Grand Central Book Station: die restaurierte Treppenhalle.
Foto: Sabine Gudath

BerlinWas für ein Auftritt. Das werden wohl viele sagen, die in den nächsten Jahren die alte Staatsbibliothek Unter den Linden – bürokratisch korrekt: „Haus 1“ genannt – betreten. 1914 wurde sie zum ersten Mal eröffnet, gebaut nach den Plänen des kaiserlichen Hofarchitekten Ernst von Ihne und des Bauingenieurs Anton Adam. Sie galt damals als die größte und technisch am besten ausgestattete Bibliothek der Welt.

Am kommenden Montag wird der Bau nach 15 Jahren Grundinstandsetzung durch die Bundesbaubehörden von diesen und dem Architekten HG Merz an die Nutzer, die Staatsbibliothek der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, übergeben werden. Dann wird die alte Staatsbibliothek erst einmal geschlossen, um in einem halben Jahr nach dem Umzug unter anderem der kostbaren Handschriftensammlung wieder für das Publikum offen zu stehen.

Der Bau war im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden, verfiel zu DDR-Zeiten immer weiter, wurde in den 80er-Jahren dann mit extrem dysfunktionalen Magazintürmen versehen, die an der Stelle des legendären Hauptlesesaals entstanden.

Frisch saniert: Die alte Staatsbibliotek heute, fotografiert in Nord-Süd-Richtung. Im Zentrum der neue Lesesaal.
Foto: Krumnow/ Staatsbibliothek Berlin
Gerade eingeweiht: Die alte Staatsbibliothek 1914. Der Kuppelsaal wurde 1941 zerstört.
Foto: Staatsbibliothek Berlin

1990 war die „Deutsche Staatsbibliothek“ baulich abgewirtschaftet. Alleine die Sanierung der Fundamente in den 90er-Jahren kostete mehr als 45 Millionen Euro. Die nun abgeschlossene Sanierung des Gebäudes darüber schlägt mit weiteren etwa 470 Millionen Euro zu Buche.

Finanziell blieb die Modernisierung der Staatsbibliothek durchaus im Rahmen

Sämtliche Dächer, Fassaden und Innenräume wurden saniert und, so weit irgend möglich, ästhetisch auf den Stand der Kaiserzeit zurückgeführt. Neue Lesesaalinterieurs nach dem Entwurf von HG Merz kamen hinzu, die schlechthin nur als gigantisch zu bezeichnenden Magazine und vor allem Leitungen, Rohre und andere technische Infrastruktur saniert.

Geplant worden war ursprünglich mit etwa 370 Millionen Euro. Die Kostensteigerung liegt nach Angaben der Bundesbauverwaltung BBR an der langen Bauzeit. Außerdem wurde das Haus während der Bauarbeiten weitgehend offen gehalten, immer wieder wurden überraschend große Schäden entdeckt, schließlich stieg der Baukostenindex um etwa 34 Prozent.

Tatsächlich scheint das teure Projekt alte Staatsbibliothek durchaus im Rahmen geblieben zu sein, im Vergleich etwa zur Sanierung der Bibliotheque Nationale in Paris, deren erster Bauabschnitt 2017 übergeben wurde und bereits 185 Millionen Euro kostete, oder im Vergleich zum geplanten Berliner Museum der Moderne auf dem Kulturforum. Obwohl dieses Kunstmuseum räumlich und technisch weit einfacher und in der Raumkubatur viel kleiner ist als die alte Staatsbibliothek, wird dieser Neubau schon jetzt auf skandalöse 450 Millionen taxiert. Auch deswegen ist er so umstritten.

Die alte Staatsbibliothek ist selbst in den Riesenbauten der Kaiserzeit ein Ausnahmemonument, eine der in jeder Hinsicht größten Bibliotheken der Welt. 107 Meter breit und 170 Meter lang ist der Bau, sieben Innenhöfe umfasst er, 36 Meter hoch erhebt sich der gläserne Kubus des neuen Hauptlesesaals. Hinter den monumentalen Fassaden verbergen sich 107.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche, von denen 52.000 direkt der Bibliothek dienen. 50 Kilometer lang sind alleine die legendären, fest in den Bau montierten Lipmann-Regale.

