US-Plakat von 1917: Als die Farmer an die Front mußten, nahmen die US-Bürger ihre Gemüseversorgung selbst in die Hand. 
Abb.: A. Hoern & Co./US Department of Agriculture/National Archives and Records Ad

BerlinErinnern Sie sich an die Ehec-Epidemie im Jahr 2011? Wer damals Salat im eigenen Garten erntete, konnte sich freuen, denn das fiese Bakterium verbreitete sich über essbares Grünzeug. Auch heute fürchten manche das frische Blatt, auch wenn es unwahrscheinlich scheint, dass sich das Coronavirus über gut gewaschenen Salat überträgt.

Aber auch geschlossene Grenzen, die Angst vor pandemiebedingt steigenden Preisen oder einfach das Gefühl, in bewegten Zeiten von unübersichtlichen Lieferketten abhängig zu sein, treibt gerade viele Menschen ans Beet: Blumenerde war bei uns zeitweise fast so begehrt wie Toilettenpapier, und alle Welt redet über Selbstversorgung.

Die New York Times erinnerte zum Beispiel an die legendären „Victory Gardens“, die US-Bürger während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs auf allen verfügbaren Flächen anlegten – und wenn es im städtischen Hinterhof oder auf der Feuertreppe war. Sie deckten so fast 40 Prozent des Frischgemüsebedarfs ihrer Nation. Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur von Finanztip.de, empfahl schon vergangenes Jahr, in Krisenzeiten lieber in einen Garten als in Goldbarren, die man ja schließlich nicht essen könne, zu investieren: „Der Schrebergarten mit seinen Kartoffeln, Erdbeeren und Äpfeln bleibt in der großen Krise deshalb meist die bessere Antwort“, schrieb er, selbst Bauernsohn, in seiner Online-Kolumne für Der Spiegel.

Allein aus Nachhaltigkeitsgründen ist es sinnvoll, die Nahrungsproduktion verstärkt in lokale Kreisläufe zu holen. In Berlin geschieht das schon länger, intensiv seit etwa zehn Jahren, in sich verjüngenden Kleingartenkolonien und Gemeinschaftsgärten wie den Prinzessinnengärten. Jetzt in Corona-Zeiten ist ein eigenes Fleckchen Grün in der Stadt natürlich begehrter denn je.

Aber was bringt ein eigenes Gemüsebeet überhaupt? Kann es mehr sein als ein schönes Hobby in Krisenzeiten oder Balsam für das schlechte Klimagewissen? Ein Blick zurück schärft da den Fokus. So rechnete der mit dem Gemüseanbau-Revival wiederentdeckte Landschaftsarchitekt Leberecht Migge 1918 in seinem Buch „Jedermann Selbstversorger“ vor, dass 200 Quadratmeter ausreichen würden, um eine fünfköpfige Familie mit frischen Lebensmitteln zu versorgen. Dazu erläuterte Migge, wie die 200 Quadratmeter für Kartoffeln und Wintergemüse aufgeteilt werden sollten.

Neue Berechnungen, etwa von der Zeitschrift „Kraut und Rüben“, kommen auf etwa 40 Quadratmeter pro Person allein für Gemüse. So viel Platz haben heute nur wenige. Andererseits gibt es laut dem Kleingartenplan 2030 allein in Berlin 2900 Hektar Schrebergartenfläche; dazu kommen noch private Hausgärten, Dach- und Gemeinschaftsgärten, Höfe und Balkone. So herum gesehen, gibt es gerade in einer Stadt wie Berlin eine Menge Fläche für die autarke Gemüseversorgung.

Außerdem werden in Zeiten von Bio-Supermärkten nur sehr wenige Menschen ihren gesamten Jahresbedarf an Kartoffeln, Zwiebeln oder Kohl selbst anbauen wollen. Einen Sommer lang nur eigenen Salat zu essen, ist dagegen gar nicht so schwer. Und vier, fünf fitte Tomatenpflanzen werfen mehr Früchte ab, als eine Kleinfamilie üblicherweise frisch isst. Beides sind empfindliche Nahrungsmittel, die selbst gezogen oft erheblich zarter oder aromatischer sind als gekauft. Denn die Handelssorten werden meist vor allem auf Haltbarkeit und Stabilität gezüchtet. Wohlgeschmack ist sowieso ein guter Grund, selbst etwas zu kultivieren. Das Gleiche gilt übrigens für die gerade zügig teurer werdenden Erdbeeren – die leckersten Sorten wachsen im eigenen Garten.

