurants findet jeder seinen Favorit.

Es ist „Crossover-Küche“, bei der man sich wie „an verschiedenen Urlaubsorten gleichzeitig“ fühlt. So sagte es jedenfalls Küchenchef Markus Melo Ley live bei der Instagram-Eröffnung, während er sein Ceviche in die Kamera hielt. Ach ja, das virtuelle Restaurant-Opening, wie war es eigentlich? Nun ja, man bekam zwar eine Idee von der Sache, aber ein Erklärvideo des Kochs auf Instagram ist natürlich nicht vergleichbar mit einem richtigen Testessen. Zumal es ruckelig lief. Ich war froh, dass ich zuvor schon echtes Essen abgeholt hatte – und es Ihnen nun voll und ganz empfehlen kann.

Decorestaurant, Gasteiner Str. 11, 10717 Berlin, +49 30 552 423 49, kontakt@deco.restaurant

Frühstück 10 Euro, Vorspeisen und Salate 11,50 bis 14,50 Euro, Hauptgänge 16,50 bis 21 Euro, Beilagen bis 3 Euro, Desserts 8,50 Euro.

Das Decorestaurant bietet alle Speisen zum Mitnehmen an. Angeboten werden Frühstück zwischen 8:00 und 13:30 Uhr und Dinner von 18:00 bis 22:00 Uhr.