BerlinKurz vor dem Lockdown traf ich mich fast täglich mit Freunden, und wir gingen dann in eine Bar, in ein Restaurant oder ins Kino. Ich dachte: Schnell noch was erleben! Schnell noch was machen! Der deutsche November ist ja grundsätzlich ein düsterer Monat, in dem es nichts zu feiern gibt außer Totensonntag, was Melancholiker wie mich stimmungsmäßig ganz nach unten zieht. November plus Lockdown aber – das ist knallhart.

Dazu kommt noch meine eigene Blödheit: Ich habe ausgerechnet jetzt Urlaub. Drei Wochen lang. Vor kurzem schien mir das noch eine besonders clevere Idee zu sein. Ich würde wegfliegen, raus ins Licht, von der Kälte in die Wärme, dem November entkommen. Jetzt komme ich als Tourist nicht mal mehr nach Sachsen-Anhalt.

City-Urlaub im Lockdown also. Was macht man da, ohne Kino, Theater, Kneipen, Museen, Konzerte? Sich in den Kopf schießen? Vielleicht.

Jedoch! Fast alle die ich kenne, singen das Loblieb der Muße. Einfach mal nichts tun. Entschleunigen! Oder Zeit haben für all die Dinge, für die man sonst keine Zeit hat. Den Kleiderschrank ausmisten. Oder den Keller aufräumen. Oder kochen. Aber schon wieder kochen? Ich habe viel gekocht in den vergangenen Corona-Monaten. Homeoffice hieß ja auch: Selbstversorgung statt Kantine. Ich kochte und kochte. Irgendwann, als ich anfing, Marillenknödelteig zu kneten und die Sauce hollandaise selbst zu machen, spürte ich, dass ein gewisser Punkt überschritten war. Wer war ich? Tim Mälzer?

Um ein wenig Spannung in mein Lockdown-Urlaubsleben zu bringen, bin ich jetzt einige Supermärkte abgefahren, um Toilettenpapier zu kaufen. Meistens gab es keines. Das fand ich gut. Das spornte mich an. Das war fast aufregend. Ich war Gutsch, der Klorollen-Jäger. Aber jetzt liegen vier Pakete Toilettenpapier zu Hause, insgesamt 64 Klorollen, und es ist immer noch so viel Urlaub übrig. Also fuhr ich zum Baumarkt. Um endlich mal Holzdielen zu kaufen. Ich hasse Baumärkte, weil mich die Verkäufer immer wie einen Bau-Trottel behandeln. Der ich natürlich auch bin. Aber muss man mir das so deutlich zeigen?

„Ich brauche Holzdielen für die Küche“, sagte ich.

„Watt für Dielen? Hobeldielen? Oder Rauspunddielen?“, fragte der Verkäufer.

„Was ist der Unterschied?“, fragte ich schüchtern.

„Die einen sind gehobelt, die anderen rau“, sagte der Verkäufer.

„Und was ist besser?“, fragte ich.

„Kommt druff an: Wenn Sie gehobelte Dielen wollen, sind Hobeldielen besser“, sagte der Verkäufer.

Da hätte ich ihn am liebsten erschlagen. Mit der Hobeldiele.

Sport ist auch eine gute Sache im Lockdown-Urlaub. Leider habe ich mir am Sonntag vor dem Lockdown beim Ü-40-Fußball die Bänder im Sprunggelenk gedehnt. Ich trage jetzt eine Stützprothese und humple durch die Straßen wie Quasimodo. Was habe ich nur getan, dass Gott so erzürnt ist?

Um überhaupt irgendwie rauszukommen im Urlaub, bin ich mit meiner Frau nach Brandenburg gefahren. Ins Haus mit Garten. Es gibt hier nicht viel, nur ein Dorf mit Feldern drum herum. Sehr, sehr reizarm. Ich weiß nicht, ob ich das aushalte, im November. Aber früher, als Kind, war das kein Problem. Ich habe hier auch oft die Winterferien verbracht. Drei lange Wochen.

Es gab kein Internet damals, kein Handy, keine Wellness-Bäder oder A10-Center und nur fünf Fernsehprogramme mit Sendeschluss. Ich lag tagelang unter dem Dach und las. Wir spielten oft Karten. Und ein Brettspiel, das „Drushba-Reise“ hieß. Quasi das Monopoly für Ostler. Am Montagabend schauten wir „Willy Schwabes Rumpelkammer“. So verging die Zeit. In schönster Urlaubslangeweile. Wir hatten kein trendiges Wort dafür. Aber heute würde man wohl sagen: Wir waren total entschleunigt. Und randvoll mit Muße.