Ein Magnet für Wildbienen und andere Summer: der vanillegelbe Riesen-Schuppenkopf (Cephalaria gigantea)
Foto: Rainer Elstermann

Berlin/UckermarkViele Gartenbesitzer mögen kein Gelb. Die Farbe gilt als nicht besonders fein – zu laut, zu simpel sonnig, von dezenter Eleganz keine Spur. Während meiner planerischen Tätigkeit als Gärtner höre ich darum oft von den Bauherren: Bitte kein Gelb! So erreichte mich erst kürzlich das Foto einer Kundin mit der allerersten Blüte auf ihrer Gartenanlage und dem enttäuschten Kommentar: „Natürlich gelb!“ 

Dabei könnte ich mir durchaus vorstellen einen „Yellow Garden“ zu entwerfen, als gelbes Gegenstück zu den „White Gardens“, die die englische Gartenkoryphäe Vita Sackville-West im letzten Jahrhundert so populär gemacht hat und die eine Zeit lang jeder haben wollte. Genauso gut könnte ich mir vorstellen, einen schwarzen Garten zu konzipieren, oder zumindest einen schwarz-weißen. Pflanzen gibt es genug. Aber zurück zu Gelb. Tatsächlich wirkt diese Farbe nicht auf Fotos, und da wir Gärten heute hauptsächlich in Magazinen, Bildbänden oder auf Instagram sehen, entscheiden wir uns erst einmal dagegen.

In der Natur aber hat Gelb eine große Kraft, denn es vermittelt Lebensfreude und Vitalität. Ein Tupfer Gelb hilft oft dabei, eine Bepflanzung erst so richtig lebendig zu machen. Von Zitronengelb über Schwefel-, Gold- und Senfgelb bis hin zu Chartreuse (Grüngelb) – die Farbe hat viele Schattierungen, und in jeder davon kommen wunderbare Pflanzen daher. Ganz oben auf meiner Liste steht etwa das Mädchenauge Coreopsis verticillata „Moonbeam“, das eine solch beschwingte Fröhlichkeit ins sommerliche Bild bringt, dass ich die Blüten im Garten nicht mehr missen möchte. Nicht zu vergessen ihre ziemlich neue, gefüllte Schwester Coreopsis „Full Moon“.

Erfreut im Sommer bei jedem Gartengang: Coreopsis verticillata „Moonbeam“, auch als Quirlblättriges Mädchenauge bekannt.
Foto: Rainer Elstermann

Eine der Pflanzen, die wir alle tausendfach gesehen haben, ist der Frauenmantel Alchemilla mollis. Und dennoch hat das weiche, verbindende Grüngelb der Blüten immer wieder aufs Neue eine bezaubernde Wirkung. Besonders mag ich den Frauenmantel als Blockbepflanzung, zum Beispiel vor einer dunklen Eiben- oder Rotbuchenhecke, eine Kombination, die ich gerade für eine denkmalgeschützte Villa bei uns in der Uckermark verwende. Selbst wenn man die Blüte nicht mag, sind die glitzernden Tau- und Regentropfen auf den hellgrünen Blättern Grund genug, diese Pflanze im Garten zu haben.

Eine Pflanze für schwierige Standorte ist Phlomis russeliana. Die Besonderheit sind ihre zitronengelben Blüten, die als die schönsten getrockneten Samenstände im winterlichen Gartenbild gelten. Sie trotzen Wind und Regen mit aufrechtem Stand.

Liebt sonnige Standorte und duftet herrlich mediterran: das Silbrigblättrige Heiligenkraut (Santolina chamaecyparissus). 
Foto: Rainer Elstermann

Die eingangs erwähnte erste und „leider gelbe“ Blüte im Garten meiner Kundin gehörte zur Sorte Anthemis tinctoria „Sauce Hollandaise“. Sie ist eher milchig-weiß und hat eine senfgelbe Mitte. Reines Gelb zeigt sie höchstens im Aufblühen, doch es ist wirklich nur ein Hauch. Sie gehört zu meinen absoluten Favoriten. Eine ähnliche Färbung haben Santolina chamaecyparissus mit silbrigem Laub und deren grünlaubige Verwandte Santolina rosmarinifolia, das Heiligenkraut. Beide erfreuen das Auge mit samtigen, knopfartigen Blüten in senfigem Dunkelgelb. Sie brauchen wenig Wasser und eignen sich zum Beispiel für Vorgärten sowie für sehr sonnige und trockene Ecken.

Eine Pflanze, die im Frühsommer schnell wächst und daher als Strukturgeber geschätzt wird, ist der Riesen-Schuppenkopf Cephalaria gigantea. In meinem eigenen Garten wird sie bis zu drei Meter hoch. Die blassgelben, schwefeligen Blüten erinnern an Skabiosen, für viele die Wiesenblume schlechthin. Bei Inula magnifica „Sonnenspeer“ und Telekia speciosa wiederum, die beide zu den Riesen im Garten gehören, erinnere ich mich an meine Kindheit. Damals wunderte ich mich stets, warum Dürer so komische Sonnenblumen gemalt hat und weshalb er scheinbar nicht in der Lage war, sie korrekt darzustellen. Heute weiß ich, dass es eben diese beiden Pflanzen waren, und gar keine Sonnenblumen.

Wie mit dem Aquarellpinsel gelb betupft: die Färber-Hundskamille (Anthemis tinctoria) „Sauce Hollandaise“.
Foto: Rainer Elstermann

Wunderschön und für alle Grundstücke geeignet, die mit großflächigen Wänden – zum Beispiel von Scheunen – abschließen, ist die Rose „Mermaid“ mit ihrer tropischen Anmutung. Buttermilchweiß mit gelber Mitte ist sie ein Unikat unter ihresgleichen. In Sissinghurst, dem berühmten Garten von Vita Sackville-West, blüht sie an einer roten Ziegelmauer; mit dem zunehmend milderen Klima sollte sie auch in Berlin und dessen Umland einen Versuch wert sein. Ich setze sie diesen Sommer erstmals bei einem Projekt ein. Keep your fingers crossed.

Zu guter Letzt noch eine Geschichte, in der die gelb blühende Ficaria verna eine wichtige Rolle spielt. Sie ist nicht besonders schön und gilt vielen als Unkraut, aber sie erinnert daran, dass es – wie Stefan Zweig in „Sternstunden der Menschheit“ eindrucksvoll beschreibt – mitunter kurze Momente und Zufälle sind, die über das Schicksal der Welt entscheiden. Bei uns wird die Pflanze „Scharbockskraut “genannt, wobei sich der Name von Skorbut ableitet. Schon im Spätmittelalter wurde sie gesammelt und getrocknet, um sie Seefahrern auf Schiffsreisen mitzugeben. Sie enthält viel Vitamin C und ersetzte Obst und grünes Gemüse, das für lange Expeditionen nicht haltbar genug war. Durch den Verzehr des Krauts war es möglich, den gefürchteten Ausbruch von Skorbut unter den seefahrenden Entdeckern zu verhindern. Was wäre wohl aus ihnen und unserem kostbaren europäischen Fortschritt seit der Renaissance geworden, hätte nicht jemand die schützende Wirkung dieser Pflanze entdeckt, noch bevor man die Inhaltsstoffe genau analysiert hatte.


Unser Gartenkolumnist Rainer Elstermann auf Instagram: https://www.instagram.com/neuelandschaftsgestaltung