Ein Buch, bitte! Blick in den Allgemeinen Lesesaal.
Foto: Sabine Gudath

Zu den Linden hin lädt nun wieder die offene Vorhalle ein, auf die der breit gelagerte monumental-kalte Vorhof mit den netten Weinranken an den Fassaden folgt. Hier blieben auch die einzigen Zeugen der DDR-Geschichte dieses Baus stehen, ein Reliefblock und das etwas steife Denkmal „Lesender Arbeiter“ von Werner Stötzer; es ist eine von sehr vielen Männerdarstellungen in der alten Staatsbibliothek, Frauenbildnisse wurden beim ersten Rundgang nicht gesichtet. Vom Vorhof aus öffnet das prachtvolle Portal mit den schweren Türen den Weg zur breiten Paradetreppe.

Alte Preußische Staatsbibliothek soll wiedererstehen

Ihr gedrängter Eindruck verwischt beim Emporsteigen zunehmend, weil Ihnes große Säulen und Gesimse ihn aufheben und HG Merz das im Krieg zerstörte Gewölbe in abstrakter Form nachbauen ließ. Sein zu Ihnes Monumentalität passendes, eher kräftiges Rautengerüst zeigt sich dabei unverkennbar als Schwester jenes filigranen Gewölbes, das nach HG Merz’ Entwurf im rokokohaft zarten Großen Saal der Staatsoper Unter den Linden eingebaut wurde.

Die Treppe führt in einen weiteren Vorsaal, der jetzt wieder mit einer flachen Kuppel überwölbt wurde. Leider stehen quer durch diesen hohen, luftigen Raum halbhohe Glaswände. Angeblich, wurde beim Rundgang kolportiert, sollen sie Diebe davon abhalten, mit ihrem Diebesgut einfach hinauszulaufen. Das erscheint mindestens skurril angesichts all der anderen Sicherungseinrichtungen. Diese Glaswände sind ein ästhetischer Anschlag auf die kraftvollen Raumformen von Ihne und Merz, und mit ihrem inzwischen schon wieder aus der Mode geratenen geätzten Schattenmustern, Pardon, auch eine Attacke auf den guten Geschmack. Sie sollten schnellstens demontiert werden.

Erste Anlaufstelle: So sieht das Info-Zentrum aus.
Foto: Sabine Gudath

Abgeschlossen wird die grandiose Hauptachse vom bereits 2012 übergebenen neuen Hauptlesesaal, ebenfalls von HG Merz entworfen. Er zeigt bereits jetzt, wie schlecht seine knallige Farbwahl – orangener Teppich und Tischbelag, hell gepolsterte Stühle – der Zeit stand hält, sie wirkt heute geradezu altmodisch. Noch ärgerlicher sind die deutlichen Abnutzungsspuren an Regalen, Tischen und Stühlen in diesem erst sieben Jahre alten Raum, der kaum 260 Arbeitstische bietet und wahrlich keinen Massenverkehr bewältigen muss. Immerhin: Der ausgeblichene Teppich soll jetzt ausgewechselt werden. Sparen kann auch teuer werden.

Kurz: Wir stehen vor einer regelrechten Wiedergeburt dieses riesigen Gebäudes. Aber warum, fragt man sich schnell, ist diese Sanierung traditionell geraten? Heutige wissenschaftliche Bibliotheken sind weniger der Arbeitsort von individuellen Genies als vielmehr Arbeitstreffpunkt – aber hier konnten gerade noch einige mit dem modischen Ätzglaswänden umgebene Gruppenarbeitsräume in einen der historischen Säle eingestellt werden.

Es gibt sogar noch einen regelrechten Zeitungslesesaal – im Zeitalter der Digitalmedien wenigstens eine exklusive Idee. Diese Sanierung ist Folge einer Konzeption, die in den 90er-Jahren gegen den heftigen Widerstand vieler vor allem jüngerer Mitarbeiter durchgesetzt wurde. Ihre Grundidee: Die alte Preußische Staatsbibliothek der Zeit vor 1933 soll wiedererstehen, und zwar nicht nur als Erinnerung, sondern physisch. Um das zu erreichen, sollte ein Zeitschnitt die Sammlungen teilen: Alles, was vor 1940 erschienen ist, sollte in der alten Staatsbibliothek, alle spätere Literatur in der neuen Staatsbibliothek am Kulturforum unterkommen, die 1979 nach den Plänen von Hans Scharoun und Heinz Wisniewski eröffnet wurde.

