Angeli/Berlin - „Kaamos“, so heißt die Polarnacht auf Finnisch: die Zeit um die Wintersonnenwende, in der sich die Sonne in den Polargebieten viele Tage bis Monate nicht zeigt. Am Nord- und Südpol dauert die Polarnacht fast ein halbes Jahr, an den Polarkreisen genau einen Tag. Und doch schleicht sich hier an manchen Tagen Licht in die Landschaft – vielleicht liegt es am Schnee, der oft halbmeterhoch auf den gut trainierten Tannenzweigen liegt. Es gibt pastellfarbene Tagesmitten, die bald wieder der Dunkelheit weichen.

Die samische Künstlerin und Rentierzüchterin Ursula Länsman sieht also zwei, fast drei Monate lang keinen einzigen Sonnenstrahl. Sie lebt 450 Kilometer nördlich vom Polarkreis in Angeli, einem Dorf mit ein paar verstreuten Holzhäusern rund um einen See. Zur nächsten Bushaltestelle und zum Supermarkt sind es 50 Kilometer. Schon als Siebenjährige kannte Länsman die Namen von Hunderten Vogelarten, Fischen, Pflanzen, Flechten. Und sie wusste, dass sie später einmal das Geschäft ihres Vaters weiterführen würde. Ihre Familie gehört zu den Samen, dem einzigen indigenen Volk Europas, dessen traditionelle Musik die Joiks sind. Mit ihrer Band Angelit hat sie jahrelang weltweit auf der Bühne gestanden und auch im Süden, in Helsinki, gelebt. Aber trotz oder vielleicht gerade wegen der langen Winter wollte Ursula Länsman zurück in ihre Heimat.

Wie fühlt sich das an, monatelang ohne Licht?

Darüber mache ich mir eigentlich nie Gedanken – außer jemand fragt mich danach. Es geht irgendwie immer ganz schnell. Im Herbst denkt man plötzlich: Oho, schon ganz dunkel. Und im Frühjahr ist es umgekehrt, aber genauso plötzlich. Hier oben bemerkt man fast täglich den Unterschied, wie es heller oder eben dunkler wird – in einem halben Jahr dreht es sich ja von ganz hell nach ganz dunkel und danach zurück. Das Licht kommt ja auch wieder! Bereits unsere Urahnen hielten sich für Kinder der Sonne und schrieben den ersten Sonnenstrahlen nach Kaamos eine heilende Wirkung zu.

Aber ist die Dunkelheit nicht umso deprimierender? Schon im Berliner Winter hat man mitunter das Gefühl, die Düsternis erdrückt einen.

Nein, eigentlich ist es großartig. Alles kommt zur Ruhe, auch man selbst. Man arbeitet und ist viel entspannter, es ist nicht so viel Druck da. Für mich ist das eine Zeit zum Auftanken. Im Grunde finde ich die Dunkelheit sogar eher erfrischend. Da hilft natürlich auch die Kälte, die wachhält. Die Nachteile sind ohnehin eher banal, zum Beispiel wächst einem ab November quasi die Stirnlampe am Kopf fest. Manchmal tragen die Leute sie noch beim Einkaufen, gerade die Rentierzüchter, wenn sie auf dem Weg von der Arbeit sind. Man braucht sie ja auch, selbst wenn man nur mal schnell Holz aus dem Schuppen holen will. Und dann nervt es, wenn man wieder vergessen hat, sie aufzuladen und die Batterien ausgehen.

Wie kommt man morgens aus dem Bett?

Wenn es sehr dunkel ist und nass, ist das schon eine Überwindung. Allerdings besser aushaltbar als im Sommer, denn im Winter sieht man das Ekelwetter wenigstens nicht sofort! Man ist auf eine Art und Weise geschützter. Ungemütlich ist vor allem der Herbst, wenn es regnerisch ist und noch kein Schnee liegt, der als Reflektor mehr Licht bringt. Da hilft es schon, wenn man wegen der Arbeit einfach aufstehen muss – die Rentiere scheren sich ja nicht um Wetter und Dunkelheit.

Aber wie hält man den Arbeitstag durch, macht die Dunkelheit nicht auch müde?

