BerlinViel Luft, viel Raum, nur das Licht lässt sich einfach nicht selbst einschalten im verglasten Plenarsaal der Akademie der Künste am Pariser Platz. So sitzen wir uns an einem langen Tisch allmählich im Dunkeln gegenüber. Jeanine Meerapfel, Filmregisseurin, Präsidentin der Akademie der Künste, Berlin, glaubt an die Kultur als demokratische Kraft. Den Stillstand konnte sie nicht verhindern, umso mehr plädiert sie für den Wiederaufbau trotz Pandemie. Sie selbst hat in diesem Jahr, wann immer es möglich war, an einem neuen Film gearbeitet. Wie ihr ganzes Werk verbindet er Vergangenheit und Gegenwart, Deutschland und Argentinien. Auch ein ritualisierter Tanz, der Jeanine Meerapfel ihr Leben lang begleitet, spielt darin sicher eine gewisse Rolle.

Wann haben Sie zuletzt Tango getanzt?

Ach, das ist viel zu lange her. Sicherlich ein halbes Jahr. Als wir im Januar in Buenos Aires gedreht haben, hatte ich keine Zeit zu tanzen. Und als ich im Frühjahr wieder hier in Berlin ankam, ging es nicht mehr.  Ich war sonntags oft in einem Tangocafé in Kreuzberg, das war immer sehr schön, aber Tango geht jetzt nicht, wie viele andere Dinge auch nicht. Ich tanze jetzt manchmal abends eine halbe Stunde lang Salsa zu kubanischer Musik, das geht auch alleine, Tango nicht.

Ich brauche das Tanzen, gerade jetzt. Es fehlt so viel, es fehlen die Abende in der Akademie, die direkte Auseinandersetzung mit Menschen. Die Gespräche, die Konzerte. Im Oktober hatten wir hier in der Akademie noch den Auftritt eines Musikerensembles, hinter Plexiglas. Wieder lebendige Musik zu hören, hat mir so viel gegeben. Das ist etwas, was wir Menschen brauchen. Das zu vermitteln, ist nicht einfach: Was verlieren wir, wenn wir das alles nicht haben? Was geht kaputt? Wie verändert sich der diffizile Stoff, der unsere Gesellschaft ausmacht?

Wie hat die Akademie der Künste auf die zweite Schließung des Kulturbetriebs am 1. November reagiert?

Wir haben uns sofort dafür ausgesprochen, mehr zu differenzieren. Museen, Konzerthäuser, Kinos, auch wir hier in der Akademie hatten ja sehr strenge Hygienemaßnahmen entwickelt, damit Menschen Ausstellungen sehen und Veranstaltungen besuchen können. Es wurde sehr undifferenziert alles geschlossen, das fanden wir nicht richtig. Natürlich muss man alles tun, um diese Pandemie zu stoppen. Es ist sehr schwer, die Maßnahmen abzuwägen. Aber wenn man über einen langen Zeitraum Kunst und Kultur stilllegt, werden enorme Verluste entstehen. Kunst heißt auch Mitfühlen und Miterleben, und das macht uns aus als Menschen.

Kunst heißt auch Mitfühlen und Miterleben, und das macht uns aus als Menschen.

Jeanine Meerapfel

Gab es denn eine Reaktion aus der Politik – eine Antwort von Kulturstaatsministerin Monika Grütters etwa?

Nein. Aber es ist ja auch so, dass es innerhalb der Politik dazu gegensätzliche Positionen gibt. Wir wissen von niemandem, der sich im Theater, in der Philharmonie oder in einem Kino angesteckt hat. Man redet und singt nicht, während ein Film läuft. Es waren sichere Orte. Wir haben im Studio in der Akademie im Hanseatenweg jeden zweiten Sitz ausgebaut. Das Studio ist ein perfekter Ort, um Filme zu zeigen, Konzerte und Theater zu veranstalten. Aber es ist auch schwer für Politiker, diese Entscheidungen zu treffen. Und trotzdem würde ich mir wünschen, dass sie verstehen, dass hier wirklich etwas kaputtgeht. Wenn wir vergessen, wie es ist, zusammen im Kino zu sitzen und Filme anzuschauen, wenn wir nichts mehr gemeinsam live erleben und nur noch allein konsumieren, fällt die Gesellschaft auseinander. Wie will man das wieder zusammenbauen?

