Nix Shabby Chic: Interiordesign-Legende Bunny Williams dekorierte diesen Raum im Wochenendhaus einer prominenten Immobilien-Maklerin in Southampton, N.Y..
Foto: Douglas Friedman, Styling Anita Sardisi

BerlinDas „schönsten“ im Buchtitel ist klarerweise verhandelbar, aber eins steht außer Zweifel: Dieses Buch versammelt die teuersten Räume der Welt – mit der größten kreativen wie technischen Sorgfalt, dem irrsten Materialaufwand, dem höchsten Detailperfektionismus ausgestattet. Vom New Yorker Penthouse über das Riad mit Pool in Marrakesch bis zur Gated-Community-Datscha in den Wäldern bei Moskau: Was die weltweiten zehn Editionen von AD Architectural Digest zum 100. Geburtstag des Magazins aus ihren Archiven geholt haben, ist nichts für Neidanfällige.

„Die Länderredaktionen wählten jeweils rund 30 Motive der Ausgaben der letzten paar Jahre aus, aus denen wir dann das Layout erstellten“, erzählt mir Marie Kalt, Chefredakteur der französischen AD-Edition und Kuratorin des Projekts, am Telefon aus Venedig. Das „Visuelle und das Diplomatische in Einklang zu bringen“, das sei das Komplexeste an dem Projekt gewesen. Will heißen: Da dies auch ein Who’s Who der wichtigsten Innenausstatter unserer Epoche ist, wollte so mancher in diesem Buch vor der Konkurrenz gereiht werden. Was naturgemäß nicht immer klappen konnte.

Immerhin: Das deutsche AD, das seit einem knappen Vierteljahrhundert existiert, kommt in dem Band gleich an zweiter Stelle, nach der Ur-Ausgabe des Magazins aus den USA, und ist mit 22 spektakulären Räumen vertreten. Stolze elf davon liegen in Berlin oder Brandenburg, doch auch Köln, Frankfurt, München, Münster und der Chiemgau sind vertreten. „Lieber riskiert man zu wenig Einrichtung als zu viel“, bringt Chefredakteur Oliver Jahn die deutsche Grundhaltung in Sachen Raumgestaltung auf den Punkt. „Klar ist aber auch: Mutloses Schwarzweiß-Denken führt zu Erstarrung, und gegen die ist AD Architectural Digest immer angetreten.“ 

Wer sich weder Peter Marino noch India Mahdavi oder Joseph Dirand leisten kann, profitiert beim Blättern durch die hier kompilierten Wohnideen. Und realisiert dabei nebenbei, wie sehr das weltumspannende Moderne-Rokoko der letzten Jahre die Bilanzen von Logistikfirmen fütterte und ganze norditalienische oder deutsche Landstriche in Lohn und Brot hielt. Denn in Europa produzierte Polsterlandschaften, Teppiche und Leuchten sind inzwischen auch auf indischen Terrassen, in chinesischen Hofhäusern und in saudischen Neo-Palästen präsent. Gar nicht zu reden von all den Küchengeräten, Wannen und Badarmaturen.

Phänomene wie Chinoiserie, Orientalismus und Japonismus haben sich in der Globalisierung der letzten Jahre offensichtlich umgekehrt: Nun ist es der Osten/Süden, der sich beim Wohnen gern mit westlichen/nördlichen Objekten schmückt. Am Schluss dieses gewaltigen Kulturaustauschs steht wohl das Ende des Denkmodells „Hier Heimat, da Exotik“. Aber wozu klagen? Das ist es doch, was Anna Wintour meint, wenn sie ihr Vorwort in dem Band mit den Worten beendet: „Wie viel wir doch voneinander lernen können.“

Coverfoto: Massimo Listri
Architectural Digest: The Most Beautiful Rooms in the World (Englisch)

Kuratiert von Marie Kalt, Chefin von AD France, vereint der Bildband die Interior-Highlights der letzten Jahre aus den weltweiten Editionen des Magazins. Rizzoli New York, 2020. Hardcover, 336 Seiten, um 60 Euro.


Margit J. Mayer war von 2000 bis 2011 Chefredakteur der deutschen Ausgabe von AD. Heute leitet sie den Bereich Stil & Magazine des Berliner Verlags, in dem auch die Berliner Zeitung erscheint.