BerlinEinem klassischen Klaus-Haapaniemi-Moment werde ich wahrscheinlich nie näher kommen als in jenen 20 Sekunden mit der Schnee-Eule. Das Ganze liegt drei oder vier Jahre zurück, so genau weiß ich es nicht mehr, doch von der Begegnung selbst steht mir jedes Detail noch deutlich vor Augen. Es war an einem grauen Wintertag; ich hatte gerade die Luchs-Skulptur in einem Hamburger Park passiert, da saß sie plötzlich vor mir in einem Baum. Dichtes, schneeweißes Gefieder mit schwarzen Sprenkeln darin und große, klare Augen wie aus Bernstein – eine absolute Schönheit. Die Eule hatte mich im gleichen Moment gesehen wie ich sie, ihr Blick schien zu sagen: „Nee, oder?“ Ein paar Sekunden starrten wir uns an, beide reglos, dann schwang sie sich auf und flog davon, keineswegs hektisch oder gar panisch, sondern mit ruhigem, kraftvollem Flügelschlag, fast lautlos und unglaublich souverän.

Der finnische Designer Klaus Haapaniemi hat solche kurzen Sequenzen wechselseitigen Wahrnehmens zwischen Tier und Mensch in den Dekoren seiner „Taika“-Serie für Iittala eingefroren und ist damit seit 2006 weit über sein Heimatland bekannt geworden. Von Tellern, Tassen und Schüsseln blicken einen seine Uhus und Eulen frontal an. Selbst die kreisrunden Fruchtkapseln der verzauberten Bäume, auf denen sie sitzen, erinnern ein wenig an Augäpfel. Wann gab es das schon: ein Geschirr, das uns in einen winterlichen Märchenwald entführt und dabei unverwandt anstarrt! Bjørn Wiinblads koboldhaftes Rosenthal-Service „Zauberflöte“ (ab 1969) ist im Vergleich höchst possierlich und nicht die Spur unheimlich. Ganz zu schweigen von den harmlos chevaleresken Fifties-Dekoren eines Raymond Peynet, ebenfalls für Rosenthal.

Haapaniemis Zauberwald hingegen oszilliert zwischen Manga-Charme, Computergrafik und dunkler Fantastik. „Taika“ bedeutet übrigens Magie auf Finnisch. Die hat in dem Fall offenbar bis heute nicht nachgelassen: Ganze 14 Jahre nach dem Launch führt Iittala noch immer Teile der Serie im Programm.

Foto: Klaus Haapaniemi & Co./Heikki Salonen
In den „Les Chats“-Kissenbezügen aus Reinleinen von Haapaniemi & Co. reiht sich Salonlöwe an Hauskatze. Um 80 Euro je Bezug, zu bestellen auf www.klaush.com

Ende der 2000er-Jahre zählte Klaus Haapaniemi, der in Lahti Grafikdesign studierte und anschließend in Italien für Marken wie Diesel oder Dolce & Gabbana arbeitete, zur Speerspitze des neuen finnischen Designbooms. Danach wurde es still um ihn, jedenfalls hierzulande. Doch nun ist er wieder da, ganz wörtlich: Seinen Hauptwohnsitz hat er vor einem Jahr von London nach Berlin-Neukölln verlegt, und gleich zwei Ausstellungen in Charlottenburg zeigen eindrucksvoll, dass der mittlerweile 50-Jährige in der zurückliegenden Dekade keineswegs untätig geblieben ist.

„Taika“ war nur die Keimzelle für den Haapaniemi-Kosmos, der sich jetzt in voller Pracht entfaltet. Zu den Eulen und Füchsen sind Bären, Hasen und Elche hinzugekommen, Schwäne und Auerhähne, Kugelfische, Wale und Schildkröten; selbst ein Trio prächtiger Motten bereichert das skurrile Bestiarium. Es gibt die fabelhaften Kreaturen auf Haapaniemi-Kissen und Haapaniemi-Teppichen, auf Vorhängen, Tischdecken und Leuchten, auf Kimonos, Hauspyjamas und Kinderkleidern. Wer mag, hat Gelegenheit, sich von Kopf bis Fuß, vom Bett bis zur Serviette mit Haapaniemi auszustatten.