Es sind Fehler gemacht worden, sicher, das kann man retrospektiv sagen, aber wir müssen den Blick nach vorne richten. Was können wir tun, damit es nach dem Lockdown weitergehen kann.

Der Lockdown bedroht viele Künstler und die Veranstaltungsbranche in ihrer Existenz. Was unternimmt die Akademie dagegen?

Die Gesellschaft der Freunde der Akademie der Künste sammelt Spenden für Alumni und Ex-Alumni der Akademie, Künstler in der ganzen Welt. Die Freunde spenden selbst und haben Spendenaufrufe veröffentlicht. Mehr als 250 Alumni sind schon bedacht worden. Auch die Akademie selbst hat einen kleinen Fonds aufgemacht für in Not geratene Mitglieder oder Künstler, die unsere Mitglieder vorschlagen. Mehr als 56.000 Euro wurden inzwischen an 43 Künstlerinnen und Künstler aus 22 Ländern überwiesen. Das ist nicht sehr viel Geld, aber es wurde unbürokratisch ausgezahlt und es hilft, wenigstens zwei, drei Monatsmieten zu bezahlen.

Das Geld geht nur an Künstler, die eine Verbindung zur Akademie haben?

Ja. Das kann man negativ und positiv sehen. Es geht um Vertrauen. Wenn jemand von den Mitgliedern sagt, der oder die ist in Not, dann vertrauen wir darauf, dass das so stimmt. Es sind sowieso alles nur Tropfen auf den heißen Stein. Es geht eine enorme Veränderung in unserer Gesellschaft vor sich und das wird uns auch noch lange beschäftigen. Aber ich habe die Hoffnung, dass bald mit den Impfungen begonnen wird und wir in zwei, drei Monaten so weit sind, dass wir lockern können.

Es wurde sehr undifferenziert alles geschlossen. Das fanden wir nicht richtig.

Jeanine Meerapfel

Werden Sie sich impfen lassen?

Natürlich. Ich gehöre nicht zu den sehr Hochgefährdeten, aber zu den Hochgefährdeten – weil ich alt bin, 77. Für die Impfung ist das wichtig. Aber ich hoffe sehr, dass nicht nur die Alten und die Älteren geimpft werden, sondern dass man genügend Impfstoff hat für alle, weltweit.

Wir sind umgeben von realen Bedrohungen, aber auch von Schreckensszenarien. Während der Konferenz „Allianz der europäischen Akademien“ an der Akademie der Künste, im Oktober dieses Jahres, zeichneten manche Schriftsteller und Regisseure in ihren Statements düstere Zukunftsvisionen. So etwas kann auch Überdruss hervorrufen.

Ich glaube, man sollte nicht so sehr in diese Art des Denkens hineingehen. Man sollte alles versuchen, um weiterzuarbeiten, weiter in Verbindung zu bleiben mit den anderen, weiterplanen, -träumen, -denken. Genau deshalb war diese Konferenz so wichtig. Es ist wichtig, die Ungarn und Polen zu unterstützen bei ihrem Kampf um die Freiheit der Kunst in nationalistischen, rechtskonservativen Regierungen. Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass unsere Welt eben nicht nur aus uns besteht, sondern aus vielen anderen Menschen, die in ganz anderen Verhältnissen leben und wo Hilfe und Solidarität ein Muss sind. Durch die Pandemie sind ohnehin schreckliche Zustände noch schrecklicher geworden, ich denke dabei auch an die Flüchtlingscamps.

Umso schlimmer ist es, dass sich in diesem eigentlich reichen Europa, in diesem eigentlich reichen Deutschland, zunehmend rechtsnationalistische Tendenzen breitmachen können. Wir machen in der Akademie viel darüber, über Antisemitismus, über Rechtsradikalismus. Über die Frage, warum man in dieser Gesellschaft wieder Trennungen zwischen Menschen herstellt, statt sie zusammenzuhalten. Ich glaube, dass künstlerische Maßnahmen da sehr helfen können.

