Der DeLorean DMC-12 beförderte Marty McFly (Michael J. Fox) einst „Zurück in die Zukunft“. Heute aber scheint alles bestimmt vom Phantasma der abgelaufenen Zeit.
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BerlinZu den Alltagsdingen, die ich schon jetzt vermisse, gehört der CD-Wechsler im Auto. Über einen längeren Zeitraum habe ich ein Modell benutzt, in dem sechs Disks meiner Wahl einsortiert und abgespielt werden konnten. Das bereitete Abwechslung und zwang doch zur Konzentration. Denn entgegen der schier unbegrenzten Verfügbarkeit, die Spotify und Co. suggerieren und damit eine gesteigerte Nervosität der Beliebigkeit heraufbeschwören, nötigte der CD-Wechsler vor längeren Fahrten zur Entscheidung. Lieber etwas Altes und Bewährtes – oder doch etwas Neues, erst noch zu Entdeckendes? 

Es geht beim Musikhören im Auto ja keineswegs bloß ums bequeme Abspielen. Der Werkgedanke eines Musikalbums kommt erst nach vielfachem Hören zur Geltung, und so wurde der Wechsler mit sechs Fächern für mich zum praktischen Hilfsmittel zur Erlangung jener Erfahrung, die der Philosoph Martin Seel „die Position des unbewegten Bewegers“ genannt hat: Außen gleitet eine Welt vorbei, während innen eine andere durch die Musik aufgebaut wird.

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Wird das Auto zum Roadkill des Fortschritts?

Vermutlich ging es beim Autofahren immer schon um mehr als profane Fortbewegung. Jedenfalls vollzog sich die vorübergehende Einheit von Ich und Welt, die im zum Konzertsaal gewordenen Auto empfunden werden kann, nicht zuletzt durch die Wiederholung, die der CD-Wechsler strukturierte.

Temps perdu. Der Prozess der Entmaterialisierung, der längst auch die elektronische Ausstattung der Fahrzeuge bestimmt, hat die CD daraus verbannt. Das Trägermedium, das einst im Begriff war, die Vinylschallplatte zu verdrängen, ist nunmehr Sondermüll einer Entwicklung, an die kaum jemand wehmütige Gefühle verschwendet. Sieht man einmal von meiner Marotte mit dem Wechsler ab, die – zugegeben – schnell als versponnene Idiosynkrasie abgetan werden kann.

Das Auto, das lange als unumstrittene Sehnsuchts- und Wunschmaschine moderner Subjektivität galt, wird inzwischen selbst als Roadkill der Technikgeschichte wahrgenommen – überholt, veraltet, fragwürdig. Ganz plötzlich scheint ans Bewusstsein einer herrschenden Vernunft gedrungen zu sein, dass Verbrennungsmotoren ölig tropfen, stinken und Lärm machen. Auf dem Weg in eine andere Mobilität wird das Auto immer mehr zum lästigen Überbleibsel, das lieber heute als morgen entsorgt gehört. Vor allem auch in mentaler Hinsicht, als Wille und Vorstellung.

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Diskursive Überholmanöver mittels Statistik

Wenn es der gesellschaftlichen Durchsetzung anderer Fortbewegungsarten dient, scheinen derzeit alle argumentativen Mittel recht. Die schnellstmögliche Überwindung der Automobilität wird zu einer Art Heilsversprechen politischer Entscheidungsfreude, wie die eben erst wieder entflammte Debatte über ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen zeigt. Diskursiven Überholmanövern sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Der ebenso sündhafte wie tonnenschwere CO2-Ausstoß wird kurzerhand mit unvollständigen oder selektiv wahrgenommenen Unfallstatistiken verknüpft; wer angesichts solch brachialer Logik leise anzumerken versucht, dass insbesondere Unfälle mit Todesfolge seit Jahren rückläufig seien und der Verkehr keineswegs die häufigste Todesursache in der Lebenswelt darstellt, macht sich verdächtig, ein uneinsichtiger Verfechter rücksichtsloser Beschleunigung zu sein.

Natürlich gehört das Auto nicht gleich auf die rote Unesco-Liste des gefährdeten Welterbes. Vielmehr haben die Bedürfnisse beschleunigter Fortbewegung in den zurückliegenden Jahrzehnten die Landschafts- und Stadtplanung derart dominant geprägt, dass das rapide Verblassen eines Mythos eher verwundert als schockiert. Andererseits treibt der verkehrsplanerische Aktionismus, mit dem man das Ideal einer autofreien Stadt als Rundum-sorglos-Lösung zu propagieren versucht, derart kuriose Blüten, dass ein Innehalten über den Begleiterscheinungen durchaus geboten ist.

