Rainer Elstermann zwischen den Straußenfarnen seines eigenen Gartens.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

UckermarkRainer Elstermann wusste schon, dass er nicht der einzige ist, der seinen Garten formt. Wühlmäuse machen sich regelmäßig an seinen Staudenbeeten zu schaffen, graben Gänge und scheinen die lilafarbenen Köpfe des Zierlauchs besonders appetitlich zu finden. Der Gestaltungswillen des Bibers beeindruckte ihn dann aber doch. Meterlange Äste hat der Nager zum Gartenteich geschleppt und dort, wo das Wasser als Bach abfließt, vergangene Nacht damit begonnen, einen Damm zu bauen. Zwischen die Äste stopfte er Algen, die er aus dem Teich gefischt hatte. In Elstermanns Stimme liegt Respekt, als er vom Werk des Bibers spricht. Vielleicht fühlt er eine gewisse Nähe. Der Biber betritt ein Terrain, orientiert sich und weiß, was zu tun ist. Ihm selbst, dem Gartengestalter, geht es ja nicht anders.

Rainer Elstermann hat den Biber trotzdem sanft zum Gehen aufgefordert. Als dieser heute Morgen den Kopf aus dem Rohr steckte, das zum See außerhalb des Grundstücks führt, stellte Elstermann schnell wieder das Gitter davor, das den Zugang auch sonst versperrt. Auf Dauer wäre der Biber ein zu dominanter Mitbewohner, die Äste mehrerer junger Bäume hat er schon abgebissen.

Eigentlich aber arbeitet Elstermann nicht gegen, sondern mit der Natur, das merkt man sofort, wenn man in seinem Garten steht. Eine wilde Oase, der man nicht ansieht, dass er sie den Gegebenheiten auf dem Grundstück geradezu abgetrotzt hat. Neben dem Teich beginnt eine weite Senke, darin stehen Farne, Gräser und Stauden in fast dschungelhafter Dichte, dazwischen hohe Bäume, um deren Stämme sich Efeu rankt. Das dunkle Grün hinten in der Ecke sind Brennnesseln, ein Gewächs, gegen das die meisten Gartenbesitzer einen ausdauernden Kampf führen. Elstermann hingegen hat ein Brennnessel-Wäldchen stehen lassen. „Warum denn nicht?“, sagt er. „Das ist doch keine schlechte Pflanze.“

Hier war mal nur sumpfiges Gestrüpp: Rainer Elstermann im Mai-Grün seines Gartens in der Uckermark, den er aus jahrelanger Verwahrlosung gerettet hat.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Als er und sein Mann vor zehn Jahren das Grundstück kauften, waren hier überall Brennnesseln, und halbverdorrte Tannen. Es war schattig und sumpfig, in der Mitte stand ein kleines Haus, halb Jagdhütte, halb Bungalow. Es war nicht wirklich das, was sie sich als ihr Wochenend-Refugium auf dem Land vorgestellt hatten, aber irgendwie mochten sie das verwunschene kleine Anwesen am Rand eines Dorfes in der Uckermark. Klar war: Es würde Zeit brauchen, bis aus der zugewachsenen Fläche ein Garten geworden war. Im Nachhinein finden das beide gut. So bekamen sie ein Gefühl für das Grundstück und seine Möglichkeiten. Der Tümpel auf der einen Seite entpuppte sich als früherer Löschteich, sie hoben mit einem Bagger den Schlamm heraus und füllten ihn mit Wasser.

Den Sumpf auf der anderen Seite legte Rainer Elstermann langsam trocken. Wie das geht? „Man setzt so viele Pflanzen, die Wasser ziehen, dass der Humusanteil im Boden nach und nach steigt.“ Um die große Fläche auch in Hinblick auf die Kosten in den Griff zu bekommen, pflanzte er „invasive Arten, die ich gegeneinander antreten ließ“. Man hört das Vergnügen, das es ihm bereitet, eine Idee anzustoßen und dann die Pflanzen machen zu lassen. Zu sehen, was passiert.

