Potsdam - Natürlich waren wir alle schon x-mal in Potsdam und haben dabei sicher mehr besichtigt als nur das Schloss Sanssouci. Aber gerade jetzt scheint eine erneute Visite angebracht, allein wegen der winterlichen Natur in diesem preußischen Arkadien. Da wir momentan nirgends reinkönnen, freut man sich umso mehr über die extravaganten Fassaden und architektonischen Konzepte, die uns unsere verrückten Könige und Prinzen hinterlassen haben. Jeder hatte seinen eigenen Traum! Und die hatten fast immer mit Sehnsucht nach anderen Ländern zu tun, mit kultureller Neugier, Weltoffenheit und einem spielerischen Europa-Bewusstsein avant la lettre.

Erster Stopp unserer kontinentalen Reise auf wenigen Quadratkilometern ist die ehemalige DDR-Exklave und Sonder-Sicherheitszone Klein Glienicke, noch im frühen 20. Jahrhundert ein beliebter Badeort. Sofort fallen mehrere alpin aussehende Häuser auf, pittoresk, aber nicht zu aufgebrezelt und bis heute bewohnt. Tatsächlich kamen Mitte des 19. Jahrhunderts sogenannte Schweizerhäuser groß in Mode. Prinz Carl von Preußen war so angetan vom urig-naturnahen Schweizer Lebensstil (Schillers „Wilhelm Tell“ ließ grüßen), dass er seine Architekten bat, in der Nähe seiner Sommeresidenz zehn Häuser im Alpenstil zu bauen, komplett mit schwerem Sockel, hölzernen Balkonen und Fensterläden. Sechs davon wurden leider 1961 zur DDR-Grenzsicherung abgerissen, die vier noch stehenden Häuser sind heute Teil des Unesco-Welterbes.

Foto: Stephan Meyer
Das Land der Römer mit der Seele suchen: Schinkels Casino im Park von Schloss Gienicke.

Weiter gehts Richtung Italien, das heißt zum Schloss Glienicke, das Karl Friedrich Schinkel 1825 für seinen König von einem Gutshaus in eine Art italienische Villa umbauen ließ. Das eigentliche Juwel im traumhaften Park ist jedoch nicht das Hauptgebäude, sondern das kleine „Casino“, eine Reminiszenz an feudale Landhäuser im Golf von Neapel. Direkt an der Havel gelegen, bietet sich daraus ein grandioser Fernblick über den Jungfernsee bis hin zum Potsdamer Pfingstberg. Der Hausherr liebte die Antike und ließ sich nach einer Reise in den Süden zahlreiche historische Objekte nachschicken, die in Haus und Garten dekorativ verteilt wurden.

Nächster Stopp ist der Neue See in Potsdam. Okay, das Holländische Viertel mitten in der Stadt ist auch anmutig anzusehen; die vielen Autos, Geschäfte und Cafés in touristischer Optik dort trüben allerdings den träumerischen Blick, den wir jetzt brauchen. Ganz anders sieht es beim „Holländischen Etablissement“ im Neuen Garten aus, einer Reihe von Backsteinhäusern mit typisch niederländischen Giebelfassaden, die um 1790 vom Architekten Carl Gottfried Langhans für Bedienstete von Friedrich Wilhelm II. errichtet wurden. Damals liefen im Park noch weidende Kühe herum, deren Milch in der nahegelegenen Meierei zu Butter und Käse verarbeitet wurde. Verrückt, dass es schon vor 230 Jahren diese Sehnsucht nach elitärer Selbstversorgung und Cradle-to-Cradle-Idylle gab.

Foto: Stephan Meyer
Als wär’s von Vermeer: „Holländisches Etablissement“ am Rand des Neuen Gartens.

Der ganze Park ist ein Wunderland mit Verweisen auf fremde Länder und Zeiten, etwa einer Pyramide, einem Obelisken und einem halb versunkenen Tempel. Nicht zu vergessen das an Manor Houses in Devon erinnernde Schloss Cecilienhof, das Kaiser Wilhelm II. zwischen 1913 und 1917 für seinen Sohn Wilhelm und dessen schneewittchenschöne Frau Cecilie bauen ließ. Zumindest im Winter, ohne Rahmen aus frischem Grün, wirkt der letzte Schlossbau der Hohenzollern nicht wirklich einnehmend. Ein charmantes Detail sind jedenfalls die vielen Schornsteine im Tudorstil, von denen keiner dem anderen gleicht. 

Die deutsche Interpretation des englischen Cottage-Stils umgibt ein seltsam tristes Flair, aber vielleicht ist es auch nur die trübe Historie, die sich über diese Gebäude gelegt hat. Ein Bauherr, der eine internationale Kriegskatastrophe mitverantwortet hat und abdanken mußte; dazu sein unglückseliger Sohn, Kronprinz Wilhelm, und dessen Frau Cecilie, deren Elternhaus in Mecklenburg eine Inspiration für dieses Schloss war; dann 1945 die hier stattfindende Potsdamer Konferenz, bei der Truman, Churchill und Stalin über die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen entschieden: Man hat das Gefühl, hier wohnte zu keiner Zeit das Glück.

Foto: Stephan Meyer
Tudor-Fachwerk aus der Zeit des 1. Weltkriegs: Schloss Cecilienhof erinnert noch heute an die preußische Anglophilie.

Nochmal 15 Minuten Fußweg und wir erreichen die russische Kolonie Alexandrowka, die 1826 König Friedrich Wilhelm III. zu Ehren seines gerade verstorbenen Freundes, Zar Alexander I., errichten ließ. Die kleinen Häuser wurden die Wohnung für zwölf Sänger eines russischen Soldatenchors, die nach dem Krieg gegen Napoleon in Potsdam blieben. Stilistisch wirken sie wie russische Datschen oder Blockhäuser, doch in Wirklichkeit handelt es sich um Fachwerkbauten, denen man halbierte Holzstämme vorgesetzt hat. Auf einem kleinen Hügel über der Anlage steht als fast schon poppige Krönung des Ensembles die rosafarbene Alexander-Newski-Kirche, überraschenderweise auch von Schinkel gestaltet (und offenbar das älteste russisch-orthodoxe Kirchengebäude Westeuropas). Gleich daneben ein Haus, in dem ein russischer Priester wohnt, der von hier aus immer noch rund 1000 orthodoxe Gläubige betreut.

Man sieht: Friedrich der Große mit seinem Hang zu französischer Kultur und Philosophie hatte viele Erben, die fleißig weiterbauten am Charme Potsdams. Wobei dieser nur am Rande in norddeutsch-kargem Preußentum gründet. Was ihn so einzigartig macht, sind die Einflüsse von außen.


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