Berlin - Solch ein Kleidungsstück nennen Influencerinnen „It-Piece“. Ein absolut angesagtes Teil, das man einfach haben muss. Das zartgrau-roséfarbene Gebilde aus fluffigem mongolischem Ziegenfell ist nicht einfach eine Jacke und schon gar kein Erbstück, auch wenn es so eingeführt wird. Christiane, gespielt von Jana McKinnon, bekommt vom Vater ihres Freundes eine Pelzjacke geschenkt, die einst die Mutter des Jungen trug, bevor sie aus dem Leben der Familie verschwand. Eine Hinterlassenschaft, die deutlich sagt, dass das nicht gut gehen konnte: eine Frau, die so etwas Pariserisches trägt, und ein Mann in grauer Joppe im Spießerzimmer.

Filmkostüme erzählen Geschichten innerhalb eines einzigen Augenblicks, auch das epische Format der gerade angelaufenen Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ funktioniert nach diesem ökonomischen Prinzip. Vor allem aber weist Christianes Jacke aus der historischen Verortung der Geschichte heraus: Das Teil ist ein Objekt, das eindeutig nicht aus dem West-Berlin der 1970er-Jahre stammt; Kostümbildnerin Nicole Fischnaller entdeckte es in einer Valentino-Kollektion aus den letzten Jahren. Sie erzählt das am Telefon, während sie im Kostümtrailer die nächste Anprobe am Set vorbereitet. Sie arbeitet bereits an der nächsten Streaming-Serie, wieder in einer anderen Epoche.

Davor kleidete sie Emma Watson und Daniel Brühl ein

Nicole Fischnaller hat in den 80er-Jahren ein Modestudium an der Modeschule Hetzendorf der Stadt Wien absolviert. Seit Mitte der Neunziger arbeitet sie als Kostümbildnerin für Kino- und Fernsehfilme. Zweimal war sie für den Deutschen Filmpreis nominiert: für ihre Kostüme in Stefan Ruzowitzkys oscarprämiertem Drama „Die Fälscher“ und für Florian Gallenbergers „Colonia Dignidad“ mit Emma Watson und Daniel Brühl.

Mit dem Regisseur Ruzowitzky hat sie bereits mehrfach gearbeitet. Er war es auch, der sie mit seinem Debüt „Tempo“ und später mit dem Psychothriller „Anatomie“ in die Filmbranche holte. Im Jahr 2000 zog sie nach Berlin, weil dort immer mehr Filme produziert wurden. In Fischnallers Filmografie dominiert das Arthouse-Kino, aber auch für Musikvideos entwarf sie Kostüme. Mit seinen Tanzszenen hat „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ einiges von letzterem Genre. Das Sound, damals eine Diskothek in der Genthiner Straße in Tiergarten, wurde in einem verlassenen Theater in Prag als gleißende Club-Kathedrale gebaut. Die Serie holt die Geschichte der Clique um Christiane F. damit in eine Gegenwart, die gerade im Begriff ist, Vergangenheit zu werden.

Foto: Privat
Hat die Story im Blick: Kostümbildnerin Nicole Fischnaller.

Mehr als vier Jahrzehnte hat das Buch „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ schon überdauert. Im Jahr 1978 erschienen, gelbe Schrift auf schwarzem Grund, ein Foto vom Straßenstrich mit Freier und jugendlicher Prostituierter auf dem Cover, wird es zum Dokument des Drogenelends in der alten Bundesrepublik. Drei Jahre später verfilmen Uli Edel und sein Produzent Bernd Eichinger das Erfolgsbuch; gedreht wird an Berliner Originalschauplätzen, unter den Statisten am Bahnhof Zoo sind auch Heroinabhängige.

