Think global, act local: die Unternehmerin Anita Tillmann, 47. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinEin Interview mit Anita Tillmann ist keine Plauderei – die Unternehmerin spricht sehr fokussiert über ihre Modemessen Premium und Seek, über Berlin und über die Fehler in Sachen Mode, die ihrer Meinung nach hier gemacht werden. Beim Treffen in den Räumen ihrer Firma nahe des Gleisdreiecks, wo in der Station Berlin ab 14. Januar wieder die Premium stattfindet, kommt Tillmann dennoch zum Schluss, dass die deutsche Hauptstadt eine Herzensangelegenheit ist.

Frau Tillmann, die erste Premium fand 2003 statt. Wie hat sich die Messe seitdem entwickelt?

Wir haben als Nischenmesse im U-Bahnhofstunnel am Potsdamer Platz angefangen, mit 70 Marken. Mittlerweile sind es circa 700 Marken auf der Premium und über 300 auf der Seek. Damals haben wir mit der Idee, Modemessen zu revolutionieren höchstens für Neugier gesorgt. Mittlerweile sind wir Marktführer in Europa. Wir entwickeln das Konzept ständig weiter, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht automatisch mit einer Steigerung der Qualität einhergeht, wenn man ständig alles umschmeißt und neu macht. Das ist oft fast einfacher, aber nicht immer die bessere Strategie.

Für uns ist es wichtig, dass wir den globalen Markt und seine Entwicklungen im Auge haben. Nehmen Sie nur das Beispiel der Nachhaltigkeit: Wenn man dieses Thema heute bei der Planung einer Modemesse und der Auswahl der Themen und Marken nicht mit einbezieht, dann ist das leider am Markt vorbeigeplant. Nachhaltigkeit und Transparenz sind die beiden Themen, die momentan eine unglaublich große Rolle spielen. Wir haben das bei der Premium schon vor über zehn Jahren berücksichtigt und thematisiert.

Was hat sich geändert?

Früher hat man nur ein T-Shirt gekauft. Heute kauft man die Emotion, das Image und die Geschichte einer Marke dazu. Der Endverbraucher will wissen, woher das T-Shirt kommt und ob dafür jemand leiden musste. Welche Ressourcen dafür verbraucht wurden und wie viel davon. Auf der Seek gibt es über 80 nachhaltige Marken und wir diskutieren diese Thematik auch im Rahmen neuer Content-Formate.

Aber ist das nicht auch eine Frage des Geldbeutels? Viele Teenager gehen doch trotzdem zu Discountern wie H&M oder Primark und legen keinen Wert darauf zu wissen, woher die T-Shirts kommen.

Gegen dieses Argument spricht die weltweite „Fridays for Future“. Die Haltung der Jugendlichen geht in eine andere Richtung, das beobachte ich auch an meinen Töchtern. So war die Wahl meines neuen Geschäftswagens bei uns zu Hause ein Riesenthema. Die Kinder sprachen sich sehr vehement gegen einen herkömmlichen Pkw aus – das Ergebnis ist, dass ich auf einen Hybrid umgestiegen bin und mein Mann schon ein Elektroauto fährt. Kinder sind die zukünftig relevanten Konsumenten und haben Einfluss auf das Angebot. Vielleicht nicht überall, aber es kommt. Und ich finde das gut.

Die zusätzliche Wirtschaftsleistung durch die Fashion Week liegt laut einer Studie der Investitionsbank Berlin bei über 120 Millionen je Saison ... Dass das nicht ernst genommen wird, ist total unverständlich.

Anita Tillmann

Haben denn alle Marken, die bei der Premium und der Seek ausstellen, bei diesen Themen mitgezogen?

Nicht alle, aber viele. Es ist positiv zu sehen, was sich alles bewegt. Immer mehr Marken überdenken ihre Verpackungen, Materialien und Produktionsstätten. Das ist natürlich ein langer Weg. Wir bieten auf unseren Messen zum Thema Nachhaltigkeit und Verantwortung diverse Konferenzformate, Live-Talks und Roundtable-Diskussionen mit Experten an. Ziel ist es dabei, Know-how, Erfahrungen und Infrastruktur zu teilen, sich auszutauschen und neue Kontakte zu machen. Dafür sind unsere Messen bekannt.

