Berlin - In George Michaels legendärem „Freedom“-Video aus dem Jahr 1990, in dem sich einige der angesagtesten Models dieser Zeit herumräkelten und lippensynchron einzelne Textpassagen mitsangen, war Nadja Auermann noch nicht dabei. Aber zwei Jahre später, da hatte die gebürtige Berlinerin, die an diesem Freitag 50 Jahre alt wird, ihren großen Auftritt in einem weiteren ikonischen George-Michael-Clip: dem Video zu „Too Funky“. Als coole, leicht verruchte Schönheit stolzierte die langbeinige Blonde im engen schwarzen Spitzenkleid von Thierry Mugler über den Catwalk. Moulin Rouge lässt grüßen: „Hey, you’re just too funky for me. I gotta get inside. I gotta get inside of you.“

Es war die große Zeit der Supermodels, eine Zeit der bildgewaltigen und opulenten Inszenierung von Schönheit, die Glamour versprühte, aber auch Spaß an der Sache vermittelte. Nirgends war dieser Spaß so deutlich zu spüren wie in „Too Funky“. „Es war der Höhepunkt der Mode“, sagt der New Yorker Performance-Künstler Joey Arias, der selbst im Video mitwirkte. „Jeder wollte eines dieser Supermodels sein, die da über den Laufsteg tanzten.“

Auermann war damals gerade 20, ihre Karriere hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mächtig an Fahrt aufgenommen. 1990 wurde die Abiturientin von einem Modelscout entdeckt – in einem Café in Charlottenburg, in dem sie als Kellnerin arbeitete. Schnell zog es sie nach Paris, wo sie einen Modelvertrag bei der Agentur Elite ergatterte und es bald auf die Cover der britischen und der amerikanischen Vogue schaffte. Die Tür stand von nun an weit offen: Bis Auermann sich 2003 aus der Modewelt zurückzog, hatte sie bei Helmut Newton, Mario Testino, Herb Ritts, Ellen von Unwerth und Peter Lindbergh vor der Kamera gestanden und für so ziemlich jeden großen Designer von John Galliano bis Helmut Lang, von Valentino bis Versace gearbeitet. 

Und natürlich auch für den größten von allen, für den Meister Karl Lagerfeld. Er prägte die Ära der Supermodels, die ohne ihn kaum denkbar gewesen wäre. Wer Lagerfelds Muse wurde, der hatte es geschafft im Modelbusiness. „Es war wie ein Ritterschlag, dazuzugehören“, sagte Nadja Auermann einmal. Mit ihrem kühlen Look hob sie sich ab von Kolleginnen wie Claudia Schiffer oder Cindy Crawford. Sie erzählte ihre eigene Geschichte, die blonde Eiskönigin aus Deutschland. Wenn es auf den Schulhöfen der Neunzigerjahre darum ging, welches Model von allen das tollste ist, dann wählten die coolen Girls, die nicht zu mainstreamartig daherkommen wollten, Nadja Auermann.

Die 180 Zentimeter große Berlinerin, deren 112 Zentimeter langen Beine es bis ins Guinness-Buch der Rekorde schafften, sei „zweifelsohne eine der schönsten Frauen der Welt“, sagte ihr Bewunderer Lagerfeld über sie. Der vor zwei Jahren verstorbene Modekaiser, der auch Patenonkel von Auermanns ältester Tochter war, nannte sie „die Marlene Dietrich der 90er“ und spielte damit nicht nur auf ihre Wangenknochen und ihr klassisches Profil an. Er sah an ihr auch die Wandlungsfähigkeit einer Schauspielerin. Wenn die unnahbar wirkende Auermann den Catwalk betrat, dann wurde dieser zur Bühne einer durch und durch selbstbewussten Inszenierung.

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„Die Marlene Dietrich der 90er“ und die längsten Beine der Welt: Nadja Auermann 1994 bei einer Chanel-Show in Paris.

„Wir hatten das Glück, in einer Zeit arbeiten zu dürfen, wo man gerne Models mit Persönlichkeit nahm. In den Neunzigern war doch kein Mädchen wie das andere. Linda, Cindy, Claudia – jede stand für sich selbst“, sagte Auermann 2015 in einem ihrer seltenen Interviews. Ein bisschen naiver seien sie damals gewesen, aber auch wilder. Alles sei noch nicht so durchkommerzialisiert gewesen. „Wir sind in Sachen über den Laufsteg spaziert, die zu einem Großteil nie produziert wurden, weil kein Mensch sie hätte tragen wollen. Eine Modeschau war eher ein Happening. Heute habe ich den Eindruck, dass es mehr um Verkaufszahlen geht.“

Fest steht: Die Ära der Supermodels mit den großen Karrieren der Neunzigerjahre prägt das Bild des Berufs bis heute. Auch wenn es bei „Germany’s Next Topmodel“ fast schon hausbacken zugeht: Die Mädchen, die heute von New York, Paris und Mailand träumen, haben noch immer die Bilderwelt und das Image der Models von damals im Kopf. 

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Zwei, die sich verstanden: Nadja Auermann und Karl Lagerfeld bei einer „Wetten, dass ..?“-Sendung 1997. Auch privat waren die beiden verbunden - Lagerfeld war Patenonkel ihrer ältesten Tochter.

Nachdem Auermann sich vom Laufsteg zurückgezogen hatte, wandte sie sich der Schauspielerei zu. 2004 hatte sie ihre erste Hauptrolle im Fernsehen, in dem ZDF-Krimi „Dornröschens leiser Tod“. Auf die Modebranche und ihre Schönheitsideale blickte sie zunehmend kritisch: In der Bild-Zeitung forderte sie vor zehn Jahren ein Gesetz gegen zu magere Models. „Es geht darum, kein pädophiles Schönheitsideal in der Mode zu prägen. Mir wird schlecht, wenn dann auch noch auf Drogen-Junkie geschminkt wird.“

Dieser recht wütend daherkommende Einwurf einer ansonsten nur selten in die Öffentlichkeit drängenden Auermann hatte auch damit zu tun, dass sie inzwischen selbst mehrfach Mutter geworden war. 13 Jahre alt war ihre älteste Tochter Cosima damals. Heute, zehn Jahre später, modelt Cosima Auermann ebenfalls – und versucht, wie immer bei berühmten Eltern, ihren eigenen Weg zu finden, den ihr der Name und die vielen Kontakte ihrer Mutter dann doch maßgeblich erleichtern.

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Nadja Auermann und ihre Tochter Cosima bei der Berlinale 2019.

Um Nadja Auermann wurde es noch einmal turbulenter, als sie im Dezember 2011 vor dem Amtsgericht Tiergarten wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Heute arbeitet das Supermodel von einst immer noch gelegentlich vor der Kamera. In Sachen Privatleben hält sie sich bedeckt, man weiß, dass sie vier Kinder mit drei Männern hat und früher mit dem Schauspieler Wolfram Grandezka („Verbotene Liebe“) verheiratet war. Nach Stationen in Monte Carlo und Potsdam ist sie schon vor Jahren nach Dresden gezogen. Über ihr Leben dort erzählte sie 2013 der Bunten: „Wir führen ein ganz normales Familienleben mit mir als Hausfrau und Mutter.“