Tradition ist Revolution: Diors Cruise-Collection 2021 in apulischer Festtagskulisse, samt feministischer Slogans aus Rummelplatz-Lichtern. 
Foto: Dior/Filippo Monteforte

Paris/LecceAuch als Film begann die Cruise-Präsentation von Dior ganz als waschechte Modenschau: nämlich mit Verspätung. Nachdem auf dem Bildschirm der Countdown heruntergelaufen war, durfte man sich erst einmal 15 Minuten lang die immer gleichen Bilder der Piazza del Duomo im apulischen Lecce anschauen. Wobei vor der Barockfassade der Kathedrale deutlich mehr zu sehen war als alte Steine: Der Platz war mit einer spektakulär farbenprächtigen LED-Lichterarchitektur dekoriert, von der fortan jeder Weihnachtsmarkt träumen darf.

Die ornamentalen Holz-Konstruktionen, die mit Tausenden von kleinen Lichtern verziert sind, gehören in der Region von Lecce zur Tradition und werden als luminarie bezeichnet. An Festtagen sollen sie historische Monumente oder Heiligenstatuen durch ihre besondere Beleuchtung zur Geltung bringen. Diesmal taten sie das für die feministischen Slogans, mit denen Diors Kreativdirektorin Maria Grazia Chiuri der Luxusmarke eine deutlich jüngere, aufmüpfigere Klientel beschert hat. In drei Sprachen – Englisch, Französisch, Italienisch – blinkte da zwischen den Ornamenten zum Beispiel Gilles Deleuzes „Le désir est révolutionnaire“ oder das „We rise by lifting others“ des amerikanischen Freidenkers Robert Ingersoll.      

Viel Stoff und betonte Taille: Maria Grazia Chiuris Dior-Silhouette vor der LED-Version des Rosettenfensters der Kathedrale dahinter.
Foto: Dior/Teresa Cioca 

Um 21 Uhr ging es dann endlich los. Die in Rom geborene Chiuri hatte es sich nicht nehmen lassen: Nachdem sie ihre Couture-Kollektion notgedrungen in Form eines Kurzfilms zeigen musste, sollte zumindest die Croisière (einst als Garderobe für die Februar-Kreuzfahrten sonnenhungriger Society-Damen gedacht) wie gewohnt stattfinden, also als ein Defilee von Models. Da ihr Vater aus Apulien stammt, fiel die Wahl auf Lecce. Zwar ohne Zuschauer vor Ort, dafür als Livestream rund um den Globus zu sehen.

Kampf und Tanz 

Die Übertragung beginnt mit einer Einstellung auf die Tänzerinnen und Tänzer der Stiftung La Notte della Taranta, die im Dunkeln zu rhythmischer Musik langsam zu tanzen anfangen. Dann gehen die Scheinwerfer an und die ersten Models kommen durch einen bunt beleuchteten Gang auf den Platz gelaufen. Sie tragen kleine, im Nacken gebundene Kopftücher, klobige Stiefel und folkloristisch anmutende Kleider oder Trägerröcke über strengen weißen Blusen.

Diors jüngster New Look: Ensembles über hochgeknöpften weißen Blusen, dazu Bikerstiefel und ein Kopftuch. 
Foto: Dior

Erinnerungen an Chanels Métiers-d’Art-Shows in Edinburgh, Texas oder Salzburg werden wach. (Seit dem Tod von Karl Lagerfeld spekulieren die Fachmedien der Modebranche, dass Dior es nun darauf anlegt, Chanel als Primus des Chic abzulösen.) Schwere Webstoffe wechseln sich mit hauchzartem Chiffon ab. Viele Teile fallen durch ihre aufwendige Verarbeitung auf: Ein transparentes Tunikakleid ist über und über mit goldenen Weizenähren bestickt, eine weite Jeans patchworkartig zusammengenäht. Auffällig auch die Lederkorsagen und Miedergürtel, über Hemden geschnürt oder unter fluffigen Lammfellwesten. Es ist eine gelungene Mischung aus Bauernmädchen, Hippie-Vibes und einer Prise französischer Revolution. Freiheit, Ungleichheit, Schwesterlichkeit!  

Als Gegenpart zu den südländisch dunklen Outfits der Tänzer: cremeweiße Wäschekleider, denen lederne Mieder oder breite Gürtel eine kämpferische Note geben. 
Foto: Dior

Trotz des Lockdowns in Paris hat Chiuri es geschafft, eine 90 Entwürfe schwere Kollektion auf die Beine zu stellen, mit der sie Apulien und dem dortigen Kunsthandwerk eine feurige Hommage bereitet. Man kann spüren, dass in der Kollektion viel Herzblut steckt. Es geht um die liebevoll-penible Arbeit vieler Menschen, die an diesem Abend dank Dior im weltweiten Rampenlicht steht: die couturigen Stoffe der Constantine Foundation, die prächtigen Stickereien von Marinela Sparasci, die Feldblumen-Drucke des Künstlers Pietro Ruffo.

Am Ende der Show erscheint Maria Grazia Chiuri dann selbst in einem vergleichsweise schlichten, schwarzen Kleid. Zwar klatschen die Models und Tänzer für sie, aber in diesem Moment fehlt eindeutig das Publikum. Unwillkürlich fragt man sich, ob sich der ganze Aufwand wirklich gelohnt hat. Auch wenn diese Dior-Cruise-Show physisch stattfand, fehlte ihr ohne den Applaus in gewisser Weise das Reale.

Hoffnung für die First Row 

Wie entscheidend leibhaftige Beobachter für die Aura einer Kollektion sein können, hatte der Designer Simon Porte Jacquemus in der Woche zuvor gezeigt. Der 30-jährige Franzose riskierte eine richtige Fashion-Show mit Publikum, die erste reale Modenschau in Frankreich seit dem Lockdown – zu der zwar nur rund 100 Auserwählte geladen waren, aber immerhin.

Die Show fand mitten in einem Weizenfeld eine Stunde von Paris entfernt statt. Mit gebührendem Abstand saßen die Gäste auf rustikalen Holzstühlen, zwischen den aufrecht stehenden Ähren und durch sie voneinander getrennt. Die grandiosen Bilder der Models, die mit ihren dekonstruiert geschnittenen, sommerlichen Kleidern auf einem schlangenförmig mäandernden Holzplankenweg durchs Kornfeld liefen, gingen via Social Media um den Erdball. Es war ebenfalls eine Hommage ans Regionale, doch bei Jacquemus ging es stärker um Natur als um Handwerkskultur. Was seine Cruise-Präsentation mit der Dior-Extravaganz gemeinsam hatte, war ein komplett neues Modegefühl: abseits aller Sexy-Zwänge, entspannter und, aber ja, sehr europäisch.