Wie konnte all das über einen langen Zeitraum Gestalt annehmen, ohne vom Radar der allermeisten Lifestyle-Magazine registriert zu werden? „Vor gut zehn Jahren“, berichtet der Entwerfer, „haben meine Frau und ich in London unser Label Haapaniemi & Co. gegründet. Mit Ausnahme der Teppiche werden alle Produkte in kleinen Betrieben in Europa hergestellt. Gerade planen wir einen Laden in Helsinki, aber eigentlich gibt es die Kollektionen nur in unserem Onlineshop.“ Mia Wallenius, die Frau des Designers und als erfahrene Art Direktorin das „Co.“ im Firmennamen, fügt hinzu: „Auf diese Weise sind wir nicht überall präsent, aber wir müssen keine Händler bezahlen und können die Preise in einem angemessenen Rahmen halten.“

Wir treffen das Paar am Tag vor dem Winter-Shutdown im Salon Dahlmann beziehungsweise den Räumen der Miettinen Collection in der Marburger Straße, die sich dem finnisch-deutschen Kulturaustausch verschrieben hat. Erstmals widmet der Unternehmer und Kunstsammler Timo Miettinen einem Designer eine Einzelschau. Das Musikzimmer, der Speisesaal und das Gästezimmer wurden in ein Haapaniemi-Gesamtkunstwerk verwandelt, ergänzt um Kunst aus der Collection.

Und siehe da: Aus dem neutralen White Cube ist nun wirklich ein Salon geworden – weshalb es eine traurige Volte des Schicksals ist, dass coronabedingt nicht nur die Ausstellung auf unbestimmte Zeit schließen musste (plangemäß läuft sie noch bis 2. Mai), sondern auch das Begleitprogramm ausfällt. Empfänge, Dinners und Musikabende in einem Interieur, das in seiner grafischen Opulenz Erinnerungen an Jugendstil und Art déco heraufbeschwört, gäben Berlin einen Hauch alter Grandezza zurück.

Foto: Klaus Haapaniemi & Co./Johanna Laitanen
Mit seitlich verstecktem Zipper: zweimal „Iceflower Gown“ aus schön schwerer Seide, je 750 Euro.

„Drei Monate nach unserem Umzug war Corona da“, resümiert der Künstler. „Deshalb kennen wir Berlin fast nur im Ausnahmezustand. Wir sind gespannt, wie es wird, wenn sich die Stadt wieder füllt.“ Die Eingemeindung ins Berliner Kulturleben hat aber längst begonnen, wie sich im kleinsten der drei Haapaniemi-Räume, dem Gästezimmer, erweist. Dort hängt eine ovale Stofflaterne, die mit ihrem aparten Heuschrecken-Muster perfekt ins Set von „Babylon Berlin“ passen würde. „Das stimmt“, sagt Mia Wallenius. „Diese Leuchte ist eine Einzelanfertigung für Timo Miettinen, aber ein paar andere Entwürfe von uns wurden tatsächlich in der Serie benutzt.“ In der zweiten Staffel von „Babylon Berlin“ etwa erwacht die weibliche Hauptfigur Charlotte Ritter in den Fängen des „Moka Efti“-Besitzers Edgar Kasabian, genannt „Der Armenier“, und hüllt sich ängstlich in einen Haapaniemi-Bettüberwurf. Dessen Dessin heißt, dramaturgisch auf den Punkt: „Rabbit“.

