Martialischer Drang nach oben: Wilhelm II. (1859–1941) mit seinem „Kaiser-Wilhelm-Aufsteiger“. 
Foto: Heritage Images

Kaum waren die zauseligen Revoluzzerbärte samt Marx, Engels und Genossen im Exil verschwunden, da leitete 1871 die Gründung des Deutschen Reiches den Siegeszug der Kaiserbärte ein. Der wohlkomponierte Gesichtsbewuchs Wilhelms I. – wollig gelockt die würdevoll-grauen Backenbarthälften, dazwischen glattes Kinn und über der Lippe der altersweiße bzw. -weise Schnäuzer – fand Nachahmer über alle Standesgrenzen hinweg. Die Untertanen verstanden den gravitätischen Patriarchenlook als Symbol der Kaisertreue und ergriffen massenhaft die Möglichkeit zur klassenübergreifenden Identifikation via Körpergestaltung. Mit dieser Barttracht durfte sich der Schustergeselle wie ein Kaiser fühlen.

Der Reichsadler ließ sich auf des Kaisers Oberlippe nieder

Doch nicht jedem gestattete die Natur, sich dem kaiserlichen Ideal vollkommen anzugleichen. Denn: Jeder Bart ist anders. Wuchsfläche, Struktur oder Farbe des Restbestandes der im Laufe der Evolution eingebüßten Vollbehaarung  fallen beim Homo sapiens höchst individuell aus. (Während diese Einzigartigkeit im auf Konformität geeichten 19. Jahrhundert noch störte, kann man es sich heutzutage zum Glück frei aussuchen, welcher Kaiserbart am besten zum persönlichen Gesichtswuchs passt.)

Oben akkurat, unten barbarossig: Friedrich III. (1831–1888) kombinierte Scheitel und Vollbart.
Foto: Heritage Images

Mit opulenter Vollbartvariante trat 1888 Kaiser Friedrich III. nach dem Tode seines Vaters als Herrscher auf. In seinen 27 Wartejahren als Kronprinz hatte er sich militärisch, in Finanz- und Handelsfragen gebildet, sich gerne in architektonische und stadtgestalterische Fragen Berlins eingemischt, gegen den elterlichen Willen aus Zuneigung die britische Prinzessin Victoria zur Gemahlin erwählt und – bei aller Loyalität – gegen Vaters Politik opponiert. Liberale Hoffnungen begleiteten die Thronbesteigung. Doch nach nur 99 Tagen starb Friedrich III. an Kehlkopfkrebs. Das ging zu schnell für die Maler, Kupferstecher und sonstigen Hagiografen der Monarchie.  Als Mode setzte sich der Vollbart damals nicht durch.

Ganz anders wirkte der nächste Monarch im sogenannten Drei-Kaiser-Jahr 1888: Mit Wilhelm II., bei seiner Krönung 29 Jahre alt, nahm der Reichsadler Platz auf der edelsten Oberlippe der Nation. Modern, selbstbewusst, mit unmissverständlichem Machtanspruch reckten sich die Bartflügel des frisch Gekrönten schneidig in die Höhe. Das begeisterte Millionen deutscher Männer. Mit diesem Schnauzer fand die Tradition der Kaiserbärte ihren Höhepunkt.

Von dem US-amerikanischen Historiker Robert K. Massie ist eine Beschreibung Wilhelms II. zum Zeitpunkt des Regierungsantritts überliefert: „Wer den neuen deutschen Kaiser betrachtete, sah einen knapp mittelgroßen Mann mit rastlosen, strahlend blauen Augen und lockigem hellbraunem Haar. Sein auffallendstes Merkmal war ein buschiger Schnurrbart mit aufgebogenen Spitzen, die Kreation eines geschickten Barbiers, der jeden Morgen mit einer Dose Wachs im Schloss erschien.“

Tatsächlich kam allmorgendlich um sieben Uhr François Haby ins Berliner Schloss, ein Haarkünstler aus hugenottischer Familie, der seit 1880 in der dorotheenstädtischen Mittelstraße, keinen Kilometer von Kaisers Wohnung entfernt, erfolgreich einen Frisiersalon betrieb. Haby stylte Majestät zu großer Zufriedenheit und begleitete den Kaiser sogar auf Staatsbesuchen. 1890 erhielt er Rang des Hoffriseurs.

Zeitgeistprodukt Bartpomade 

Habys Ruhm und Vermögen mehrten auch die von ihm kreierten und vertriebenen Kosmetika, allen voran die Bartpomade mit dem grandiosen Namen „Donnerwetter – tadellos!“. Die Dose, die er jeden Tag für Majestät dabeihatte, enthielt klarerweise dieses Zeitgeistprodukt. Auch sonst ließ Monsieur Haby seiner dichterischen Lust freien Lauf: Seine Rasierseife hieß „Wach auf“, das Damenshampoo neckisch „Ich kann so nett sein“.

Trockener Schnurrbart beim Trinken: Barttasse aus Porzellan, um 1900, beschriftet mit „Ich gratuliere“.