Die invasiven, also zum Wuchern und Verdrängen neigenden, Pflanzen haben das Gebiet auf dekorative Art erobert. Überall stehen Straußenfarne mit ihren riesigen Wedeln, dazwischen Nester von Beinwell, einem hübschen Kraut mit vielen glockenartigen Blüten. Der Garten verändert sich beständig, auf dem weiten sonnigen Stück hinter dem Haus entsteht gerade eine „Matrix-Pflanzung“. So heißt das, wenn eine Fläche mit Gräsern oder Bodendeckern bepflanzt und dann, wie zufällig, von höheren Stauden durchbrochen wird.

Schon in dem viereckigen Beet erkennt man Rainer Elstermanns Handschrift: Ist nicht von allein so gewachsen, sieht aber fast so aus. Die Menschen, deren Gärten er gestaltet, wollen genau das. Nicht wenige seiner Kunden haben Häuser in der Nähe. New York hat die Hamptons, München hat das Alpenvorland, und Berlin hat sich inzwischen auf die Uckermark als Sehnsuchtsort fürs Wochenende geeinigt. Die sanfte hügelige Gegend, komfortabel über die A11 erreichbar, ist Ziel von Sonntagsausflügen, und wer es sich leisten kann, unterhält hier ein Weekendhaus. Die Eroberung durch die Städter nimmt man schon beim Durchfahren wahr – viele alte Bauten sind mit Bedacht renoviert, mit Holzfenstern und Steinmauern, die die Patina der Jahre zeigen dürfen. In den Gärten stehen Gießkannen von Manufaktum und Liegestühle aus dem Ikarus-Katalog, Requisiten eines stilbewussten Landlebens.

Mit Pflanzen wie der krautigen, gelbgrünen Wolfsmilch (Euphorbia amyagdaloides) legte Elstermann nach und nach sein Grundstück trocken.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Bis vor einigen Jahren, hat Rainer Elstermann festgestellt, genügte für einen solchen Zweitwohnsitz irgendwelches Grün drum herum. Jetzt reicht das nicht mehr, die Flächen sollen gestaltet werden, aber möglichst unverkünstelt, wie natürlich gewachsen. Elstermann gefällt diese Entwicklung, und das nicht nur, weil sie ihm Arbeit bringt. Er sieht darin eine heilsame Sehnsucht nach der Natur, wie sie einmal gewesen ist. Natur, ohne die der Mensch oft leben zu können meint. Ein Irrtum, davon ist er überzeugt.

Im Grunde ist auch seine Geschichte die einer Annäherung an die Natur. Als Kind liebte er den Schrebergarten seiner Großeltern in West-Berlin, wo er aufwuchs. Da war er oft, pflanzte, schnitt und erntete, wurde vertraut mit dem Kreislauf aus Wachsen, Reifen und Welken. Später wurde er Fotograf, zog nach London. Pflanzen blieben ein Interesse, er besuchte berühmte Gärten wie den der Schriftstellerin Vita Sackville-West in Kent und verstand, wie man mit Pflanzen gestalten kann, welche Wirkung sich damit erzielen lässt.

Es sollte viele Jahre dauern, bis er selbst einen Garten anlegte, am Berliner Schlachtensee, er gehörte der Mutter einer Freundin. Rainer Elstermann arbeitete da noch als Werbefotograf und hatte sich über die Branche hinaus einen Namen gemacht, Galerien verkauften seine Fotografien. Bei ihm aber wuchs ein Unbehagen: an den großen Fotoproduktionen, bei denen die Bilder fast zur Nebensache wurden. An den Eitelkeiten und Gepflogenheiten der Kunstszene, von der er nun ein Teil war. Am Ende war es jene Kunstszene, die ihm den Neuanfang als Gartengestalter vereinfachte. Der Wunsch war schon in ihm gereift, er wusste nur noch nicht richtig, wie er es anpacken sollte, da besuchte ihn ein namhafter Galerist in der Uckermark. Er war begeistert von dem Garten und erzählte, dass er auch einen plane und schon zu Piet Oudolf Kontakt aufgenommen habe, dem geradezu legendären niederländischen Landschaftsgärtner, dessen naturalistischer Gräserstil als „Dutch Wave“ bekannt geworden ist. „Das kann ich dir auch machen“, sagte Rainer Elstermann.