Mit Henna und Schmuddel-Jeans kann man der Generation Insta nicht kommen

Fleckige Jeans, labbrige T-Shirts, Kunstlederjacken: Auch die Kleidung der Darsteller entsprach damals ganz dem dokumentarischen Konzept. Das junge Publikum der heutigen Streamingdienste kennt diese Bilder nicht einmal mehr aus der Schule, wo der Kinofilm in Präventionsabsicht über Jahre im Unterricht gezeigt wurde. An Schmuddel-Jeans und hennagefärbte Strähnen kann eine mit Instagram aufgewachsene Generation nicht anschließen – für sie sind das Veteranengeschichten der Eltern. Tatsächlich hat eine ganze bundesdeutsche Generation das Buch und den Film auf mitunter distanzlose Weise verehrt. Christiane F. wurde zum Idol, obwohl sie einmal hellsichtig sagte: „Wir leben in einer Gesellschaft, die dem Rausch huldigt und den Süchtigen verachtet.“

Auch Nicole Fischnaller las das Buch, als sie in der 11. Klasse war, irgendwann in den 70er-Jahren in Süddeutschland, wo sie aufgewachsen ist. Vor Beginn der Dreharbeiten für die Serie hat sie es noch einmal gelesen und darin auch die Episode mit der Jacke wiedergefunden. Wie das gute Stück wirklich aussah, weiß vermutlich nur Christiane Felscherinow selbst. Zu einer Begegnung zwischen der inzwischen 58-jährigen Protagonistin, die damals den beiden Stern-Reportern ihre Geschichte erzählt hat, und der Kostümbildnerin kam es nicht. Leider nicht, sagt Nicole Fischnaller.

Andererseits war schnell klar, dass die neue Serie andere Wege gehen musste als der Kinofilm. „Letztendlich wurde von der Produktion entschieden, den Stoff nicht historisch darzustellen, sondern ihn zeitlos zu interpretieren“, sagt Fischnaller. „Das Thema Drogensucht von Jugendlichen war ja mit den 70er-Jahren nicht vorbei. Wir wollen das Thema einem jungen Publikum nahebringen.“

Foto: Constantin Television/Mike Kraus
Hotpants, Netzstrumpfhosen und Overknees (von links): Jana McKinnon (Christiane), Lea Drinda (Babsi) und Lena Urzendowsky (Stella) auf der Kurfürstenstraße.

Für die Kostümbildnerin hieß das, mit der Kleidung ein Zeichensystem zu schaffen, das die Figuren einerseits definiert und sie andererseits im Vagen lässt. Zunächst studierte sie Plattencover, Fotobände und Filme aus der Zeit. Das Material diente ihr als Fundament statt als strikt nachzuahmendes Modell: „Wenn man eine Geschichte aus den 70er-Jahren auf eine zeitlose Ebene transportiert und stilistisch überhöht, muss man zunächst wissen, wie es in Wirklichkeit war, damit man etwas verändern kann“, sagt Fischnaller. „Erst dann kann man mit anderen Kleidungsstücken, Farben und Materialien einen Look herstellen, der dem damaligen Stil sehr ähnelt, aber dann doch wieder neu ist.“

Sie erstellte Moodboards – Materialsammlungen aus Bildern und Stoffstücken–, die sie an die Wände des Kostümraums hängte. Aktuelle Modekampagnen waren ebenso darauf zu sehen wie fotografierte Funde von ihren ausgedehnten Streifzügen über Flohmärkte. Weitere Quellen waren Secondhand-Läden und die Vintage-Shops von Picknweight, in denen die Ware nach Gewicht bezahlt wird. In Augsburg kaufte Nicole Fischnaller den Restbestand eines aufgegebenen Kaufhauses auf, anderes nahm sie aus ihrem eigenen Fundus. Für die Clubszenen warteten schließlich mehrere Hundert Komparsen auf komplette Einkleidung. Zwei 14-Tonner voller Kostüme wurden in Berlin bepackt und fuhren dann an den Hauptdrehort nach Prag. Nach Abschluss der Dreharbeiten wurden die Kostüme an das Berliner Ausstattungshaus „Theaterkunst“ verkauft, das Kleidung an Film- und Fernsehproduktionen vermietet.

Stellas grüner Ledermantel ist auch eine Panzerung

Die Kostüme von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ sind eklektisch, mischen Stile und Epochen. Das Alte sieht neu aus, das Neue alt und die Kleidung verändert sich mit der Entwicklung der Darsteller. Vom Höhenflug – buchstäblich, denn es gibt echte Schwebeszenen beim Tanzen in der Disco Sound – bis hin zum Absturz, dem Leben auf der Straße, markiert sie den Zustand der Figuren.