Andere Sonderanfertigungen für die Ausstellung sind das schier endlose Tischtuch im Speisesaal und die mehr als drei Meter hohen Vorhänge im Musikzimmer mit allerlei Meeresbewohnern, Grashüpfern und Himmelsgestirnen. „Als wir diesen Entwurf im Frühjahr zum ersten Mal präsentierten“, erzählt Mia Wallenius, „wurden wir gleich gefragt, ob die Kreise etwa Corona darstellen.“ Verblüffender noch als die Motivwahl ist der Umstand, dass sich das Muster erst nach zirka zwei Metern wiederholt. Wie ist es möglich, einen so großen Rapport zu drucken? „Unsere Prints entstehen digital“, erklärt Haapaniemi. „Die Größe des Dessins hängt deshalb einzig von der Kapazität des Arbeitsspeichers ab, nicht wie herkömmlich von Druckwalzen. Bei der Tischdecke sind es übrigens mehr als vier Meter ohne Rapport.“ „Sieben Meter“, korrigiert ihn seine Frau. Auch Einzel- und Sondereditionen lassen sich auf diese Weise leicht realisieren.

In der Firma gilt eine klare Arbeitsteilung: Er ist für die künstlerische Gestaltung zuständig, sie für die konkreten Produkte, etwa die Entwürfe der Modelinie. „Ich bin mehr an der grafischen Umsetzung interessiert“, sagt Klaus Haapaniemi. „Aber natürlich weiß ich, wohin die Reise gehen soll und wie die Kollektion aussehen wird. Das legen wir im Vorfeld gemeinsam fest.“ Ob man ihn als Designer oder als Künstler definiert, ist ihm egal. „Nur wenn ich Illustrator genannt werde, reagiere ich manchmal genervt. Im Normalfall setzt ein Illustrator die Vorgaben eines Auftraggebers um – etwa eines Magazins, oder es geht um ein kommerzielles Produkt. Das ist nicht, was ich mache.“ Designaufträge anderer Firmen nimmt er trotzdem hin und wieder an. „Es kann sehr erfrischend sein, zwischendurch mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten und etwas zu entwickeln, an das man persönlich womöglich nie gedacht hätte. Das kommt aber nicht allzu oft vor.“

Foto: Klaus Haapaniemi & Co./Tommi Aittala
Grashüpfer und, huch, etwas Virusartiges: Haapaniemi-Druck auf Lampionleuchte in der 3-Raum-Installation des Berliner Salon Dahlmann in der Marburger Straße 3. Mehr Info unter miettinen-collection.de.

Zu den regelmäßigen Ausnahmen zählen die aufwendigen Weihnachtsdekorationen, die Haapaniemi für das Tokioter Warenhaus Ginza Six realisiert. In Inszenierungen von November 2019 bis März 2020 „tauchten“ zwei 15 Meter lange Walfische aus Bambus, Stahl und Washi-Papier durch den Lichthof des Nobelkaufhauses. Und 2015 brachte die Finnische Nationaloper in Helsinki eine Inszenierung von Leoš Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ heraus, für die Haapaniemi nicht nur das Bühnenbild, sondern auch sämtliche Kostüme entwarf. Die Hälfte der Figuren sind Tiere – ihn einzuladen, sich an der Produktion zu beteiligen, lag also auf der Hand. Drei Jahre intensiver Arbeit flossen in das Seitenprojekt. „Ich habe unglaublich viel gelernt in dieser Zeit. Sogar eine Tournee durch Japan war geplant. Leider stellte sich heraus, dass die Kulissen und die Bühnenmaße in Japan nicht zusammenpassen, so zerschlugen sich die Pläne.“

Das Arbeiten in 3-D scheint sich auch auf Haapaniemis Zeichenstil ausgewirkt zu haben. Längst nicht mehr sind seine Tierschöpfungen auf Profil- und En-face-Darstellungen reduziert wie noch bei „Taika“. Sie wirken flüssiger und stilistisch vielfältiger, wenn auch vielleicht etwas niedlicher als zuvor und weniger bizarr. Speziell auf den Prints der Modelinie nimmt das Auge sie häufig zunächst nur als flirrende Muster wahr, wie man sich im Dezember bei der zweiten Berliner Ausstellung überzeugen konnte. Auch diese Präsentation von Studio4Berlin fand ein vorzeitiges Ende; zumindest das Schaufenster jedoch bleibt noch während der ersten Januar-Tage unverändert. Die Berliner Galeristin Anne Schwarz (mit Schwarz Contemporary auf finnische Zeitgenossen abonniert) zeigt in der Krummen Straße nicht nur Kleidung von Haapaniemi & Co, sondern auch ein weiteres Projekt: „Xenia“, eine Folge von Farbradierungen in 40er-Auflage, die Klaus Haapaniemi seit 2015 mit der Druckwerkstatt Himmelblau in seiner Heimatstadt Tampere realisiert.

