Mampe-Kapitän Tom Inden-Lohmar nimmt entschlossen Kurs auf Digitalisierung.
Foto:  TeamNoir

Berlin„Help“, ruft David Bowie und kippt um. Zwei Männer richten ihn mühselig auf, zwei andere brechen in Gelächter aus. Bowie steckt in einer mannsgroßen „Halb & Halb“-Flasche von Mampe, die er zu Werbezwecken spazieren tragen soll. Wir sind in der Babylon-Berlin-Epoche, mitten in der Metropole der 1920er-Jahre. 

Bis heute ist man beim Berliner Spirituosenhersteller Mampe stolz auf diese Szene aus dem Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ von 1978, in dem Bowie die Hauptrolle spielt. In der Kreuzberger Manufaktur hängen Filmstills gerahmt an der Wand. Neben weiteren historischen Aufnahmen, zum Beispiel von „Mampes guter Stube“, einer Art früher Showroom, in dem probiert und diniert werden konnte. Zwanzig dieser Stuben gab es damals über ganz Deutschland verteilt, weiß der heutige Mampe-Inhaber Tom Inden-Lohmar zu berichten. Er erzählt die alten Kamellen immer wieder gerne: „Dort sah es so aus, wie man sich die Wohnzimmer der oberen Zehntausend vorgestellt hat: Tischchen mit Delfter Kacheln, Holzvertäfelung, sehr viel Stuck und Kronleuchter an der Decke. Mampe hat mit diesen Likör-Probierstuben schon 1916 die Franchise-Gastronomie erfunden, weit vor Starbucks oder McDonald’s.“ Die letzte Stube, am Berliner Kurfürstendamm, schloss 1984, als Mampe sich in die Insolvenz verabschiedete.

Wegen fehlendem Erneuerungsgeist war Mampe bereits zu Beginn der 1980er-Jahre in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Bis Inden-Lohmar die Marke, die damals zum Getränkekonzern Berentzen gehörte, aus der Mottenkiste holte. „Ich hatte in Köln eine Werbeagentur, aber eigentlich keine Lust mehr auf die Branche“, erzählt der Unternehmer. „Dann bekam ich das verlockende Angebot einer Berliner Agentur, die den Berentzen-Etat hatte und einen Kreativchef suchte. So bin ich 2010 von Köln nach Berlin gekommen. Und dann hat das Universum mir Mampe vorbeigeschickt.“ Die glamouröse Geschichte der Marke faszinierte ihn, die Episoden und Anekdoten. „Ich habe Mampe gegoogelt und da kamen alle diese Bilder, auch der Film mit David Bowie.“

Manufaktur und Showroom residieren im früheren Sudhaus einer Brauerei. Hier wird gemixt, gekostet und gekauft.
Foto:  Mampe Spirituosen GmbH Berlin

Der Neuberliner fackelte nicht lange, sicherte sich 2012 die Markenrechte und machte sich, damals noch mit einem Geschäftspartner, als Gründer selbstständig. 2013 folgten der Relaunch und die Erweiterung des Produktportfolios. Dem „Halb & Halb“ wurden ein Dry Gin und ein Wodka an die Seite gestellt; im Bergmannkiez, in einer ehemaligen Bierbrauerei, entstand eine begehbare Erlebnismanufaktur. Das Konzept ging auf, das Comeback war gelungen – doch dann kam 2020. Auch wenn der Alkoholkonsum in Corona-Zeiten nachweislich zugenommen hat – bei Mampe brachen die Umsätze ein.

„Denn selbst jemand wie ich, der gut und gern Spirituosen trinkt, hat sich während der vielen Abende zu Hause lieber für drei Gläser Wein als für zwei Gin Tonic entschieden“, sagt Inden-Lohmar. „Trotzdem hat es uns nicht so hart getroffen wie die Kollegen, die fast ausschließlich die Gastronomie beliefern.“ Bei Mampe teilen sich die Abnehmer in siebzig Prozent Handel und nur dreißig Prozent Gastronomie auf.

Inden-Lohmar war indes nicht untätig und nutzte die Corona-Ruhe: „Das hat bei uns die nötige Kreativität freigesetzt, den Laden noch mal neu zu erfinden. Wir haben alles aus den Schubladen rausgeholt und geguckt, ob es nicht anders besser funktioniert.“ So wurde der Onlineshop vollkommen neu aufgesetzt, was Mampe schon jetzt den Online-Umsatz des gesamten Vorjahres einbrachte.

