Als wär's ein Gemälde von Peter Doig: der „Water Garden“ nördlich von Tokio.
Foto: Nikissimo

Tochigi/BerlinFrischgrünes Gras, spiegelglattes Wasser, dazwischen schlanke Baumstämme – die Fotografien des „Water Garden“ sind Bilder von großer Harmonie. Man lässt den Blick gern auf ihnen ruhen und möchte gleich noch einen Seufzer hinterherschicken: Ach, die Natur! Sie bringt Ruhe, dem Stadtmenschen zumal, dessen Umgebung ausnahmslos Ausdruck menschlichen Wollens und Ehrgeizes ist. Bäume dagegen: Die sind einfach. Sie keimen, wachsen, sterben, sind Teil des großen Kreislaufs der Natur, dem auch der Mensch entstammt. Wahrscheinlich schauen wir sie deswegen so gern an.

Wo heute der „Water Garden“ liegt, war früher ein Reisfeld.
Foto: Nikissimo

Beim genaueren Hinsehen kommt man allerdings darauf, dass die Dinge im Fall des am Fuß der japanischen Nasu-Berge gelegenen „Water Garden“ etwas komplizierter liegen. Das Nebeneinander von Wasserflächen und grünen Inseln ist bezaubernd schön, aber ungewöhnlich – und tatsächlich handelt es sich bei dieser zunächst so natürlich wirkenden Landschaft um eine hoch künstliche.

Der Architekt Junya Ishigami hat sie geschaffen, weswegen Bilder ihrer Entstehung– Skizzen, Pläne, Fotos und Videos – nun auch in den beiden großen Hallen des Aedes Architekturforum in Berlin zu sehen sind.

Junya Ishigami vor dem Pavillon aus Schieferplatten, den er 2019 für die Londoner Serpentine Gallery gestaltet hat.
Foto: Nils Jörgensen

Der „Water Garden“ ist gewissermaßen Nebenprodukt eines klassischen Architektenauftrags. Junya Ishigami, Jahrgang 1974, sollte ein Hotel bauen; den Baumbewuchs auf dem Gelände wollte der Investor roden lassen. Ishigami hatte eine andere Idee. Er ließ jeden der 318 Bäume messen, nummerieren, ausgraben und auf einem nahe gelegenen früheren Reisfeld wieder einpflanzen – als Teil einer sorgfältigen Choreografie von insgesamt 160 Teichen, ebenfalls verpflanzten Moos- und Grasflächen, und aus Steinen gelegten Wegen. Eine solche Landschaft würde es von allein nicht geben: Eichen, Buchen und Ahornbäume könnten in einem so feuchten Biotop, wie dieses eines zu sein scheint, nicht überleben. Doch sie stehen gar nicht im Wasser, unterirdisch verläuft ein ausgefeiltes Be- und Entwässerungssystem.

Im Oktober 2019 erhielt das Büro Junya Ishigami & Associates hierfür die erste Ausgabe eines internationalen Architekturpreises, den die dänische Henrik Frode Obel Foundation vergibt. Mit stolzen 100.000 Euro dotiert, wird der Obel Award künftig jedes Jahr „herausragende architektonische Beiträge zum menschlichen Fortschritt“ auszeichnen. Ziel der Stiftung ist es,  Architekten in aller Welt „einen Anreiz zu bieten, ihre Pflichten gegenüber dem Wohl der Allgemeinheit wahrzunehmen“.

Zeichnungen von Junya Ishigami in der Ausstellung. Jeder einzelne Baum auf dem Gelände wurde porträtiert und katalogisiert.
Foto: Nikissimo

Als kluge Reflexion über das Verhältnis von Natur und Kultur passt Ishigamis „Water Garden“ hier ins Bild. Stellt der extravagante Park doch Fragen wie: Ist das, was wir da sehen, weniger Natur, nur weil die es in dieser Form nicht selbstständig hervorgebracht hat? Ist der entstandene Lebensraum für Tiere und Pflanzen dadurch etwa weniger wert? Und müssen wir unsere Idee von der klaren Abgrenzung zwischen Kulturraum und einer vermeintlich ursprünglichen Natur nicht ohnehin aufgeben?

75 Prozent der Landfläche des Planeten hat der Mensch bereits verändert. Die ganze Erde ist sozusagen zu einem Garten geworden. Die Herausforderung ist nun, ihn zu pflegen.

Ausstellung Water Garden im Aedes Architekturforum, Christinenstr. 18-19, Berlin-Prenzlauer Berg. Bis 25. Juni, Di-Fr 11-18.30 Uhr, So-Mo 13-17 Uhr. Der englische Katalog kostet 10 Euro.