Erreicht Kunst nicht immer die, die sowieso nicht überzeugt werden müssen?

Nein, es ist eigentlich sehr einfach. Es fängt mit den Schulen an. Es muss Kunstunterricht geben. Gerade dort kann und muss man Kinder sensibilisieren für den anderen und für das andere, und wenn man das tut, hat man schon eine Basis gelegt gegen Rassismus und Antisemitismus. Man muss ihnen die Angst vor dem anderen nehmen. Und Angst verliert man, wenn man gemeinsam selbst etwas gestalten, herstellen und darstellen kann.

Wir sehen das ganz deutlich in unserem Vermittlungsprogramm „Kunstwelten“. Wir gehen in Schulen und arbeiten mit Kindern und Jugendlichen. Wir haben in unserem Kino in der Akademie im Hanseatenweg unseren Mitarbeitenden und drei Klassen von 16- bis 17-jährigen Schülern Claude Lanzmanns Film „Shoah“ gezeigt. Sie sind alle geblieben, insgesamt neun Stunden lang, und waren sehr bewegt. Gut, sie haben in diesem Fall zwar nichts selbst gemacht, aber sie haben anschließend diskutiert und sich dem Thema gestellt.

Mehr als 56.000 Euro wurden an 43 Künstler/innen aus 22 Ländern überwiesen. Nicht sehr viel Geld, aber unbürokratisch ausgezahlt.

Jeanine Meerapfel

An Berliner Schulen werden immer wieder jüdische Schüler von Mitschülern aus arabischen Familien gemobbt.

Ich glaube, dass da viel verpasst worden ist. Weil man mit den Schlagwörtern Integration und Anpassung Menschen eher voneinander getrennt als zusammengeführt hat. Menschen, die aus anderen Kulturen kommen, kann man in einer Demokratie nur mitnehmen, wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass sie genauso wertvoll sind. Es geht um Anerkennung. Und das fängt natürlich bei den Kindern und jungen Menschen an. Aber machen wir uns nichts vor – innerhalb der Polizei und der Feuerwehr gibt es Chatrunden, in denen nazistische Parolen geteilt werden: Es ist keineswegs nur ein muslimisches Problem, es ist ein Problem in dieser Gesellschaft.

Sie kamen 1964 aus Argentinien nach Deutschland, in ein Land, aus dem Ihre Eltern fliehen mussten, weil sie Juden waren. In Deutschland trafen Sie damals auf junge Leute, die sich mit der Rolle der Eltern und Großeltern im Nationalsozialismus auseinandersetzten. Bis hin zu Ihrem letzten Spielfilm „Der deutsche Freund“ hat Sie das beschäftigt. Wie geht es Ihnen heute mit dem Antisemitismus in Deutschland?

Es bestärkt mich einfach nur noch mehr in meiner Arbeit, einer Aufklärungsarbeit, die ich nicht alleine mache. Die mache ich zusammen mit Freunden, mit Mitgliedern der Akademie, mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, unter denen ich mich unglaublich gut aufgehoben fühle. Mit all diesen Menschen bin ich zusammen, das ist meine Hoffnung. Aber es gibt diese Frage im Freundeskreis, zwar im Witz gesagt, aber mit ernstem Hintergrund: Wann müssen wir die gepackten Koffer bereithalten?

Mein Abstand zu diesem Land ist größer geworden. Mein kritisches Bewusstsein gegenüber Deutschland ist größer geworden. Ich liebe dieses Land nach wie vor. Ich liebe so viele Menschen hier, die großartig sind und großartige Dinge tun. Und die eine liberale, offene Gesellschaft repräsentieren. Ich glaube, dass viele Deutsche die Entwicklung noch drastischer empfinden als ich, weil sie sich schämen, dass es in diesem Land wieder antisemitische Tendenzen gibt. Ich glaube, dass viele mitfühlende Deutsche darunter leiden, und ihnen fühle ich mich nahe. Denen sage ich, lasst uns nicht larmoyant sein, lasst uns so viel wie möglich dagegen tun und klarmachen, dass Deutschland nie wieder in die Vergangenheit zurückfallen wird. Während wir hier sprechen, sehe ich draußen den Chanukka-Leuchter hinter dem großen Weihnachtsbaum vor dem Brandenburger Tor, und das ist auch Deutschland. Es erzählt eine Geschichte.

