Paris - Pierre Cardin steckte seine Haute-Couture-Models in Stretchoveralls, Vinyl-Overknees und metallisch glänzende Bodysuits, seine Kollektionen hießen auch mal „Star Trek“ oder „Cosmocorps“. Von Beginn an vermarktete er seinen Namen wie kein anderer und entwarf Mode für die Masse, unter seinem Namen lief dann auch Unterwäsche, die im Discounter Lidl vertrieben wurde. Nun ist der „größte Visionär der Mode“, wie der geschäftstüchtige Couturier von seinen Bewunderern bezeichnet wurde, im Alter von 98 Jahren nahe Paris gestorben, wie französische Medien am Dienstag übereinstimmend unter Berufung auf seine Familie berichteten.

Mit seiner futuristischen Mode hatte Cardin so manchen Romantiker vor den Kopf gestoßen. Dass man ihn in seiner Branche bis ins reife Alter als Enfant terrible (deutsch „schreckliches Kind“) bezeichnete, hat ihn nie gestört. Neben André Courrèges und Paco Rabanne gilt er als Erfinder der futuristischen Mode der Sixties. Er entdecke seine Ideen einfach überall, so erklärte er seine grenzenlose Kreativität. Auch ein Kamin oder eine Vase könnten ihn inspirieren, wie er in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur einst verriet.

In Sachen Unternehmertum und Business-Sense hatte der in Norditalien geborene Cardin seinen Pariser Kollegen einiges voraus. Er war der erste Couturier, der eine Prêt-à-porter-Kollektion auf den Markt brachte. Er war der erste seiner Branche, der seine Marke für unzählige Produkte wie Mineralwasser, Essbesteck, Plattenspieler, Bettwäsche, Armbanduhren und Autos hergab. Und früher als alle anderen streckte er seine Fühler nach der Sowjetunion und dem chinesischen Markt aus.

An Selbstbewusstsein hat es dem Designer deshalb nie gefehlt: Er habe immer weiter voraus geblickt als die anderen, stellte er selbst gern fest. Was Cardin auch zu einem der reichsten Männer Frankreichs machte. In über siebzig turboaktiven Jahren erschuf er ein Mode-Imperium aus über 800 Fabriken und Lizenzen weltweit.

Foto: AP/Jacques Brinon
Konservativ im Habitus, visionär im Kopf: Pierre Cardin im September 2010.

Sein Hab und Gut hat er ständig erweitert. 1969 kaufte er zwischen dem Pariser Präsidentensitz, dem Elysée-Palast, und der Avenue des Champs-Elysées ein altes Theater und funktionierte es zum „Espace Pierre Cardin“ um – ein Kulturzentrum mit Konferenzsälen, einem Luxusrestaurant, einer Kunstgalerie und einem Vorführraum für seine Kollektionen. Als nächstes interessierte er sich für das Markenzeichen Maxim's, unter dem er Delikatessen wie Champagner und Gänseleber kommerzialisierte. Im Jahr 1981 kaufte er schließlich den dazugehörigen Ort, das weltberühmte gleichnamige Jugendstilrestaurant im Herzen von Paris.

Cardin verwehrte sich nichts. Er könne sich alles leisten, erklärte der Modeschöpfer in Interviews unbefangen. Und so kaufte er im Mai 2001 das Schloss des freidenkenden Grafen und Schriftstellers Marquis de Sade im südfranzösischen Lacoste, ließ sich das aus kugeligen Formen bestehende Beton-Ferienhaus „Palais Bulles“ an der Côte d'Azur erbauen, eine der teuersten Villen Frankreichs, und eröffnete in Paris sein eigenes Museum. Denn für den steinreichen Schneidermeister war Mode zwar ein Handwerk, vor allem aber eine Kunst.

Der Designer wurde am 2. Juli 1922 als Sohn eines französischen Weinhändlers in der italienischen Provinz Treviso geboren. Nach der Befreiung Frankreichs ging er Mitte der 40er Jahre nach Paris und begann als Modezeichner im Haus Paquin. Nur kurze Zeit später wechselte er zu Christian Dior, wo er 1947 bei der Kreation des legendären «New Look» mitwirkte, der mit seiner schmalen Taille und den runden Schultern die weibliche Kontur betonte. Drei Jahre später schon gründete er sei eigenes Couture-Unternehmen.

Da er nicht an die Wirtschaftlichkeit der elitären Maßschneiderei glaubte, entwarf er weniger als ein Jahrzehnt später seine erste Prêt-à-porter-Kollektion. Die Branche sprach von Rebellion. Doch unbeirrt setzte Cardin seinen Weg als Erneuerer fort und entwarf als erster großer Modemacher hochmodische Linien für Männer. Bald schon stand er im Ruf, die besten Herrenanzüge und Kostüme von Paris herzustellen.

Noch im hohen Alter steckte er seine Mannequins in asymmetrisch-kantige Outfits mit einem gewissen Retro-Beigeschmack. Doch Cardin war ein Arbeitstier, dem die Ideen nie ausgingen: „Wenn es Nacht ist, sehe ich Formen, Materialien, Farben. Ich wache auf, mache das Licht an, zeichne und schreibe.“