Es gibt ja im Grunde keine Arbeitszeiten. Nicht nur, weil wir keine Bürozeiten haben. Weil es immer dunkel ist, ist es letztlich egal, ob man um zwei Uhr mittags oder um zwei Uhr nachts arbeitet. Die Stirnlampe braucht man sowieso immer. Also ist es im Prinzip dasselbe wie im Sommer: Da ist es auch egal, ob man am Tag oder in der Nacht schläft, weil es immer gleich hell ist.

Verliert man da nicht die Orientierung, auf wann stellt man zum Beispiel jeden Tag den Wecker?

Es gibt schon noch so etwas wie die biologische Uhr. Aber ich bin ohnehin ein Nachtmensch und kann ohne Probleme bis mittags schlafen. Dann steht man irgendwann auf, macht ein bisschen Hausarbeit und legt sich wieder ins Bett oder schaut Netflix. Zu tun gibt es jedenfalls auch drinnen genug: aufräumen, waschen, putzen, Dinge reparieren, ob es nun die Spülmaschine ist oder der Motorschlitten. Im Januar und Februar ist es mit den Tieren wieder etwas ruhiger, dann mache ich Handarbeiten. Vor allem sitze ich an der Nähmaschine, denn ich mache selbst meine Trachten, die wir bei Feiern oder Beerdigungen tragen. Jetzt im Herbst ist dafür keine Zeit, wir sind wegen der Rentiere viel unterwegs, es ist die Zeit der Rentierscheidung und -schlachtung. Noch abends sitzen wir oft zu Hause und zerteilen und verpacken das Fleisch. Eigentlich müssten wir gerade auch die Felle an den Wänden draußen befestigen, aber es ist im Moment so nass.

Und wenn Sie im Wald mit den Tieren arbeiten – wie finden Sie sich zurecht?

So wie im Sommer auch. Die Wege kennt man. So wie es in der Stadt Wegweiser gibt, haben wir unsere Wegweiser in der Natur, nämlich bestimmte Bäume, Flüsse, Pflanzen, die wir erkennen. Und unsere Motorschlitten oder Quads haben ja Lichter. Außerdem reflektiert der Schnee viel Licht, es fühlt sich gar nicht so richtig dunkel an. Schnee und Dunkelheit gehören aber auch sonst zusammen. Ich sitze immer auf unserer Terrasse zum Kaffeetrinken und Rauchen. Im Winter sieht man Sachen, die man im Sommer nicht sieht. Der See vor unserem Haus ist gefroren, man sieht dann die Spuren der Tiere – Füchse, Nerze, Bären oder Dachse.

Gibt es wegen des Klimawandels nicht immer weniger oder seltener Schnee?

Schnee gibt es schon noch genug. Uns macht der Klimawandel eher Sorgen, weil die Temperaturen so schnell wechseln und es dann oft zu warm ist. Im Zweifel kann uns das die Lebensgrundlage rauben: Schon jetzt hatten wir öfter das Problem, dass im Winter zwischendurch Plusgrade waren, der Schnee teilweise schmolz und wieder gefror. Das heißt, die Rentiere kommen nicht an ihr Futter – die Flechten sind wie hinter einer harten Glasfläche verschlossen. Und es ist superteuer, zuzufüttern, das lohnt sich einfach nicht. Auch nicht, sie halbverhungert nach Hause zu bringen – es sind ja Hunderte.

Solange das Wetter stimmt: Kann man gut leben von der Rentierzucht?

Rentierzucht ist eine Lebensform. Wenn du Rentierzucht als Beruf siehst, das hält keiner durch. So wenig Geld bei so viel Arbeit, wir kommen auf einen Stundenlohn von vielleicht zwei Euro. Sicher könnte ich im Museum arbeiten, in einer Bank oder im Tourismus. Da verdient man mehr. Aber Rentiere halten ist eine Leidenschaft, es ist dein Leben. Man muss es lieben.

Ihr Vater ist auch Rentierzüchter. Sind Sie also eine Art Familienunternehmen?

Man kann Rentiere ja nicht einfach auf irgendeinem Markt kaufen. Bei uns gehören sie seit über 200 Jahren zur Familie. Wobei es ja noch nicht so lange, vielleicht seit 100 Jahren, so ist, dass man überhaupt Rentiere besitzt, sie also markiert. Vorher haben zum Beispiel drei Familien zusammen Rentiere versorgt, aber nicht unter der Prämisse: „So viele gehören dir, so viele mir.“ Man hat einfach gemeinsam mit und von ihnen gelebt. Die Rentierzucht prägt unser Leben, unsere Kultur. Wenn es im Sommer nicht die Markierungszeit gäbe, dieses Ereignis, wo sich alle treffen, um die Kälber zu markieren, dann wäre der Sommer leer. Obwohl es nur eine oder zwei Wochen sind.