Foto: Berliner Zeitung/Max Lautenschläger
Mit allen Mitteln der Kunst gegen Hass und Ausgrenzung: Präsidentin Meerapfel im „Studio“ genannten Auditorium der Akademie am Hanseatenweg. 

Das Polizeiaufgebot drum herum auch.

Schon 1980, als ich den Dokumentarfilm „Im Land meiner Eltern“ gemacht habe, habe ich mich gefragt, warum ich einen Polizeikordon passieren muss, wenn ich in die Synagoge gehe. Das ist so. Und glücklicherweise gibt es die Polizei, die Juden schützen kann und soll, die ihrer Religion nachgehen wollen. So wie man die Religion von jedem anderen akzeptieren und schützen soll.

Sind Sie selbst religiös?

Nein, ich bin auch nicht religiös erzogen worden, aber ich fühle mich dem Judentum in der Tradition des Denkens verbunden. Das ist etwas, was wenig gesehen wird. Das Judentum ist eine Kultur. Eine Religion und eine Kultur.

Sie verwenden das Wort „Volk“ bewusst nicht.

Genauso ist es.

Ich glaube, dass viel Deutsche die Entwicklung noch drastischer empfinden als wir. Weil sie sich schämen, dass es in diesem Land wieder antisemitische Tendenzen gibt.

Jeanine Meerapfel

Sie haben einen neuen Film gemacht. „Eine Frau“ heißt er und ist fast fertig. Sind Sie diese „Frau“?

Nein, meine Mutter ist diese Frau. Es ist die Geschichte meiner Mutter. Oder sagen wir so: Anhand der Geschichte meiner Mutter erzähle ich Geschichten. Es handelt von einer Frau, die durch die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts hindurchgeht, von einer Frau, die immer von Männern abhängig war. Gleichzeitig erzähle ich von den Menschen, die mir auf der Suche nach ihr begegnet sind. Ich nenne es einen dokumentarischen Essay.

Wie Sie sie immer wieder gemacht haben.

Ja, aber dieses Mal ist es extremer, weil ich die ganze Zeit rede. Ich erzähle die ganze Zeit Geschichten. Es ist aber auch ein Film über meine Schwester, die ein tragisches Schicksal hatte. Das heißt, es ist ein Film über mindestens zwei Frauen und natürlich auch über mich selbst, weil ich es bin, die erzählt. Ohne meinen Kameramann oder eher Bildgestalter Johann Feindt wäre der Film allerdings nicht geworden, was er ist.

Das Leben Ihrer Mutter war schon Stoff in Ihrem ersten Film „Malou“. Eine Französin, Animierdame in einem Varieté in Straßburg, heiratet einen jüdischen Tabakfabrikanten aus dem Badischen. Sind das historische Fakten oder ist es eine Erfindung?

„Malou“ war ein Spielfilm, eine Konstruktion. „Eine Frau“ ist etwas anderes. Walter Benjamin hat einmal gesagt, man muss immer wieder an einer bestimmten Stelle graben, weil man immer wieder Neues findet. Ich adaptiere Benjamin jetzt auf eine sehr simple Weise, aber das ist in Ordnung, glaube ich. Es geht darum, immer wieder zu beschreiben, warum man gräbt und was man dabei findet. Nur so lässt sich die Vergangenheit neu formulieren. Ich versuche zu zeigen, wie sie in die Gegenwart ausstrahlt.

Dabei hat mir ein großer Fund geholfen. Ich habe unglaublich viel Filmmaterial meiner Eltern entdeckt.  Sie haben über mehr als drei Jahrzehnte private Filme gedreht, während ihrer Zeit in Europa, in den Zwanziger- und Dreißigerjahren, auch während der Emigration aus Deutschland über Holland nach Portugal und von dort nach Buenos Aires. Es gibt sogar Aufnahmen von der Schiffsreise von Lissabon nach Buenos Aires.

Auf welchem Dachboden haben Sie diese Filmrollen denn gefunden?

