BerlinUm 1990 traf ich Helmut Newton in Monte-Carlo zum Interview. Für die Münchner Zeitschrift Männer-Vogue betreute ich damals die Rubrik „Warum ich trage, was ich trage“, in der Prominente die Grundlagen ihrer Garderobe erläuterten. Neben Karl Lagerfelds Sammlung kostbarer Krawattennadeln und Günter Netzers Frisur stand Newtons Signaturlook aus hellblauen Jeans und weißen Turnschuhen (der Starfotograf war seiner Zeit auch in Sachen Fußbekleidung voraus) ganz oben auf der Liste der Kleidungsstücke, deren Was-Wie-Warum dem deutschen Leser nicht länger vorenthalten werden sollten.  

Ich flog also nach Nizza und bestieg dort den Helikopter nach Monaco (Zeitschriften hatten damals Geld wie Heu). Heute noch erinnere ich mich an den Landeanflug knapp über der Wasseroberfläche, bei dem sich das Mittelmeer als blau-gläserner Teppich unter die Kufen des Hubschraubers schob. Kurz darauf ging ich durch einen stillen, mit Spannteppich ausgelegten langen Flur in einem der Apartmenttürme, aus denen das Steuerparadies Monaco besteht.

Helmut und June Newton hatten hier zwei Apartments: In einem wohnten sie in der wärmeren Jahreszeit (die Wintermonate verbrachten sie im Chateau Marmont in Los Angeles), das andere nutzten sie als Büro. Keiner der Räume ähnelte auch nur im Entfernsten den opulenten Bourgeoisie-Settings der Newton-Fotos, die ich mir als Vorbereitung auf das Interview erblättert hatte. Statt Plüsch und Luxus gab es Stahlrohrstühle mit schön abgewetzten Ledersitzen; eine moderne Gemütlichkeit, der herumstehende Kartons mit Fotos, Zeitschriften und kleine Haufen von Briefpost etwas Transitorisches, souverän Nomadisches gaben.

Abschied am Grunewaldsee: Newton-Modefoto mit ominösen Untertönen für die damals neue Deutsche Vogue, Berlin 1979.
Foto:  Helmut Newton, Helmut Newton Estate

Helmut Newton war damals um die 70, ein drahtiger, schmal gebauter Mann mit jungenhafter Energie und einer Aura von zäher Unermüdlichkeit. Als wir über seine K-Swiss-Turnschuhe redeten, erzählte er, dass er als Teenager sehr sportlich gewesen sei. Vor allem als Wettkampfschwimmer hätte er „bei den Mädels“ in Berliner Bädern immer Eindruck schinden können. June Newton alias Alice Springs (ihr Pseudonym als Fotografin) wirkte neben ihm wie seine reifere Beschützerin − ein sichtlich perfekt eingespieltes Gleichgewicht der Kräfte, das beide zu genießen schienen. Während ich das tippe, höre ich tatsächlich wieder Helmut Newtons Stimme, dieses gepflegte, dabei aufsässig schnoddrige Deutsch mit dem Ami-Dreher drin.

Als Frau war ich nicht sein Typ (kleiner Busen, keine Endlosbeine), doch was mir seine Sympathie sicherte, waren mein Wiener Akzent und die Tatsache, dass ich ein paar Jahre früher für das Szenemagazin WIENER eine Geschichte über die letzten alten Pensionen rund um den Berliner Kudamm geschrieben hatte. Pension Radloff-Rumland, Askanischer Hof, Pension Funk − das war eine Welt, in der er sich bestens auskannte. Deren verwinkelte Flure, hohe geflieste Bäder und noch aus der Weimarer Republik stammenden Stilmöbel erinnerten den Sohn eines Berliner Knopffabrikanten an seine Kindheit und Jugend. Als er 1938 über Asien nach Australien emigrierte, ließ er diese Welt zurück. In den 1970ern und 1980ern hat er sie in jenen Pensionen und im Charlottenburger Hotel Savoy, im Grunewald und am Wannsee wiedergefunden und in seine Bilder eingebaut.  