Was bitte hatte das plötzliche Auftauchen gelb-grüner Alarmpunkte auf einer Berliner Kiezstraße zu bedeuten? Emsige Lokalpolitiker überschlagen sich mit lustig bunten Pollern, Farb- und anderen Strategien, und im alltäglichen Verkehrskrieg gerät auf verlorenen Posten, wer – und sei es auch nur versuchsweise – die Perspektive des anderen einnimmt. Wurde der Regierung Merkel während und nach der Finanzkrise vorgeworfen, eine fatale Mechanik der Alternativlosigkeit in Gang gesetzt zu haben, so sind gerade die aktuellen Debatten über Klima und Mobilität vom scheinbar unausweichlichen Phantasma der abgelaufenen Zeit dominiert,  Einwände zwecklos. Gegen das verbitterte „How dare you“ von Greta kann es kein „Ja, aber ...“ geben.

Gefangen in der Moralschleife

Vor dem Horizont einer drohenden Apokalypse ist der zwanglose Zwang des besseren Arguments, das Jürgen Habermas einst als Voraussetzung eines gelingenden kommunikativen Handelns kennzeichnete, kaum mehr als gefährliche Zeitverschwendung. Die Restlaufzeit des Autos hat also begonnen. Beförderte ein schicker DeLorean DMC-12 das wissbegierige Gattungswesen Mensch einst „Zurück in die Zukunft“, so findet Sprechen über Automobilität heute immer häufiger in der Moralschleife statt.

Dabei darf natürlich nicht außer Acht gelassen werden, dass von der Freude am Fahren seit jeher erhebliche Gefahr ausging. Mit dem Autoverkehr ist auch die monströse Geschichte der Unfallkatastrophe ganz unmittelbar verbunden. In der Frühphase der individuellen Mobilisierung kamen trotz vergleichsweise schwachem Verkehrsaufkommen und geringer Geschwindigkeiten viele Menschen ums Leben, die lange als Modernisierungskosten verbucht wurden, ohne dass dies als eine besondere Form von Zynismus erkannt worden wäre.

Erst recht blieb dabei eine ganz andere Leidensgeschichte forcierter Modernität weitgehend unbemerkt, von der Ulrich Raulff in seiner Studie über „Das letzte Jahrhundert des Pferdes“ eindrucksvoll berichtet. Er schildert darin den massenhaften Verbrauch von Militärpferden im Krieg und das blutige Verenden von Nutztieren im Straßenverkehr. Über die emotionale Wirkung hinaus vermittelt die Elendsgeschichte des Pferdes in Fährnissen urbaner Mobilität  eine Ahnung davon, dass es beim Blick auf die Entwicklung des Fortschritts immer auch eine weitgehend ausgeblendete Opfergeschichte gibt.

Und was ist mit unseren Emotionen?

Für den 2018 gestorbenen Geschwindigkeitsforscher Paul Virilio standen die vielfältigen Phänomene der Beschleunigung in einem engen Zusammenhang mit der Entwicklung von Kriegstechnologien. Es gibt also tatsächlich kein unschuldiges Autofahren. Doch so dramatisch und schrecklich der Anblick und die Folgen von Massenkarambolagen auf Autobahnen auch sein mögen, kann doch auch nicht übersehen werden, dass die Fortschrittsidee im letzten halben Jahrhundert eng an die Optimierung von Sicherheitsstandards geknüpft gewesen ist, die sehr viel mit der auf Autos verwandten Ingenieurskunst zu tun hat.

Bei der Suche nach neuen Formen der Mobilität sollte man denn auch nicht die emotionale Dimension vernachlässigen, die das Auto trotz aller Einwände noch immer erschließt. Wer einsteigt, will nicht nur hin und weg. Das Auto ist vielmehr Konzertsaal, Büro und Schutzraum, der den Einzelnen vor den Begegnungen und Berührungen, Rempeleien und Ruppigkeiten des Alltags wenigstens für den Moment des kontrollierbaren Unterwegsseins bewahrt.

In den oft erbarmungslosen Kämpfen der Selbstbehauptung scheint dem Bewohner der Spätmoderne nichts so sehr Geborgenheit, Atempause und Orientierung zu bieten wie der kleine Faraday’sche Käfig auf Rädern, den ein jeder Halter nach seinem Gutdünken gestaltet, poliert und konfiguriert. Für kommende Gesellschaften wird einiges davon abhängen, ob es möglich sein wird, die Wirkung von Energien und Bindekräften zu verstehen und gegebenenfalls umzulenken, über die das Auto im Zusammenspiel von Individualität und Gemeinschaft noch immer verfügt.