Es sind Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren, gespielt von Schauspielern um die 20. Und natürlich ist es eine Clique höchst individueller Persönlichkeiten: Christiane, die vom Schulmädchen zum Partygirl wird. Stella, das früh erwachsen gewordene Kneipenkind, vernachlässigt von einer alkoholkranken Mutter; ihr flaschengrüner Ledermantel ist auch eine Panzerung. Babsi, das Mädchen aus der Dahlem-Villa, mit Spitzenkleidchen ausstaffiert von der Großmutter.

Foto: imago/STAR-MEDIA
Autorin Christiane (F.) Felscherinow auf der Frankfurter Buchmesse 2013.

Und dann die Jungs, sehr schmal, sehr soft, feminin fast, in offenen gemusterten Hemden und engen Hosen. Es ist ein Look, für den Nicole Fischnaller ein wenig bei Hedi Slimane „geguckt“ hat, wie sie sagt, in der Phase, als er für Dior Homme Anzüge entwarf, in denen man eigentlich nur stehen kann. In den Anproben vollzogen sich Metamorphosen: „Die Jungs kamen in ihren Sneakers daher“, erzählt Fischnaller. „Dann ziehen sie so einen kleinen Stiefel an und plötzlich gehen sie ganz anders. Sie haben einfach einen anderen Auftritt. Die Kostüme haben ihnen geholfen, ihre Figuren zu verkörpern.“

Gab es Widerstand gegen irgendeines der von ihr vorgeschlagenen Kleidungsstücke? „Eher waren sie überrascht: ‚Ich ziehe doch sonst nie so eine enge Hose an!‘ Als die Kostüme für alle sechs fertig waren, war eine eingeschworene, lässige Clique entstanden.“

Die Serie will nichts nachahmen, sie will eine Welt erfinden

Diese Figuren kleiden sich bewusst, wie es Jugendliche eben tun, aber sie sprechen nicht darüber, konkurrieren nicht über Kleidung. Die Mädchen sind keine Fashionistas, die Jungs keine Dandys. Sie probieren Rollen aus. Kleidung ist Schutz für sie, Geborgenheit, Abgrenzung und schließlich Arbeitsmontur. Als sie auf den Strich gehen, setzen sie die klassischen Mittel ein: Netzstrümpfe, Hotpants, Overknees. Den Machern der Serie vorzuwerfen, sie schickten die Drogensüchtigen auf den Catwalk, geht an der Grundidee vorbei. Die Serie will nichts nachahmen, sie will eine Welt erfinden. Mit der Realität des Straßenstrichs an der Kurfürstenstraße hat das nichts zu tun; authentisch ist hier einzig das U-Bahn-Schild.

Foto: Soap Images/Mike Kraus
Die Tür sagt: Berlin, 1970er. Der Look von Christiane (Jana McKinnon) dagegen ist Berlin heute. 

Alle kommerziellen Filme und Serien verbinden Bild- und Produktwelten, wecken Lust auf die Objekte, die auf dem Screen zu sehen und woanders zu erwerben sind. Auch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ tut das, vielleicht auf explizitere Weise als andere deutsche Serien.

Oliver Berben, einer der Produzenten der Serie, spricht das unverbrämt aus. Für die Coolness von Kleidung liefert er in einem Presse-Video eine einfache Definition: „Die Kids, die das sehen, müssen danach diese Klamotten kaufen wollen. Die müssen in einen Laden reingehen und sagen: Ich hätte gern so eine Jacke, wie Christiane sie trägt.“ Ob das passiert, wird sich zeigen. Schon jetzt aber hat „Christianes Jacke“ das Potenzial, im Bildgedächtnis zu bleiben, in bester Gesellschaft mit Jodie Fosters weißem Hut aus „Taxi Driver“ oder Nastassja Kinskis pinkfarbenem Angora-Pullover in Wim Wenders’ „Paris, Texas“.


Die Serienadaption von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ startet am 19. Februar exklusiv bei Amazon Prime Video in Deutschland, Österreich und der Schweiz.