In Monte-Carlo erzählte Newton vom Berlin der 1920er und 1930er Jahre, als wäre es eine Stadt der Frauen gewesen. Eine Stadt von Fotografinnen, Stenotypistinnen, Grafikerinnen und Fotomodellen, die meisten Altersgenossen oder wenige Jahre älter als er. Ihre Strümpfe und Schuhe, ihre per Brennschere gelockten oder zum Bob gekappten Haare hatten sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Und er hatte das Glück, dass dank Yves Saint Laurent und Emanuel Ungaro in der Mode der 1970er, 1980er Jahre ein ganz ähnlicher, nämlich emanzipiert-lebensgieriger Frauentyp wie der der Berliner Zwischenkriegszeit en vogue war.

Halb Hommage, halb Verballhornung von Leni Riefenstahls Ästhetik: Newtons „Arena, Miami, New York Times“ von 1978. 
Foto:  Helmut Newton, Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

Damals wurde Paris und kurz darauf New York und Los Angeles zu seinem zweiten Berlin. Wo er die gesamte erotische Typenpalette seiner Berliner Teenagerjahre in Fotos wiederauferstehen ließ: die Nackttänzerinnen und die Journalistinnen, die Studentinnen und die mysteriösen Ladys im Pelz, die frechen Dienstmädchen und die höheren Töchter, die es faustdick hinter den Ohren hatten.

Denn wer wissen will, wie die Berlinerin der 1920er mit den Satinschuhen wippte und wie sie im Romanischen Café oder im Vergnügungstempel „Haus Vaterland“ ihre Zigarette hielt: In Newtons Fotos findet man die Posen. Einige der Fotomodelle und Filmstars, die ihm bei seiner Suche nach der verlorenen Zeit behilflich waren, kommen in Gero von Böhms Geburtstagsfilm „Helmut Newton. The Bad and the Beautiful“ zu Wort. In den Aussagen von Frauen wie Charlotte Rampling, Isabella Rossellini, Hanna Schygulla oder Nadja Auermann in dem Film wird sehr deutlich, wie spannend und konzentriert die Arbeit mit Helmut Newton für sie gewesen ist. Wie ein guter Regisseur hat er seine „Schauspielerinnen“ vor wie hinter der Kamera als Persönlichkeiten ernst genommen und bei den Shoots immer respektvoll behandelt: als seine Komplizinnen.

Neue Sachlichkeit à la Schad oder Lempicka: Selbstporträt des 16-jährigen Newton als Assistent der Berliner Fotografin Yva, 1936. 
Foto: Helmut Newton, Helmut Newton Estate/Courtesy Helmut Newton Foundation

Denn der eigentliche, historisch bedeutsame Coup seines Werks liegt wohl in dem, was Gero von Böhm in der Newton-Spezialausgabe der italienischen Vogue beschreibt, wenn er im Interview über dessen Hassliebe und später Freundschaft zur Nazi-Apologetin Leni Riefenstahl spricht: „Einerseits wollte er sie hassen, andererseits bewunderte er ihre Arbeit. In gewisser Hinsicht hat er sich ihre Ästhetik angeeignet – um sie zu entmachten und ihr eine neue Bedeutung zu geben, die seine. Um Macht über diese Bildwelten zu erlangen.“  

Indem Helmut Newton die Propaganda-Posen der Nazis mit erotischem Suspense, provokantem Witz und Pariser Glamour überlagerte, hat er sie vermenschlicht und ihre Macht gebrochen. Seine Helden waren Heldinnen, und ihr Ziel war nicht der Tod auf dem Schlachtfeld, sondern das Leben.

In diesem Sinne: Vivat Helmut Newton  – und, Corona hin oder her, einen dicken Berliner Schmatz auf die Wange.

„Helmut Newton One Hundred“, die Outdoor-Ausstellung zum Newton-Jubiläum, kann bis 8. November rund um die Uhr besichtigt werden: auf einer 85 Meter langen Wand am Kraftwerk, Köpenicker Straße 70, Berlin-Kreuzberg.

Gero von Böhms Dokumentarfilm „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ (2020, 93 Minuten) ab 31. Dezember zu streamen bei Amazon Prime .