Sie waren in Kisten, die ich vor Jahren aus Buenos Aires nach Berlin gebracht hatte. Als ich sie endlich aufmachte, fand ich die Rollen mit Super-8-Filmen und -Fotos. Sehr spannendes Material. Gut erhalten, auch wenn man ihm sein Alter ansieht.

Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass unsere Welt nicht nur aus uns besteht. Sondern aus vielen Menschen, die in ganz anderen Verhältnissen leben.

Jeanine Meerapfel

Nach der Scheidung von Ihrem Vater ist Ihre Mutter zusehends verarmt. Das Schulgeld für die Privatschule „Collège francais“, die Sie als Kind und Jugendliche besuchten, konnte sie nicht mehr bezahlen.

Eine schwierige Zeit. Eigentlich war ich glücklich, dass ich diese furchtbare französische Privatschule, die ich nicht mochte, endlich verlassen durfte, und damals waren die staatlichen argentinischen Schulen fantastisch. Ich hatte großartige Lehrer. Sie haben mein Interesse am Schreiben, Fotografieren und an Geschichte unterstützt und begleitet.

Wie konnten Sie unter den Bedingungen des Pandemie-Jahrs an Ihrem Film weiterarbeiten?

Wir haben im Juni in Frankreich und in den Niederlanden gedreht, als gerade wieder geöffnet war. Danach konnte ich mit meiner Cutterin, die in Griechenland lebt, nicht mehr physisch zusammenarbeiten, wir haben über Zoom miteinander geschnitten. Eine verrückte Situation. Sie in Thessaloniki, ich in Berlin. Aus Kostengründen wollten wir auch die Tonmischung in Griechenland machen, aber das ging nicht. Über Töne kannst du nicht reden, die musst du hören.

Mit der Geschichte Ihrer Mutter erzählen Sie ja auch die eigene. Wie betrachten Sie Ihr Aufwachsen mit Ihrer wohl oft sehr verzweifelten Mutter im Rückblick?

Meine Mutter war eine sehr warmherzige Person, voller Liebe und Zärtlichkeit, und das hat mich geprägt. Mehr als alles andere. Mehr als die Armut, in der wir miteinander gelebt haben, meine Schwester, meine Mutter und ich. Aber auch seitens des Vaters gab es eine große Wärme, ebenso von den Großeltern. Sie alle haben mich als Kind gesehen, mich wahrgenommen, und das prägt, auch wenn die Verhältnisse zwischen ihnen schwierig waren. Wenn Eltern Kinder wahrnehmen als Menschen und sie als solche wachsen lassen, dann kriegt man Kraft, und diese Kraft ist durch nichts zu ersetzen.

In Deutschland sind Sie auf kühlere Temperaturen in den Familien gestoßen.

Was ich sicher gemerkt habe, ist eine bestimmte Scheu, Nähe zuzulassen. Darüber rede ich ja in vielen meiner Filme. Diese Scheu war lange ein Problem für mich. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, und ich habe genügend Freunde, denen ich auf die Pelle rücken kann, wenn nicht gerade Pandemie ist, und wo ich nicht das Gefühl habe, dass da Mangel an Wärme ist.

Menschen aus anderen Kulturen kann man nur mitnehmen, wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass sie genauso wertvoll sind. Es geht um Anerkennung.

Jeanine Meerapfel

Sprechen wir über das Archiv der Akademie der Künste, eine der größten Sammlungen der Moderne weltweit. Gibt es etwas in diesen Wunderkammern, das Sie selbst in der Hand hatten?

Als ich hier anfing als Präsidentin, habe ich mich einmal selbst ins Archiv von Walter Benjamin und Bertolt Brecht eingeladen. Der Leiter des Archivs, Erdmut Wizisla, hat einen großen Tresor geöffnet und mir ein Notizbuch von Walter Benjamin gezeigt. Ein Büchlein, hauchdünnes Papier, in ganz kleiner Schrift doppelseitig beschrieben. Das durfte ich halten, während er mit einem stumpfen Skalpell die Seiten umgeblättert hat. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was das für ein Gefühl war. Wenn man von Aura spricht, hier war sie: Man spürt den Geist eines Menschen, der heute nicht mehr ist. Man spürt, was er hineingegeben hat. Es war ein wunderbares Gefühl von Nähe, von Achtung, von Glück.