„Der Ginspirator ist ein digitales Produkt, das neu entstanden ist“, so der Mampe-Chef weiter. Damit kann man sich auf der Website seinen höchstpersönlichen Gin komponieren und bekommt ihn im Anschluss nach Hause geschickt. Zunächst bestimmt man dabei den Alkoholgehalt und die Stärke der Wacholdernote, um danach die individuelle Geschmacksnote zu kreieren. Darf es ein bisschen Himbeere, Zimt, Kaffee oder gar Earl Grey sein? Aus den 26 Aromen, die zur Wahl stehen, sollte man drei bis fünf wählen; ansonsten wird es geschmacklich unübersichtlich. Ist man unsicher bei der Frage, was zusammenpasst, könne man sich etwa ein Beispiel an gängigen Eissorten nehmen, rät Inden-Lohmar. Als Beispiel nennt er die Kombination Erdbeer-Basilikum als ein allzeit harmonisches Paar. Sind die Aromen gewählt, folgt die Personalisierung des Etiketts, und fertig ist die Flasche Gin. Preis für den Spaß: 44 Euro.

Black Beautys: Befüllte Steingutflaschen warten in der Mampe-Manufaktur auf ihre Etikettierung. 
Foto: Sabine Röthig

Inden-Lohmar hat aber noch mehr in petto. Auch wenn er die Werbebranche hinter sich gelassen hat, sie steckt noch in ihm drin. Und so kündigt er gleich ein weiteres Projekt an: „Wir werden ab Oktober 2020 sogenanntes Casking anbieten. Dabei wird es möglich sein, eine Spirituose seiner Wahl, zum Beispiel Gin, Kornbrand oder Kümmel, in einem 30-Liter-Holzfass einzulagern.“ Kostenpunkt: 1600 Euro bis 2500 Euro, je nach Spirituose, für circa 50 Flaschen. „Mit Gin werden wir in Deutschland wohl die ersten sein, die das machen“, sagt er stolz. Denn seines Wissens nach gäbe es Casking hier zwar schon für schottischen Whisky, aber nicht für Gin. „Wir haben fast zwei Jahre lang dafür experimentiert. Beim Whisky wird ein nahezu neutral schmeckendes Destillat eingelagert, der Geschmack entsteht erst durch die Lagerung. Gin hingegen hat bereits einen Eigengeschmack.“ Diesen verändere die Lagerung, manche Geschmacksnoten würden verschwinden, neue kämen hinzu.

Hier in der Kreuzberger Location, wo die Fässer dann lagern, werden auch die Produkte der Manufakturlinie entwickelt, abgefüllt und verschickt. Sie sind das Aushängeschild in der dunklen Steingutflasche ­– neben der Handelsware, die es in Glasflaschen in Berliner Kaufhäusern und Getränkemärkten zu kaufen gibt. „Es gibt über achtzig historische Mampe-Rezepturen, die wir vorliegen haben und in die Neuzeit übertragen können. Dann wird vor Ort destilliert und angesetzt. Jeder kann reinkommen und zuschauen.“

Nein, das ist kein Roboter: Das Mampe-Destilliergerät wird regelmäßig vom Zoll verplombt, damit nur kontrolliert gebrannt werden kann. 
Foto: Mampe Spirituosen GmbH Berlin

Bestseller ist trotzdem noch der Mampe „Halb & Halb“, der traditionelle Likör aus Kräutern und Bitterorangen, für den Bowie in seiner Filmrolle Werbung machte. Laut Inden-Lohmar hat die anhaltende Popularität des Getränks vor allem sentimentale Gründe. „Die Jüngeren assoziieren uns über unseren Gin“, fügt er hinzu. Und natürlich spielt auch das Maskottchen der Marke, der kleine, weiße Elefant, in der ganzen Mampe-Geschichte eine gewichtige Rolle. Das Rüsseltier hängt nicht von ungefähr am Hals der Flaschen: Mampe kaufte und unterhielt seit den 1920er-Jahren durchgehend zwei Elefanten im Berliner Zoo. Der letzte Mampe-Elefant lebt sogar noch, steht aber nicht mehr in der Obhut des Unternehmens. „Ich würde eher für den Erhalt von Elefanten in ihrem natürlichen Umfeld sammeln“, sagt Inden-Lohmar. Vielleicht ist das ja eine Idee für die Zukunft.

Mampes Neue Heimat, Aufgang 2, Am Tempelhofer Berg 6, 10965 Berlin, Tel. +49 30 20 84 844 70