X-Chairs samt Beistelltischen auf den Granitplatten des Kulturforums: Die Möbel sind Paradestück des Designers Hermann August Weizenegger, dessen Ausstellung „ATMOISM – Gestaltete Atmosphären" noch bis März 2021 im Kunstgewerbemuseum läuft. 
Foto: Atelier HAW

BerlinDraußen klackern die Skateboards über die Asphaltkanten, drin wummern die Bässe. Das Kunstgewerbemuseum, das sich ein wenig versteckt am nördlichen Rand des Kulturforums befindet, empfängt seine Besucher dieser Tage mit Techno, dem Sound aus dem Underground der Neunzigerjahre. Das großzügig und offen gestaltete Innere des Sechzigerjahre-Baus von Rolf Gutbrod trägt den Klang aus dem Untergeschoss hoch zur Ebene des Eingangs. Die Techno-Installation ist Teil eines Parcours aus insgesamt 24 Stationen, mit dem sich „ATMOISM – Gestaltete Atmosphären“ durch die historische Sammlung im gesamten Haus schlängelt. Gezeigt werden Designobjekte von Hermann August Weizenegger.

Damit ist auch schon das Wesentliche dieser Ausstellung umrissen. Denn sicherlich zeugen die Einrichtungsgegenstände Weizeneggers von gestalterischem Können, sie sind schön und zeitgemäß. Aber das Besondere hier ist vor allem ihre Anordnung im Raum, ihre Interaktion mit dem Gebäude und den historischen Exponaten darin. Die Unterwanderung der präsentierten Designgeschichte mit zeitgenössischen Formen und Materialien ist es, die den Rundgang durch diese in der Tat atmosphärisch aufgeladenen Räumlichkeiten reizvoll macht.

Mitten in die Dauerausstellung, deren älteste Objekte aus dem frühen Mittelalter stammen, platzierte der in Berlin lebende Produktdesigner Weizenegger thematische Tableaus, die sich Lebens- und Arbeitssituationen in der Zukunft widmen. Ganz durchkalkuliert setzte er dabei auf das Zusammentreffen seiner Arbeiten mit der musealen Sammlung. „Die Idee zur Ausstellung entstand bei einem Besuch im Kunstgewerbemuseum, als Kuratorin Claudia Banz mir das Haus zeigte“, erzählt Weizenegger. „Ihr war es ein Anliegen, die Architektur und die Sammlung in ein neues Licht zu rücken, einen Dialog zu initiieren.“

Keramikelemente von Porcelaingres und Weizeneggers Gorilla-Chair: Die Installation „Zukunft“ wirkt wie gerade aus derselben im Museum gelandet. 
Foto: Felix Löchner

Neben den Objekten ist es also auch die „soft-brutalistische Architektur“ des Kunstgewerbemuseums, wie Weizenegger sie nennt, die eine Rolle im Erlebnis der Besucher spielt. Die Innenräume, die 2004 durch das Berliner Architekturbüro Kuehn Malvezzi neugestaltet wurden, wirken in der Tat wunderbar freundlich. Geradezu elegant platzieren sich darin die Rohbetontreppen, die als zentrales Element das Gebäude strukturieren. Unterschiedliche Materialien und Böden verleihen den Geschossen ihren jeweils eigenen Charakter. „Die meisten Museen, die ich kenne, haben überhaupt nicht die Raumhöhen, um Derartiges zu installieren“, so Weizenegger weiter. Man kann seine Ausstellung demnach auch als einen Ausdruck der Bewunderung für das Berliner Kunstgewerbemuseum verstehen.

Le Rouge et le Noir: Die weiße Urne „Cocoon“ hebt der Designer auf ein rotes Podest; hinten rechts ein (besitzbarer) X-Chair vor einer Vitrine. 
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/David von Becker

In abstrahierten Situationen gruppiert der Weizeneggersche Parcours die Einrichtungsgegenstände nach Themen wie „Aufenthalt“, „Arbeit“, „Wärme“, „Produktion“ bis hin zu „Tod“. Weizenegger, der schon für Marken wie Rosenthal, Möve, Intel oder Sony Music gestaltet hat, betreibt seit 2009 das Atelier HAW, mit dem er vor allem Kunstprojekte realisiert.