Wir werden im nächsten Jahr eine Ausstellung zeigen mit dem Titel „Arbeit am Gedächtnis“. Dafür laden wir Künstler ein, sich mit Künstlern, die im Archiv repräsentiert sind, zu beschäftigen. Cécile Wajsbrot wird sich mit Imre Kertész auseinandersetzen. Und Thomas Heise kümmert sich um die Nachlässe der assoziierten Mitglieder der Akademie der Künste der DDR.

Wir haben den Nachlass der Fotografin Sibylle Bergemann aufgenommen, ebenso den von Roger Melis und Helga Paris.

Jeanine Meerapfel

Sind die Nachlässe von Künstlern der DDR ebenso gut repräsentiert wie die von Künstlern aus der ehemaligen Bundesrepublik?

Wir haben den Nachlass der Fotografin Sibylle Bergemann aufgenommen, ebenso von Roger Melis und Helga Paris. Natürlich gab es große Probleme, als die beiden Akademien zusammenkamen. Und es gibt sie bis heute. In einer Mitgliederversammlung im Herbst letzten Jahres haben wir darüber diskutiert, inwieweit Künstler aus der DDR nicht ausreichend gewürdigt werden. Klaus Wolfram, einer der Mitinitiatoren des Neuen Forum, den wir eingeladen hatten, hat das bei unserer Versammlung aus seiner Sicht dargestellt. Seine Rede ist in unserem Journal der Künste abgedruckt. Ich finde es wichtig, dass das Gespräch weitergeht. Wir wollten das bei der letzten Mitgliederversammlung noch mal anpacken, aber wir konnten uns nicht treffen. Leider. Und so etwas muss im persönlichen Gespräch geschehen.

Wie wird man eigentlich Akademie-Mitglied?

Man muss von einem anderen Mitglied vorgeschlagen werden und danach durchläuft dieser Vorschlag ein längeres Entscheidungsverfahren. Ich habe übrigens keinen Einfluss darauf, wer Mitglied wird und wer nicht. Natürlich muss ein gewisser Werkumfang vorliegen, und dafür braucht es ein paar Jahre, deshalb auch das meist höhere Alter der Akademie-Mitglieder. Aber wir haben auch jüngere Künstler in der Akademie, wie die Regisseurin Valeska Grisebach, die Editorin und Regisseurin Bettina Böhler oder die Schriftstellerin Kathrin Röggla, Vizepräsidentin der Akademie der Künste. Und so wird die Akademie langsam weiblicher und jünger.

Spüren Sie an sich selbst so etwas wie die „Radikalität des Alters“ ?

Wenn radikal sein heißt, dass man auf seinem Standpunkt beharrt, dann bin ich das sicher nicht. Mir ist der Austausch mit Menschen immer extrem wichtig gewesen. Da muss man schon zuhören und sich selbst immer wieder reflektieren. Trotzdem habe ich sehr feste Ansichten. Aber ich glaube, das Wort „radikal“ passt nicht zu mir.


Jeanine Meerapfel

  • ... wurde 1943 als Kind jüdischer Emigranten in Buenos Aires geboren.
  • ... kam nach einem Journalismus-Studium 1964 nach Deutschland, um an der Hochschule für Gestaltung in Ulm Filmregie zu studieren.
  • ... war von 1990 bis 2009 Professorin im Bereich Film/Fernsehen an der Kunsthochschule für Medien Köln. Seit 2015 ist sie Präsidentin der Berliner Akademie der Künste.
  • ... drehte seit 1968 etwa 20 Filme, darunter Dokumentarfilme wie  „Im Land meiner Eltern“ und Spielfilme wie „Annas Sommer“ und „Der Deutsche Freund“. In ihrem Werk setzt sie sich mit den Nachwirkungen des Nationalsozialismus ebenso auseinander wie mit der Diktatur in Argentinien. Ihr jüngster Film „Eine Frau“ wird voraussichtlich im Frühjahr 2021 zu sehen sein.