Die Fashion-Front testete ihn schon letzten Sommer: Der hinten hochgeklappte Kragen vor der Berluti-Schau in Paris, Juni 2019.
Foto: Getty Images/Edward Berthelot

BerlinDer Duden sagt, Stil sei die „Art und Weise“. Genauso ist es. Man kann den Kragen eines Poloshirts auf genau zwei Arten und Weisen tragen, entweder hochgestellt oder runtergeklappt. (Mischformen sind möglich, doch dafür braucht es ein Diplom der „Ralph Lauren University of Styling“, if you please.) Was jeweils angemessen ist, entscheidet der Zeitgeist. Wer ersteren Look im Berlin der Neunziger zur Schau trug, war meistens männlich und gehörte mit Sicherheit nicht zur kreativen Avantgarde. Vor den hochgeklappten Krägen rosé- oder vanillefarbener Poloshirts verschlossen sich Clubtüren, wedelten Türsteher kopfschüttelnd mit dem Zeigefinger. 

Dieser Stil stand für angeberischen Snobismus, nicht selbst erworbenes Vermögen und meistens auch für ein verpöntes Jurastudium. Die oft in Gruppen ins Nachtleben drängenden Preppy-Erben galten als langweilig und wenig förderlich für das Gelingen einer exzessiven Party. Ihr Geld, das sie an Bar und Tür hätten lassen können, interessierte die Veranstalter damals nicht. Berlin war ja billig, eine gute Zeit hingegen unbezahlbar.

Vielleicht war es anderswo ähnlich, der hochgeklappte Pikeekragen verschwand jedenfalls irgendwann ganz von der Bildfläche und machte dem V-Ausschnitt schlichter T-Shirts von American Apparel Platz. American Apparel ist jetzt pleite. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum der aufgestellte Kragen zurück ist.

Zum einen zeigt er all den Stil-Spießern den Stinkefinger, die noch immer nach „Modesünden“ fahnden, ha-ha-ha. Zum anderen brennt die Sommersonne inzwischen heißer denn je. Und genau darum galoppierte der weiße Kragen um 1900 ja überhaupt erst vom Polofeld auf den Tenniscourt und mitten hinein in die Mode: Weil man den Nacken vor Sonnenbrand schützen wollte. Was nur mit aufgestelltem Kragen funktioniert.

Tod der Totale

Und noch etwas begünstigt das Hochklapp-Revival, etwas sehr viel Jüngeres als die harmlosen Preppy-Eitelkeiten der 1980er: Mit dem Mini-Monitor der Smartphones hat sich unser Sichtfeld auf Porträtformat verengt. Warum sonst hat alles, was sich brustaufwärts abspielt, zuletzt an modischer Bedeutung gewonnen. Turtleneck, Schluppen, Tücher, dicke Ketten – sie alle stützen die Selbstdarstellung in der digitalen Sphäre, folgerichtig umranken sie die Hälse derzeit ganz besonders üppig. Was für ein Selfie funktioniert, ist aber nicht immer alltagstauglich. Da kommt der hochgeklappte Kentkragen, an sich ein schlichter Klassiker an Hemd, Bluse oder eben Polo, gerade recht. Und jeder hat ihn längst im Schrank.

Mal abgesehen von seiner Geschichte, die von Militär- und Sportkleidung erzählt, ist er im Jahr 2020 ein frecher Retro-Verweis auf den erwähnten Collegestil. Ob der als Fashion-Statement bewundert oder als alberne Kopie einer in die Jahre gekommenen Stilblüte bemitleidet wird, entscheidet die Kombinationskunst des Trägers. Wichtig ist die atmosphärische Referenz an die Gegenwart. Wüster Lagenlook mit hervorlugendem Zweitkragen? Passt. Oder, wie auf unserem Foto, der hochgestellte Polokragen (lieb) zu Killerbrille, Golduhr und Glatze mit Vollbart (finster)? Ganz genau. Nur so kann das Revival gelingen.