Es gibt aber auch andere Gründe, warum Marken wie beispielsweise Diesel und Replay vor rund einer Dekade richtig bedeutend waren und heute keine große Rolle mehr spielen. Während die Digitalisierung lief, haben viele die Bedeutung der sozialen Medien für die Mode ignoriert und die Macht des Endverbrauchers unterschätzt. Aber auch hier gilt: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

Zur Person

Anita Tillmann, geboren 1972 in Düsselorf, kam schon früh zur Mode. Nach einem Diplom in Textil- und Bekleidungswirtschaft und einem Aufbaustudium in Marketing führte sie ihre Karriere vom Consulting zu Marken wie Joop! und Kathleen Madden. Anfang der 2000er-Jahre wechselt sie zu Pixelpark, einem Pionier im Online-Business.

2002 enwickelte Tillmann die Idee der Messe Premium, auf der Damen-, Herren-, Schuh- und Accessoires-Kollektionen – bis dahin nur getrennt auf segmentspezifischen Messen gezeigt – zusammen präsentiert wurden. Was als Nischenveranstaltung begann, ist mittlerweile zu einer international renommierten Messe mit mehreren Hundert Marken gewachsen. Zusätzlich hat Tillmann die Streetwear-orientierte Messe Seek ins Leben gerufen. Beide Messen finden in diesem Jahr vom 14. bis 16. Januar statt. Parallel findet am 14. und 15. Januar die Fashiontech statt, eine Konferenz für digitale Inhalte und Zukunftsideen in und aus der Modeindustrie.

Tillmann lebt in Berlin, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

In der Vorstellung des Laien: Treten Marken an Sie heran, um auszustellen, oder wählen Sie die aus?

Beides. Unsere Teams bestehen aus Mode- und Marktexperten, die viel reisen, recherchieren und im Namen der Firma ein großes nationales und internationales Modenetzwerk pflegen. Wir gestalten die Markenportfolios auf beiden Messen, Premium und Seek, sorgfältig. Wir wissen in der Regel, was nach Berlin und zur Premium oder Seek passt. Und wir nehmen die Verantwortung gegenüber unseren Ausstellern wie Besuchern ernst.

Suchen Sie selbst auch Marken aus?

Ja, ganz gezielt. Wenn wir der Meinung sind, dass eine Marke passt, dann sprechen wir die Firmen an. Und es gibt junge Marken und Talente, die wir fördern.

Erhalten Sie bei Ihrer Arbeit Unterstützung vom Senat?

(lacht) Nein. Wir machen das schon immer alles aus eigener Kraft und eigenem Budget heraus.

Ist Berlin eine Modestadt?

Ganz ehrlich: Nein, das ist den Berlinern wirklich total egal. Seitens der Politik gibt es wenig bis kein Interesse an der Modebranche, obwohl diese ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Berlin ist. Wir haben inzwischen über 3000 Unternehmen aus der Branche hier angesiedelt, Tendenz steigend. Die Umsätze lagen laut einer Studie bereits 2016 bei über 5,5 Milliarden Euro. Die zusätzliche Wirtschaftsleistung durch die Fashion Week liegt laut einer Studie der Investitionsbank Berlin bei über 120 Millionen je Saison. Die öffentlichen Einnahmen Berlins erhöhen sich aufgrund der zusätzlichen Wertschöpfungseffekte um rund 33 Millionen Euro pro Jahr. Als wir 2003 anfingen, gab es von all dem nichts. Dass das nicht ernst genommen wird, ist total unverständlich.

Von außen wird Berlin allerdings schon als „Modestadt“ wahrgenommen. Das rührt natürlich primär aus der Annahme, dass dort, wo wenig Geld ist, auch Kreativität stattfindet. Berlin ist per Definition keine Modestadt, aber ganz sicher eine Trendstadt. Ein Barometer für Looks, Trends und Ideen. Das liegt auch daran, dass wir bundesweit die Stadt mit den meisten jungen Menschen sind.

