Hier zählt, was auf den Teller kommt: Im Gastraum der Speisewirtschaft Engelbecken gibt es keinen überflüssigen Schnickschnack.
Foto: Sabine Gudath

BerlinZwei-, dreimal im Jahr fahre ich in meine alte Heimat München, um meine Eltern zu besuchen und etwas Mia-san-mia-Gefühl zu tanken. Dazu gehört für mich, spätestens ein paar Stunden nach Ankunft in ein Wirtshaus einzukehren. Meine Lieblingslokale haben einfallslose, aber eindeutige Namen wie Giesinger Braustüberl, Frauenhofer Wirtshaus oder Klinglwirt. Modernes Essen hat dort, wenn überhaupt, meist nur in Form von Bio-Schweinsbraten Einzug gehalten. Ansonsten sitzen junge wie alte Leute hier. Ach ja – der Service trägt Tracht.

Wegen Corona habe ich mich dieses Jahr mit München-Besuchen zurückgehalten. Letzte Woche reichte es: Mein Mann und ich setzten uns ins Auto. Knapp 600 Kilometer auf der A9. Ich weiß nicht, ob das offene Fenster schuld war, aber als wir ankamen, liefen unsere Nasen und wir spürten ein Kratzen im Hals. Meine Eltern, beide über 70, sagten kein Wort, dafür sprachen ihre Blicke Bände. Wir fuhren schnell wieder zurück. Natürlich ergab ein späterer Test, dass wir nur einen kleinen Sommerschnupfen hatten. Was mich aber wirklich an diesem 1200-Kilometer-Ausflug schmerzte: Mein obligatorischer Wirtshaus-Besuch fand nicht statt.

Zurück in Berlin musste daher schnellstens ein gastronomischer Ersatz her. In meinen Augen ist das Engelbecken eines der wenigen authentischen bayerischen Restaurants der Stadt. Es ist nämlich gar nicht so einfach, ein echtes Wirtshaus in Berlin zu finden, geschweige denn ein gutes. Die meisten inszenieren für Touristen eine etwas zu dick aufgetragene Bayernversion. Und bekommen dann nicht mal eine Brezn so hin, dass ein Bayer sie anfassen möchte. (Sie muss „außen resch“ sein, die Haut aufgeplatzt mit grobem Salz, und bitte kein labbriger Teig.)

Der Krustenbraten vom Bioschwein mit Semmel- und (vorn) Kartoffelknödel in leckerer Bratensoße, dazu ein Schälchen Krautsalat. 
Foto:  Sabine Gudath

Das Engelbecken, am schönen Lietzensee in Charlottenburg gelegen – der Name seiner früheren Location in Kreuzberg wurde beibehalten –, bildet eine wunderbare Ausnahme. Geführt wird das Ecklokal seit 1995 von drei schon lange der Biermetropole entflohenen Münchnern, die sich nicht künstlich anbiedern: Es gibt keine Holzvertäfelung, keine Hopfenkrone an der Decke, kein Dirndl am Personal. Das Interieur – im Prinzip helle Wände und blanke Holztische – ist nicht unbedingt ambitioniert. Weswegen ein von mir sehr geschätzter Kritikerkollege einmal schrieb, für ihn sei dies das „verjüngte Gasthaus“. Ich würde ergänzen: eines, das klassisch Alpenländisches wie Rindssuppe, Wurstsalat, Krustenbraten und Schnitzel zeitgemäß zubereitet.

Paradoxerweise bedeutet „zeitgemäß“ in diesem Falle ja, dass man alle Suppen und Soßen wie früher selbst macht, auf Brühwürfel und sonstige Fertigwürze verzichtet und etwa für den Kartoffel-Gurken-Salat zum Backhendl eigens eine Brühe aus Kalbsknochen ansetzt. Mein Mann, der sonst sehr gern sein Essen teilt, wird beim Engelbecken-Backhendl plötzlich geizig. Zum Glück sind die saftigen Hähnchenteile, teils noch mit Knochen, groß genug, sodass ich dann doch probieren darf.

In der Küche des Engelbeckens, die Maik de Riese-Meyer verantwortet, wird keine Ware aus dem Großmarkt verarbeitet, sondern Gemüse aus der Region und ausschließlich Bio-Fleisch. Auch das gehört zum Anspruch der Köche: nach dem Geschmack von früher zu suchen, als es noch kein hurtig hochgezogenes Gemüse und Industriefleisch gab. Meine Rindssuppe jedenfalls ist Fleischessenz pur, mit hauchfein geschnittener Gemüse-Brunoise und zwei flachen Kaspressknödeln als Einlage. Sie werden aus altem Brot und Graukäse geformt und in Butterschmalz gebacken. Beim Skifahren träume ich häufiger von solchen Knödeln, aber selten bekomme ich sie auf der Hütte so gut wie hier. Ein Muss im Sommer sind auch die alten Tomatensorten aus Peter Janoths Garten im brandenburgischen Groß Kreutz. Die Küche zaubert daraus einen bunten Tomatensalat mit wildem Basilikum und würzigem Olivenöl, bei dem man jede Sorte herausschmeckt.

Grafik: BLZ/Galanty

Beim Schweinsbraten allerdings, dem Grund meines Kommens, flaut meine Euphorie etwas ab. Er ist sehr salzig, was ich schon aus bayerischen Wirtshäusern kenne, die so den Bierkonsum ankurbeln wollen. Hier ist mir aber auch das schön helle, feste Fleisch etwas zu trocken. Auch fehlt – unverzeihlich bei diesem Gericht – leider ein Stück knusprige Schwarte. Der Krautsalat hingegen knackt beim Kauen, so frisch ist das gehobelte Weißkraut, das lediglich mit Essig, Kümmel und Öl angemacht wird. Auch die Soße zum Knödel schmeckt wunderbar nach dem Saft vom Fleisch, mit Bier abgelöscht und reduziert. Gestreckt und geschummelt wird hier nämlich nicht. 

Das Engelbecken hat es übrigens schon einmal bis ins New York Times Magazine geschafft. Besonders das Schnitzel wurde empfohlen. Es hieß, in ganz Berlin finde man kein besseres. Somit wäre auch geklärt, was ich nächstes Mal hier esse.


Speisewirtschaft Engelbecken, Witzlebenstraße 31, Berlin-Charlottenburg,  Tel. +49  30 615 28 10, Geöffnet Mo–Fr 17 bis 23 Uhr, Sa 16 bis 23 Uhr. Sonn- und Feiertag 12 bis 23 Uhr.

Vorspeisen 6,50 bis 12,50 Euro, Hauptgerichte 9,50 bis 22 Euro, Nachtisch und Kuchen 4 bis 7 Euro.