Dabei beschäftigt er sich auch mit Aspekten einer nachhaltigen Serienproduktion und arbeitet gezielt mit einheimischen Firmen zusammen. Auch der Großteil der Objekte in der Ausstellung wurde in deutschen Manufakturen hergestellt, darunter die Porzellanmarke KPM aus Berlin, die Keramikfabrik Porcelaingres in Vetschau, die Chemnitzer Handweberei Bernegger oder der Leuchtenhersteller Mawa aus Michendorf. Viele Stücke sind im Handel erhältlich, wie der „X-Chair“, den Weizenegger in diesem Jahr mit seinen Studenten an der FH Potsdam entwickelt hat. Der nachhaltig produzierte Stuhl ist mit einem Preis um die 370 Euro sogar recht erschwinglich. Auf das Möbelstück kann man sich in der Ausstellung setzen, im ganzen Haus wurden Exemplare verteilt und vor Vitrinen gestellt. 

Den Beginn von ATMOISM markiert die Station „Abbild“ im Untergeschoss mit einem Tisch, auf dem sich abstrahierte Kosmetikprodukte reihen. Die Idee ist es hier, das Veredeln und Kaschieren bei der finalen Bearbeitung von Designobjekten in Relation zum Retuschieren der menschlichen Haut durch Schminkprodukte zu setzen. Ein durchaus interessantes Gedankenspiel.

Danach folgt der „Körper“, jene eingangs erwähnte Soundinstalllation, die das sensorische Moment des physischen Rausches im Club wachrufen möchte. Das Material der schwarzen Schaumstoffmöbel erinnert an den Schallschutz an den Wänden von Musikstudios, Weizenegger entwickelte die flexible Kombination speziell für Events. An dieser Station spürt man die Stadt Berlin wohl am stärksten: „Es ist eine Hommage an die frühe Berliner Clubkultur der Neunzigerjahre,“ sagt Weizenegger. „Sie versucht, die rohe, brutale Betonatmosphäre jener Zeit widerzuspiegeln.“ Generell hat Weizenegger ein Faible für diese Thematik: „Ich habe vor Jahren auch eine feste Installation namens Felsenland für das Berghain entworfen.“

Weizeneggers Design schärft den Blick für die Finessen der Bestandssammlung – hier ein Fayence-Pokal aus der Renaissance in Gestalt einer Eule.
Foto:  Sabine Röthig 

Weiter geht es in der Ausstellung hinauf ins Obergeschoss, entweder über die ausladenden Treppen oder im hauseigenen Fahrstuhl, dessen Kabine gefühlt 1 x 1 Meter groß ist und in dem schnell klaustrophobische Gefühle aufkommen. Weg vom Techno-Sound, in eine von hellem Teppichboden gedämpfte Stille. Entlang der Wände, vorbei an den Vitrinen mit historischen Geschirrsets, Figuren und Vasen. Mittig auf Podesten sind weitere Stationen zu sehen. Eine spezielle Beleuchtung inszeniert diese Inseln, die sich mit nur wenigen Farben in ihre Umgebung fügen. Grau- und Beigetöne dominieren, Neonfarben setzen Highlights. „Die Ausstellung ist wie ein Modedefilee aufgebaut. Materialen, Muster und Farben mäandern“, erklärt der Designer. „Ich habe die schwarzen und weißen Vitrinen als Hauptfarben aufgegriffen und dazu entsprechend dunkle Farben gewählt.“

Das gesamte Kunstgewerbemuseum wird damit zur Installation – und das Konzept geht auf. ATMOISM ist ein extravagantes Szenario voller sinnlicher Momente, in dem man durch die Vergangenheit und die Zukunft des Designs wandelt. Und tritt man danach hinaus, dann sieht man ihn wieder vor sich liegen: den vielleicht schönsten zubetonierten Platz der Welt, das Kulturforum. Man erblickt die Skater, die ihre Kunststücke unermüdlich üben und spürt den eigentümlichen Frieden einer derzeit weitgehend touristenfreien Großstadt.

Die Ausstellung „ATMOISM – Gestaltete Atmosphären“ läuft bis zum 14. März 2021 im Berliner Kunstgewerbemuseum am Matthäikirchplatz. Im Rahmen von Führungen mit einer maximalen Teilnehmerzahl von 10 Personen ist die Ausstellung bis auf Weiteres ausschließlich an Wochenenden zugänglich. Tickets kann man hier online buchen. Im November 2020 ist das Museum durchgehend geschlossen.