Auch während des Zweiten Weltkriegs rief man in den USA mit Plakaten zum Anlegen von Selbstversorger-Gärten auf. Dieses entwarf der emigrierte Bauhaus-Lehrer Herbert Bayer.
Abbildung: Herbert Bayer/National Archives and Record Ad

Wer Lust auf eigenes Gemüse hat, sollte jetzt loslegen. Denn im Mai kann, ja sollte das meiste ins Beet. Nur Zucchini, Tomaten oder Gurken warten besser bis nach den Eisheiligen, danach besteht garantiert keine Frostgefahr mehr. Salate, Kohlrabi, Tomaten und Zucchini und einige andere Gemüse werden jetzt als Jungpflanzen angeboten. Das beschleunigt die Sache, allerdings ist Säen billiger und erweitert die Sortenauswahl. Und manches gibt es überhaupt nur als Saat, etwa Radieschen oder Kresse. Sie wachsen dafür ruckzuck. Ganz leicht zu ziehen sind auch Spinat, Mangold, Erbsen oder Bohnen.

Tomaten, Zucchini oder Gurken brauchen etwas mehr Fürsorge. Sie mögen es warm, feucht und nährstoffreich. Möhren brauchen recht viel Zeit – sind aber auch im Kleinformat köstlich – und wirklich lockeren, nahrhaften Boden. Sie gedeihen am besten neben Zwiebeln, denn die halten die Möhrenfliege ab. Viele Pflanzen ergänzen sich wie diese beiden ganz ausgezeichnet, manche hingegen können sich gegenseitig gar nicht leiden. Salat und Petersilie oder Bohnen und Kartoffeln zum Beispiel brauchen viel Abstand voneinander. Wer ein Beet plant, sollte also zuvor die bevorzugten Nachbarschaften der Schützlinge klären. Unter dem Stichwort „Mischkultur“ steht das in jedem Biogartenbuch, und natürlich auch im Netz.

Ein typisches Plakat zur „Victory Gardens“-Initiative der US-Regierung während des Zweiten Weltkriegs. Die Denim-Latzhose würde auch heute Stil-Pluspunkte sammeln.
Abbildung: National Archives and Records Ad

Was den Boden betrifft, so ist die saftige, dunkle, humusreiche Erde, die Gemüsepflanzen so lieben, kaum ad hoc herzustellen. Sie braucht Zeit, geduldige Pflege und idealerweise einen eigenen Komposthaufen. Für den Balkon gibt es dazu auch eigene Behälter. Ein paar Beutel torffreie Gartenerde und Kompost machen, unter den märkischen Sand gemischt, aus jedem Beet ein akzeptables Pflanzen-Zuhause. Aber Achtung: Die Böden von Höfen oder ungenutzten Ecken mitten in der Stadt sind oft mit Schadstoffen belastet, daher empfehlen sich hier Kübel oder Hochbeete und völlig frische Erde.

Zwischen die Pflanzen kommt Rasenschnitt oder anderes zerkleinertes Grün, das schützt vor Austrocknung, unterdrückt Unkraut und sorgt als Regenwurmfutter für Humusaufbau. Gegossen wird anfangs reichlich, dann möglichst wenig, damit die Pflanzen kräftige Wurzeln ausbilden. Regelmäßiges Hacken hilft gegen Unkraut und Austrocknung. Gedüngt wird sparsam, zu viel schadet mehr, als es nützt: Dünger animiert zu schnellem Wachstum, was oft auf Kosten von Widerstandskraft und Geschmack geht.

Wer mit seinem Gemüsebeet der Umwelt nicht schaden, sondern nützen möchte, verzichtet auf Kunstdünger und chemische Pflanzenschutzmittel und achtet darauf, dass die Lebewesen, die uns beim Gärtnern unterstützen – Regenwürmer, Mikroorganismen im Boden, Insekten und Vögel –, es angenehm haben. In jedem Gemüsebeet sollten außerdem, wie im traditionellen Bauerngarten, ein paar bienenfreundliche Zierpflanzen blühen. Das erfreut das Auge und zieht Bestäuber an.

Natürlich macht Gemüse Arbeit. Und so unkompliziert Salate, Radieschen und Co. wachsen, so viel Nützliches und Interessantes gibt es doch über jede Pflanze zu wissen. Wer Spaß an der Sache hat, liest sich das schnell an oder hört sich um. Ältere Nachbarn wissen womöglich den einen oder anderen Gartentrick noch aus Zeiten, als man gärtnerte, weil es einfach nicht alles zu kaufen gab.

Aber das Wichtigste für Städter: Gärtnern tut gut, auch ganz ohne Garten. Schon ein oder zwei Balkonkästen voller Mangold, Radieschen oder Kräuter bereichern den Speiseplan und ermuntern dazu, anders über Nahrung nachzudenken. Wer einmal eine Gurkenpflanze hegte und pflegte, wird ihre Früchte in Zukunft mit anderen Augen sehen.