Staatsbibliothek war das Haupt der DDR-Bibliothekslandschaft

Zwar wurde inzwischen der Zeitschnitt innerhalb der Staatsbibliothek auf 1900 verlegt, sodass wenigstens die Forscher zur Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht mehr ununterbrochen zwischen zwei Häusern wechseln oder die Literatur aufwendig vom einen in das andere Haus bestellen müssen. Dennoch ist eine solche Teilung nach Zeitschnitt international die Ausnahme, auch in den Bibliotheken, die ihre Platznot durch einen Neubau gelöst haben. Die Pariser Bibliotheque Nationale etwa oder die Washingtoner Library of Congress haben sich entschieden, ihre Altbauten mit Sonder- und Spezialsammlungen zu nutzen – was auch in Berlin vorgeschlagen worden war.

Großer Auftritt: das Treppenhaus der sanierten Staatsbibliothek.
Foto: Sabine Gudath

Doch in Berlin stand einer solchen funktionalen Trennung nach 1990 die Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit, jenseits von Nazi-Zeit und DDR entgegen. Dazu kam das Selbstverständnis vieler ostdeutscher Staatsbibliotheken, in einer faktischen Nationalbibliothek zu arbeiten, mit dem Recht, von jeder Publikation in der DDR ein Exemplar beziehen zu können. Die Staatsbibliothek war das unangefochtene Haupt der DDR-Bibliothekslandschaft.

Dass ihr Gebäude sich auch fast ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg noch in einem beklagenswerten Zustand befand, war kein Argument in einem Staat, der etwa die grandiose Universitätsbibliothek in Leipzig vollständig als Ruine hatte liegen lassen und auch im osteuropäischen Vergleich bemerkenswert wenige Bibliotheksbauten erstellte. In West-Berlin dagegen hatte nicht zuletzt der grandiose Bau der neuen Staatsbibliothek von Hans Scharoun eine eigene Identität herausgebildet: Hier wurde gerade die antihierarchische, die aufklärerische Tradition Preußens betont, sein Charakter als moderner, bürgerlicher Reformstaat und als wichtigste Stütze der demokratischen Weimarer Republik.

Diese zwei Preußen-Begeisterungen aus ganz unterschiedlichen Richtungen führten dazu, dass sich für die alte Staatsbibliothek ein eher konservatives architektonisches Konzept durchsetzte – das nun, im Zeitalter von Digitalisierung, neuen Medien, neuen Forschungsmethoden bemerkenswert rückwärtsgewandt erscheint.

Das bauliche Opfer der Preußen-Renaissance wurden auch alle Zeugen der doch sehr langen DDR-Geschichte. HG Merz ließ auch, im Einvernehmen mit den diversen Staatsbibliotheksleitungen, der Leitung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und dem Kulturstaatsministerium, die beiden einzigen künstlerisch bedeutenden Säle der DDR-Zeit aus den späten 60er-Jahren zerstören und durch eigene Interieurs ersetzen, den Musik- und den Gesellschaftswissenschaftlichen Saal.

Bei laufendem Betrieb saniert: die Bibliothek im Hansa-Viertel.
Foto: Sabine Gudath

Auch die Berliner Denkmalpflege, die doch sonst predigt, dass die diversen historischen Schichten eines Gebäudes auch nach einer Sanierung noch ablesbar sein sollten, stand in den 90ern eben unter dem Preußen-Bann.

Hansabibliothek wird nach zwei Jahren Sanierung der Öffentlichkeit übergeben

Diese Sehnsucht nach der alten Preußischen Staatsbibliothek ist bis in Details hinein zu nachzuvollziehen: In der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird nicht von der „alten“ Staatsbibliothek Unter den Linden und der „neuen“ Staatsbibliothek am Kulturforum gesprochen, sondern vom „Haus I“ und dem darauf folgenden „Haus II“, das schon im Begriff notwendiger Weise nur eine Ergänzung von Haus I sein kann.

Und es gibt geradezu absurde praktische Folgen: Zwar können die Bücher ohne weiteres in dem einen oder in dem anderen Haus gelesen werden. Ausleihen aber kann man nur in der neuen Staatsbibliothek – ist doch die Grundkonzeption der alten Staatsbibliothek, nur alte Bücher zu haben, die nicht mehr ausgeliehen werden. Es sollte wenigstens eine kleine Leihstelle für die neueren Werke eingerichtet werden.