Es wurde sein erster Auftrag. Der nächste kam schnell, inzwischen ist Elstermann ein gefragter Gartengestalter. Viele seiner Kunden sind selbst Künstler oder haben beruflich mit Künstlern zu tun, und er schätzt ihren „Sinn für Freiheit“: Sie lassen ihn machen, vertrauen sich ihm an. Rainer Elstermann ist 55, er war Ende Vierzig, als er nochmal neu anfing. Er sagt, er habe sich in all den Jahren als Fotograf nicht so frei gefühlt wie jetzt.

Gräser zwischen Brandenburger Getreidefeldern: Der schmale Garten des bekannten Miet-Ferienhauses „Die kleine Acht“ stammt ebenfalls von Rainer Elstermann.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Er schlägt vor, einen kurzen Spaziergang zu machen zu einem kleinen Ferienhaus im Ort, dessen Garten er angelegt hat. Der Weg führt vorbei an der Kirche, dort haben Rainer Elstermann und sein Mann geheiratet. Sie sind schon lange nicht mehr nur an den Wochenenden hier, pendeln zwischen Uckermark und Berlin. Elstermann schätzt, dass jedes vierte bis fünfte Haus im Ort Berlinern gehört – weniger als in anderen Dörfern. Das, zu dem er nun führt, ist ein an sich unscheinbares Siedlungshaus aus den 1950er-Jahren.

Der Berliner Architekt Thomas Kröger hat es behutsam umgebaut, seine Häuser in der Uckermark sind für manche schon allein ein Grund für einen Ausflug. „Die kleine Acht“, wie dieses Anwesen nach seiner Hausnummer heißt, war vor ein paar Jahren die erste Zusammenarbeit von Kröger und Elstermann, andere folgten. Beider Arbeit hat etwas Selbstverständliches, Unaufdringliches, man sieht die Akribie dahinter nicht. Spektakulär wird die „Kleine Acht“ erst von innen, wenn man etwa im ersten Stock hinter dem neu eingesetzten großen Fenster steht, das den Blick auf Himmel, Feld und Garten einfasst wie ein Gemälde.

Der Elstermann-Garten des Ferienhauses „Die kleine Acht“, wie ihn sonst nur Vögel sehen.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Das Grundstück ist klein, dabei lang, schmal und spitz zulaufend. Eine Herausforderung für den Gartengestalter. Rainer Elstermann sagt, es sei ein Irrtum, zu glauben, dass ein kleiner Garten größer wirkt, wenn er als freie Fläche belassen wird: „Gerade dann braucht es eine räumliche Gliederung.“ Dieser Garten fordert dazu auf, sich in ihm zu bewegen, jeden Winkel zu erkunden. Zwei schmale Wege führen bis zur Spitze, hinter der das offene Feld beginnt, vorbei an einem langen unregelmäßigen Beet, das wirkt, als sei es zuerst dagewesen und man habe die Wege eben drumherum führen müssen. Darauf: weit ausgreifende Stauden und Gräser wie Katzenminze, Steppensalbei und Atlas-Schwingel in zerzauster Harmonie. Nepeta x fasseenii, Salvia nemorosa caradonna und Festuca mairei, sagt Elstermann. Wenn er Pflanzen benennt, klingt es wie ein Zauberspruch. Die Gärtnersprache ist nach wie vor Latein– ein britischer Kollege wüsste schließlich nicht, was ein Stinkender Nieswurz ist.

Schwalben zischen im Tiefflug über das Feld und durchqueren dabei den Garten. Es ist still hier am Ortsrand, so kann man hören, wie der Garten summt. Ein Sommergeräusch, das selten geworden ist. Als Rainer Elstermann hier pflanzte, sagte ihm der Nachbar, ein Imker seit den 1960ern, Insekten gebe es hier kaum mehr, und falls er auf Schmetterlinge hoffe: die schon gar nicht. Im nächsten Sommer waren sie da.