Ich habe leider oft das Gefühl, in einer Stadt zu leben, die nicht regiert, sondern verwaltet wird.

Anita Tillmann

Sind Sie denn in Ihrer Eigenschaft als Unternehmerin in der Modebranche zufrieden mit Berlin? Hat man Ihnen hier geholfen, aus Ihrer Messe etwas Großes zu machen?

Zufrieden sind wir sicherlich nicht, denn es findet keine Förderung statt. Es gibt im Senat weniger als eine Handvoll Leute, die ihr Bestes geben. Aber das reicht eben nicht, um einen Standort dauerhaft und im internationalen Wettbewerb zu positionieren. Als Unternehmerin bin ich in der glücklichen Lage, von Beginn an Geld verdient zu haben. Aber der Standort braucht ein Konzept und ein Budget, um mithalten zu können. Ich habe leider oft das Gefühl, in einer Stadt zu leben, die nicht regiert, sondern verwaltet wird.

Für welche Bereiche der Stadt empfinden Sie das so?

Berlin wird weltweit als Kreativpool gesehen, hier wird erfolgreich Business gemacht, alle schauen auf das scheinbar unerschöpfliche Potenzial, und was macht die Stadt daraus? Nichts. Wir bieten weder jungen Menschen noch Unternehmern wirkliche Perspektiven, um wachsen zu können. Potenziale, die in Berlin einfach verschwendet werden. Wir und viele andere sind hier erfolgreich trotz der Politik. Und nicht wegen der Politik. Wenn man dem etwas Gutes abgewinnen will, dann macht uns diese Situation womöglich stärker, aktiver. Man muss wach bleiben und selber schaffen. Aber das tun leider nicht alle. Es ist frustrierend, denn es führt dazu, dass der Standort keine Chance hat eine relevante Rolle in Europa einzunehmen. Es fehlt einfach am nötigen Geld und an Interesse.

Gab es mal den Impuls mit der Messe in eine andere Stadt zu gehen?

Wir haben mit der Station Berlin am Gleisdreieck und der Arena Berlin zwei super Locations und das noch für mehrere Jahre. Davon abgesehen befinde ich mich konstant in einem Zwiespalt: Ich liebe Berlin und ich lebe auch gerne hier. Trotzdem führen wir unser Unternehmen so, dass unsere Messen, Konferenzen und Events jederzeit auch in einer anderen Stadt stattfinden könnten. Sollte der Mietvertrag nicht verlängert werden und sollten sich hier keine Alternativen finden, würden wir weiterziehen.

Aber Berlin ist immerhin die Stadt mit der meisten Strahlkraft?

Berlin hat noch Strahlkraft, wobei diese nachlässt. Grund dafür sind vor allem strukturelle Probleme. Außerdem gibt es zu wenig Zusammenhalt und kein gemeinsames Ziel der Veranstalter. In anderen Städten wie Paris, Kopenhagen oder New York werden Modeeinkäufer und Medienvertreter eingeflogen, in Berlin passiert das nicht. Diejenigen, die zur Fashion Week kommen, kommen in erster Linie wegen der Modemessen.

Was muss sich ändern?

Die Anbindung und die Infrastruktur sind für uns ein Riesenproblem. Berlin braucht im besten Fall zwei Flughäfen, BER und Tegel! Und natürlich wäre es wünschenswert, wenn es eine Förderung gäbe für die Modebranche. Es muss groß gedacht, gehandelt und gearbeitet werden. Und zwar gemeinsam. Globalisierung und Digitalisierung fordern neue Skillsets bei Politikern, damit eine Unternehmung wie das Regieren Berlins erfolgreich gestemmt werden kann. Ich liebe diese Stadt von Herzen und möchte auch nicht woanders leben. Aber manchmal tut es weh, bei diesem Missmanagement zusehen zu müssen und selber machtlos zu sein.