Ironie der Geschichte: Am gleichen nächsten Montag wird am Hansaplatz auch die „Hansabücherei“ – inzwischen umfassender Hansabibliothek genannt, weil es hier um Kultur und Medien insgesamt und nicht mehr nur um Bücher geht – nach zwei Jahren Sanierung wieder der Öffentlichkeit übergeben. Sie ist eine der kleinsten Stadtteilbibliotheken Berlins, intim, 1957 zur Interbau-Ausstellung von ihrem Architekten Hans Düttmann um einen Innenhof herum angelegt.

Ein Musterbeispiel frischer, heiterer Architektur der Nachkriegsmoderne, die alles sein wollte, nur eines nicht: kaiserlich-monumental nämlich. Die gesamte Euphorie der Bildungsreform, die dann um 1968 ihren Durchbruch erleben sollte, ist hier Architektur geworden. Bis in die Möbel und die locker gestellten Regale hinein ist das nun wieder nachzuempfinden. Ein Musterbeispiel geglückter Denkmalpflege.

Mal nicht lesen: Am Montag wird in der Hansabibliothek gefeiert.
Foto: Sabine Gudath

Die große Schwester der Hansabibliothek ist die 1954 übergebe Amerika-Gedenkbibliothek von Fritz Bornemann und Willy Kreuer. Beide erinnern auch daran, dass die Bibliotheksarchitektur in der Bundesrepublik und besonders in West-Berlin intensiv geprägt wurde von der Auseinandersetzung mit Skandinavien, den USA und Großbritannien. Hier ging es vor allem darum, mit der leichten Architektur, aber auch mit Büchern, Schallplatten und Kinderbibliotheken sowie dem maximal freien Zugang die Deutschen vom westlichen Demokratiemodell zu überzeugen. Dass schon Düttmann eine freie Ausstellungswand einplante, ist eben keine Marotte, sondern pädagogisches Konzept gewesen, um einer neuen Nazizeit oder dem Kommunismus vorzubeugen.

Berlins Bibliothekswesen bleibt eine Dauerbaustelle

Zwar wäre jeder direkte Vergleich zwischen den beiden Projekten absurd – hier eine in Millionen Bänden zu messende wissenschaftliche Bibliothek mit einem internationalen Publikum, dort eine kleine Lokalbibliothek. Aber die beiden Häuser demonstrieren doch eine Berliner Architektur- und Denkmallandschaft, die international ihresgleichen sucht, aber in der Stadt oft übersehen wird: die des Bibliotheksbaus nämlich.

Zwar fehlt eine Saal-Bibliothek des Barock seit der Zerstörung der ersten Königlichen Bibliothek am heutigen Bebelplatz. Doch beginnend mit dem Bau der ersten Universitätsbibliothek an der Dorotheenstraße 1874 sind in Berlin praktisch alle Epochen und Methoden des Bibliotheksbaus in erstklassigen Beispielen vertreten.

Das beginnt mit den großen wissenschaftlichen Universalbibliotheken, eben der alten und der neuen Staatsbibliothek, geht über die Universitätsbibliotheken, die etwa mit dem Grimm-Zentrum und der Philipp-Schäffer-Bibliothek der Humboldt-Universität, der Volkswagen-Bibliothek der Technischen Universität oder der Foster-Bibliothek der Freien Universität auch in der jüngsten Zeit Herausragendes gebaut haben.

Vergleichbar vorbildlich sind inzwischen so manche Bezirksbibliotheken, etwa jene in Köpenick oder die in Wedding. Die Stadt Berlin allerdings, die mit den Bezirks- und Stadtteilbibliotheken wie der Hansabibliothek insgesamt derzeit um die 80 Standorte für die Breitenversorgung mit Medien anbietet, hängt erheblich nach: Obwohl sich international immer wieder zeigt, dass neue Bibliotheken auch neue Nutzerschichten anziehen, wurde der Berliner Zentral- und Landesbibliothek seit Jahrzehnten die nötige Erweiterung verweigert.

Erst jetzt, wo die Not unübersehbar geworden ist – ihre Häuser in der Breiten Straße und am Halleschen Tor sind von Nutzern regelrecht geflutet, stimmen baulich in keiner Art und Weise mehr mit modernen Ansprüchen überein –, wird endlich der Neubau geplant. Er soll nach aktuellen Plänen so um 2025 beginnen. Im gleichen Zeitraum also, in dem auch die neue Staatsbibliothek saniert werden wird. Berlins Bibliothekswesen bleibt eine Dauerbaustelle.