Und im Winter sitzen alle vereinzelt in ihren Häusern?

Nein, wir sind auch draußen, und das Zwischenmenschliche ist dann vielleicht noch wichtiger. Man fährt zusammen 80, 100 Kilometer in die Wildnis, wochenlang arbeitet man mit 100 Leuten mitten im Wald, ohne Strom, ohne Telefon, nur mit Generatoren für LED-Licht. Außerdem gibt es auch im Winter einen Höhepunkt im Rentierjahr, die Rentierscheidung: Tagelang treiben wir da die Tiere mit Motorschlitten, Quads und Helikoptern von ihren Weideflächen aus den Wäldern auf ein vier oder fünf Fußballfelder großes Areal. Da laufen die Tiere im Kreis, alle in dieselbe Richtung. Als würde eine unsichtbare Hand sie lenken. Es sind pro Tag um die 1500 Tiere, aber ich erkenne meine von weitem, an der Ohrmarkierung. Dann treiben wir sie mit Quads in ein Holzgatter, rennen mit fuchtelnden Händen über das Gelände und schreien – das mögen die Tiere nicht. Wir bilden eine Menschenkette und laufen mit einem 200 Meter langen Absperrband hinterher. Dann lassen wir 40, 50 Tiere in ein Korral …

Was bitte ist ein Korral?

Eine Art Zaunrund, wie eine Zirkusmanege. Da stehen wir dann in Zweier- oder Dreiergruppen – allein richtet keiner etwas gegen die kräftigen Tiere aus. Und dann entscheiden wir, durch welches Tor wir sie schicken: eins führt zurück in die Freiheit, das andere zum Schlachter. Am nächsten Tag, wenn die Tiere keine Stresshormone mehr im Blut haben, fahren wir sie in die Schlachterei, wo sie wieder ein, zwei Tage Ruhe bekommen.

Und was machen Sie dann? Auch erst einmal ausruhen?

Ich arbeite auch in der Schlachterei! Mein Job ist es, die entnommenen Organe zu kontrollieren. Ich stehe am Ende der Kette: Erst tötet einer das Tier, der nächste nimmt den Kopf ab und die Zunge. Das Tier liegt dann auf dem Rücken und zwei von uns machen die „Jacke“ auf am Bauch und an der Brust – so nennen wir das Fell. Als Nächstes zieht einer das ganze Fell mit einer Art Lift ab. Dafür wird das Tier angehoben und das Fell bleibt am Boden. Einer nimmt den Magen raus und lockert die Organe: Leber, Hoden, Lunge, Herz. Dann schaue ich, dass die in Ordnung und sauber sind, also zum Beispiel kein Kot dran ist. Danach kommt alles in die Kühlung. Wenn wir zu Hause schlachten, kann ich nicht hinschauen. Und wenn sie eines meiner Tiere töten, schließe ich ihnen die Augen. Das ist schon ein komisches Gefühl. Vor der Schlachtung ist das Tier ja viele Tage bei uns, da lernt man es kennen, seinen Charakter … Das ist dann keine schöne Sache. Erst wenn alles weg ist, der Kopf und das Fell, und nur mehr der Rumpf übrig ist, dann ist es ganz ok, dann ist es nur ein Stück Fleisch.

Ist es selbstverständlich, dass auch Frauen diesen auch physisch fordernden Job machen, oder ist das eine Männerdomäne?

Im Prinzip schon. Aber anfangs hatte ich keine Ahnung und es war oft peinlich, wenn ich nicht wusste, wovon die Jungs sprachen. Ich dachte, als Frau kann ich jetzt nicht fragen, und habe dann immer nur meinen Vater gefragt … Viele hier sagten ja: Ach, die bleibt nicht lang, die geht zurück nach Helsinki. Aber hier bin ich!

Wahrscheinlich auch, weil es hier noch einen richtigen Winter gibt?