Tatsächlich kommt hier eine ganz andere Facette des Künstlers zum Vorschein. Die bislang neun Blätter sind anmutig wie Ruth Koser-Michaels’ Märchenbuch-Illustrationen aus den 1930er-Jahren. Doch die Abgründe, die sich bei genauerem Hinsehen offenbaren, erinnern eher an den berühmten US-Gegenwartskünstler Walton Ford. Wieder stehen – wie könnte es anders sein – Tiere im Mittelpunkt. Hier allerdings werden sie nicht als glamouröse Individuen in ihrer mehr oder weniger natürlichen Umgebung gezeigt, sondern fast collagenhaft mit überraschenden Nachbarn zusammengebracht. Auf „Xenia I“ zum Beispiel ist ein Hahn zu sehen, der nicht etwa auf einem Misthaufen thront, sondern auf einem ausgewachsenen Oktopus.

Foto: Klaus Haapaniemi & Co./Ginza Six
Giganten aus Bambus und Papier: Dieses Wal-Paar von Haapaniemi tummelte sich kürzlich, als wären es Riesenlampions, im Lichthof des Shopping-Komplexes „Ginza Six“ in Tokio. 

Im Verlauf der Reihe schleichen sich zunehmend Hinweise auf das Einwirken des Menschen ein, ohne dass er selbst je im Bild erschiene. Stattdessen ist etwa eine Krabbe zu sehen, deren Scheren mit starkem Gummiband gefesselt sind. Ein Jagdfalke, angetan mit einer ledernen Haube, liegt rücklings und wie tot auf einem angeschnittenen Weichkäse. Ein gutes Dutzend reizend aussehender Hummeln brummt um seinen Balg, als wollten sie dort Nektar saugen. Sind sie zu Aasfressern mutiert oder, im Gegenteil, eben seinem Gefieder entsprungen ? Bei „Xenia VI“ sind drei kleine, mit Kabelbindern fixierte Tintenfische auf einer japanischen Ziermelone platziert, die vom Gärtner in Würfelform gezwungen wurde. Es ist, als offenbarte ein besonders aufwendiges und durchaus appetitliches Arrangement in einer Kaufhaus-Auslage unversehens auch den Horror der Zurichtung.

Was beim Betrachten vielleicht am meisten beunruhigt, ist die erzwungene Nähe der Tiere und Objekte. Nicht von ungefähr ist es ein Finne, der all diese unpassenden Symbiosen ersonnen hat. Mehr als andere verstehen sich Finnen darauf, auch das Positive am Social Distancing wahrzunehmen, nicht nur in Corona-Zeiten. Während des ersten Lockdowns gab fast ein Viertel von ihnen an, sich sogar besser zu fühlen als vorher. Für Klaus Haapaniemi und Mia Wallenius kamen diese Ergebnisse nicht überraschend. Wallenius: „Viele Leute sind ganz froh, wenn sie einmal nicht gezwungen sind, ständig zu interagieren.“ Haapaniemi: „Und für jemanden, der sonst in einer stressigen Karriere steckt, kann diese Zeit geradezu eine gewisse Freiheit bedeuten.“

Oft reicht es ja durchaus, sich kurz und aus sicherer Distanz anzusehen. Es gibt aber auch jene Fälle von Magie – und damit wären wir wieder am Beginn unserer Geschichte angelangt –, da wünscht man sich, das Gegenüber könne sich vielleicht doch zu einem längeren Verweilen entschließen. Tervetuloa Berliiniin, Klaus! Willkommen in Berlin.

Webshop und mehr Information: www.klaush.com/collections