Zerdrückte Aubergine, Radieschen, Granatapfelkerne: das „Auberginen-Carpaccio“ überzeugt mit seinem Mix aus Süße, Schärfe und Säure.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin-CharlottenburgDas Schöne an der Gastronomie ist, dass man sich dank ihr so weltläufig fühlen kann. Besonders jetzt, wo sich tatsächliche Reisen eher beschwerlich gestalten. Gecancelte Flüge, neu eingestufte Risikogebiete, ständig drohende Quarantäne: Mir ist das alles zu anstrengend. Ich bleibe derzeit lieber zu Hause.

Zum Glück ist das kulinarische Reisen in Berlin momentan noch kein Problem. Darüber hinaus ist eines meiner Lieblingsziele hier besonders gut zu erreichen, und zwar Israel. Genauer gesagt: Tel Aviv. Eine Stadt, die ich als absolut inspirierend kennengelernt habe und deren vielfältige Food-Szene glücklicherweise zu uns herübergeschwappt ist.

Ich weiß nicht, wann genau das Tel-Aviv-Syndrom Berlin erfasste. Gefühlt hatte mindestens jeder zweite Gastronom, der hier in den letzten Jahren etwas Neues eröffnete, irgendwelche Wurzeln oder Verbindungen dorthin. Schon morgens können wir nun mit Shakshuka, etwa in der israelischen Frühstücksmekka-Kette Benedict, den Tag beginnen und später im Layla das Signature Dish des Tel Aviver Starkochs Meir Adoni, das Auberginen-Carpaccio, genießen sowie nachts im Night Kitchen im malerischen Hinterhof beim Hummus-Brioche zum Arak wie sonst nur an der Mittelmeerküste versacken.

Zuletzt hat, wegen Corona weitgehend unbemerkt, ein weiterer Küchenchef diese einzigartige Verbindung Berlin-Tel Aviv gestärkt: Aviv Moshe, Chefkoch der Tel Aviver Trendrestaurants Quattro, Yassou und Messa. In seinen Lokalen soll er schon Größen wie Bill Clinton, Madonna und Tom Jones bewirtet haben. Anfang Februar eröffnete er nun auch bei uns in Berlin eine Dependance: das Exodus.

Laut Eigenbeschreibung wird in der Charlottenburger Location moderne israelisch-mediterrane Küche auf Fine-Dining-Niveau serviert. Etwas hochgestochen, aber irgendwie anrührend klingt die Erklärung des Namens Exodus: Es ist von der der Flucht in eine bessere Welt die Rede, die mit einer grenzübergreifenden Küche wie dieser gelingen könne.

Steinige Reminiszenz: Das Exodus bringt ein Stück Tel Aviv nach Berlin.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Die Realität bei meinem Besuch ist zunächst etwas ernüchternd: Das Exodus grenzt direkt an die S-Bahnbögen Savignyplatz, weswegen es beim Draußensitzen ab und an sehr laut wird. Zudem riecht die Kanalisation. Aber dennoch: Irgendwie fühlt sich das doch sehr nach Tel Aviv an, das mir liebevoll als ziemlich schmutzige Betonstadt in Erinnerung geblieben ist.

Weitgehend grau ist auch das Innere des Exodus gehalten. Wollte Aviv Moshe das Schwarz und Weiß seines durchdesignten Restaurants Messa in seinem Berliner Lokal nun zu Grau verschmelzen? Auf mich wirkt das Interieur ein wenig kalt, was sicher auch an den Chromstühlen liegt.

Allerdings erstrahlen die Speisen auf den Tellern dafür umso farbiger, wie etwa das Auberginen-Carpaccio. Auf das war ich besonders gespannt, schließlich gibt es dafür in der Stadt eine bisher unerreichte Messlatte: Im Kreuzberger Layla besteht es es aus über dreißig Zutaten. Dieses hier kommt in seiner Intensität (wenn auch nicht in der Aromenvielfalt) doch ziemlich nah heran. Die geröstete und danach enthäutete Aubergine hat eine sämig-cremige Konsistenz, ihr Röstaroma wird zusätzlich von einer Sesampaste verstärkt. Nüsse, Granatapfelkerne, Radieschen und Chili sorgen für abwechslungsreiche Süß-sauer-scharf-Kontraste und Knuspereffekt. Statt mit Dattelhonig, wie sein Konkurrent Meir Adonis, arbeitet der Küchenchef hier mit karamellisierten Datteln, die er allerdings kleinteiliger hätte verteilen müssen. Auch fehlte mir Überraschendes, wie es in der Layla-Version etwa durch Rosenblätter oder die Zugabe von Feta gelingt.

Exodus, Bleibtreustraße 7 in 10623 Berlin-Charlottenburg .
Grafik: BLZ/Sabine Hecher

Das Gleiche gilt für den Hummus. Als Vorspeise wird er hier wahlweise mit angebratenen Champignons oder Rindfleisch kombiniert. So kennt man es auch von anderen Restaurants, aber es schmeckt sehr gut. Gemessen am eigenen Anspruch, hier eine Fine-Dining-Küche zu servieren, hätte ich allerdings doch einen etwas kreativeren Ansatz erwartet.

Am ehesten Geschichte schreibt für mich an diesem Abend ein Thunfischtatar: im hohen Cocktailglas serviert und von Gazpacho umflossen. Ein Streifen knusprig frittiertes Pitabrot begleitet das Tatar. Aviv Moshe, der hier die Gerichte entwirft (aber vermutlich nur alle paar Wochen als Küchenchef einfliegt und sein Team besucht), zeigt hier sein volles Repertoire. Es reicht von der Leichtigkeit einer Strandküche über die Beherrschung klassisch mediterraner Techniken bis hin zu komplizierten Aromen und Texturen.

Der Thunfisch schmeckt pur und frisch wie sonst direkt am Meer, weil er nur in Öl, Zitrone und Kräutern mariniert ist. Der fein gewürzte Gazpacho erscheint als vegetabile Essenz, als hätte man dem Gemüse ganz schonend seinen Geschmack extrahiert. Und die schwereren, dunkleren Aromen und Knusperelemente dazu liefert hier das gesäuerte, mit Za'atar bestäubte Brot.

Tel Avivs Küche ist seit jeher ein spannender Melting Pot aus nördlichem Osteuropa, Nahem Osten und Fernost. Sie lebt von der Offenheit, sich ständig weiterzuentwickeln. Kein Wunder, dass sie es uns Berlinern so angetan hat: Sie spiegelt auch unser Lebensgefühl wider.


Preise: Vorspeisen 9 bis 14,50 Euro, Hauptspeisen 15 bis 32 Euro, Desserts 7,50 bis 9,50 Euro.

Exodus, Bleibtreustraße 7, Berlin-Charlottenburg 10623, Tel: +49 30 31014449. Geöffnet Di–Sa von 12 bis 23 und So von 18 bis 23 Uhr.