Genau. Der Winter, den es früher in Helsinki gab, ist zu uns hochgewandert. Immerhin haben wir ziemlich sicher noch an Weihnachten Schnee. Und die Dunkelheit natürlich, die nimmt uns keiner weg. Und all die Farben, die Tage wie Nächte in der Dunkelzeit haben. Je nachdem, welche Sterne am Himmel stehen, ob der Mond scheint, ob es Nordlichter gibt oder Schneefall. Bei manchen Wolken verfärbt sich das Tageslicht gelblich – vielleicht hat das mit dem Wasser zu tun, das sie tragen … Oder es ist grau, neblig.

Ist die Dunkelheit für Sie als Künstlerin auch eine Inspirationsquelle?

In der Dunkelheit kann man viel Ruhe finden, und aus der Ruhe entstehen die Ideen. Die meisten Ideen kommen mir beim Schlafen. Ich wache dann davon auf, dass ich endlich eine Lösung dafür habe, wie wir die Küche umbauen. Oder ich habe ein neues Gedicht oder einen neuen Joik im Kopf.

Mit den Joiks besingen die Samen die Natur, Menschen und Tier. Ist Dunkelheit in Ihren Versen auch ein Thema?

Nicht direkt. Ich meine, im Sommer schreibe ich ja auch nicht über die Sonne. Mich inspiriert dann eher der Schnee. Das Licht, das er gibt, seine Geräusche. Es ist inzwischen ja recht bekannt, dass es in unserer Sprache Hunderte Worte für Schnee gibt. Je nach Konsistenz und Jahreszeit, ob alt oder neu, nass oder trocken, fein oder grob, pulvrig oder fest. Und ich habe das Gefühl, die Gedanken im Dunkeln sind anders. Alles ist mystischer. Bestimmt treiben sich genau jetzt da draußen Dutzende Trolls vor dem Fenster herum. Wir Sami haben eine animistische Vorstellung von der Natur, wir glauben, dass auch alles Nicht-Organische auf eine Art lebt und heilig ist.

Zu den mysteriösen Erscheinungen gehören natürlich auch die Nordlichter, die im Dunkeln besonders beeindruckend sind.

Nordlichter sind für uns nicht nur irgendein Naturschauspiel. Wir glauben, dass unsere Ahnen dann am Himmel tanzen. Sie schaffen sich da oben ihre Bühne, schauen uns zu, zeigen sich ihrerseits und führen ihr Schauspiel auf. Ich finde, das hat etwas sehr Magisches und auch sehr Tröstliches.

Freuen Sie sich trotzdem auf den Frühling, wenn das Licht wiederkommt?

Ich glaube, kaamos und yötön yö, also die nachtlose Nacht, sind gleichbedeutend, das eine ist nicht besser als das andere. Weihnachten ist für uns so eine Art großes Winter-Sonnenwendfest. Da denkt man: Bald fängt der Frühling an. So wie wir beim großen Mittsommerfest oft schon eine dicke Strickjacke tragen und denken: Ab jetzt wird es schon wieder dunkler. In diesem Sinne ist Weihnachten noch besser als das Mittsommerfest.

EIN PAAR FAKTEN ZUR RENTIERZUCHT

  • Die Rentierzucht ist die Lebensgrundlage der Samen. In Norwegen und Schweden dürfen sogar ausschließlich Samen Rentiere besitzen. Trotzdem lebt nur noch etwa jede(r) sechste von der traditionellen Zucht, denn gerade in Zeiten des Klimawandels ist das geschäftliche Risiko sehr hoch. 
  • Es ist wie bei den Vokabeln für Schnee: Die Samen erklären, dass es in den samischen Sprachen unzählige verschiedene Wörter für das Ren gibt, je nachdem, wie alt, wie groß und wie kräftig das jeweilige Tier ist.
  • Seit jeher gab das Ren den Samen alles, was sie brauchten: Zug- und Tragkraft, Felle für Kleidung und Schuhwerk, Lederdecken für ihre Zeltbehausung, Decken für die Schlafstatt. Werkzeug aus Geweih oder Knochen. Dazu kommen Fleisch, Fett und Milch.
  • Noch heute werden Rentierhäute zu einem weichem Leder gegerbt. Aus den Klauen macht man Leim, die Sehnen sind beim Nähen von Winterkleidung und Trachten haltbarer als Garn. Und aus dem Horn werden Messer hergestellt.