Foto: Stiftung Stadtmuseum
Noch mehr haarige Lektüre

Eine ausführliche Historie liefert Christina Wietigs Dissertation „Der Bart. Zur Kulturgeschichte des Bartes von der Antike bis zur Gegenwart“, Institut für Gewerblich-Technische Wissenschaften - Fachrichtung Kosmetik und Körperpflege. Vollständig im Netz: https://d-nb.info/976764059/34

Fans von Geschichte(n) empfehlen wir Elisabeth Bartels „Donnerwetter tadellos! Kaiser, Hoffriseur und Männerbärte“, herausgegeben 2013 vom Stadtmuseum Berlin in der Reihe „Museum in der Tasche“. Darin finden sich auch Kuriosa wie die Barttasse in unserem Foto. 

Eine Bartbinde namens „Es ist erreicht“ ergänzte das Pflegeset. Und nicht nur Majestät legte die Binde über Nacht an, um die hochgezwirbelten Spitzen, genannt Kaiser-Wilhelm-Aufsteiger, in Position zu halten, sondern buchstäblich jedermann. Bartwichse und -binde, die Schönheits- und Statusprodukte für den Mann, gehörten einfach dazu in jener Boomzeit Berlins, als die Stadt innerhalb weniger Jahre zur Weltmetropole heranwuchs. Friseur Haby jedenfalls ließ 1901 seinen Salon in luxuriösem Jugenstil umgestalten – mit Marmorwaschbecken, Mahagonifurnier und spektakulären Messing-Armaturen. Einen Teil des Ensembles hütet heute das Märkische Museum am Köllnischen Park als Prachtstück seiner Ausstellung.

Unvollständig wäre die Liste der Kultgegenstände rund um das Thema „Kaisers Bart für alle“ ohne einen banalen Alltagsgegenstand: die Barttasse. Ein über der Öffnung platzierter Steg minimierte den Kontakt von Schnauzer und Tasseninhalt beim Trinken. In der Kaiserzeit verfügte wohl jeder Bartträgerhaushalt über mindestens ein Exemplar. Wer heute bei Online-Händlern nachschaut, stellt fest: Die Barttasse ist wieder da. Originale aus Kaisers Zeit erzielen schöne Preise, Neuproduktionen helfen modernen Bartträgern beim hygienisch und ästhetisch vorteilhaften Cappucinoschlürfen.

Einen Kaiserbart zu tragen verpflichtete wohl auch zu verbaler Disziplin: Entschlüpfte einem majestätsähnlich gezierten Mund ein illoyales Wort, hieß es schnell: „Majestätsbeleidigung!“ Heinrich Manns „Untertan“ Diederich Heßling   sagt es unmissverständlich: „Der Schnurrbart wird von Seiner Majestät getragen! Es ist die deutsche Barttracht.“

Bartpflege um 1900: Originalmobiliar des Salon Haby in der Ausstellung des Stadtmuseums Berlin im Märkischen Museum.
Foto: Stadtmuseum Berlin

Wie wir alle wissen ist es nichts Neues in der Menschheitsgeschichte, den Naturzustand des männlichen Gesichtshaares abzuwandeln, ihm eine neue Ästhetik zu geben oder es mit Symbolkraft aufzuladen – durch Schneiden, Formen, Drehen, Locken, Ölen, Parfümieren. Alte Kulturen haben Bärte sogar mit Goldstaub und Goldfäden veredelt oder auch mit Ersatzhaar ergänzt, um es üppiger und gesünder aussehen lassen. Heute bieten Bart-Extensions unbegrenzte Möglichkeiten in Form und Farbe.

Zumindest hierzulande geht es nicht mehr um den Glauben an die im ewig wachsenden Bart hausende göttliche Macht oder die Überzeugung, mit sprießendem Bart wüchsen dem Jungmann jägerische Qualitäten zu. Die Kulturhistorikerin Christina Wietig beschreibt den neuen Bart „als kulturkreisabhängigen virilen Individualausdruck für die Kommunikation“, ein weiteres Mittel, um „Lebensentwürfe, Haltungen, Temperamente, selbstgewählte oder gesellschaftlich erwartete Rollenbilder“ vorzuzeigen.

Bartträger fordern Blickkontakt ein

Optische Signale wie ein Bart helfen demnach bei der sofortigen Einordnung des Gegenübers: Rebell oder Konformist? Auch das Gegenteil ist möglich: Tarnung. Bartträger verlangen Blickkontakt, fordern also visuelle Auseinandersetzung ein, und gebieten zugleich Distanz. Im Gegensatz dazu steht die Beschwichtigungsbotschaft der Glattrasur: Der kindlichere Ausdruck des vollständig einsehbaren Gesichts, vor allem dessen Mimik, erscheint weniger bedrohlich.

Der Kaiserbart fusselte übrigens schon vor dem Ende der Monarchie seinem Ende entgegen. Wer im Ersten Weltkrieg die Gasmaske überstreifen musste, bevorzugte um des Überlebens willen glatte Haut. Übrig blieb mit dem Bürstchen des Gefreiten Hitler der nächste deutsche Kultbart.

Ersparen wir uns dieses ganz üble Kapitel mit der Ermahnung, die der Lübecker Poet Emanuel Geibel  1884 hinterließ. In einem seiner Gedichte streiten drei junge Männer im Wirtshaus darüber, ob der Bart Kaiser Friedrich Barbarossas braun, schwarz oder weiß gewesen sei und hauen schließlich mit Säbeln aufeinander ein. Deshalb der Appell: „Zankt, wenn ihr sitzt beim Weine, nicht um des Kaisers Bart!“