Berlin/BrandenburgFrühling, Sommer und dann der Herbst: Nicht nur für mich ist das Gartenjahr eine Parabel des menschlichen Daseins, bei der die Jahreszeiten mit menschlichen Lebensabschnitten korrespondieren. Dabei lerne ich vom Garten fürs Leben und vom Leben für den Garten. Die Natur im kalendarischen Wechsel regt Sinne und Geist an. Sie lässt uns teilhaben an ihrem Kreislauf, dessen biologische Effekte uns unwiderruflich an sie binden. Ganz besonders schön zeigt sich dieses Werden und Vergehen in der herbstlichen Baumfärbung. 

Letzte Woche habe ich mich in meiner Kolumne mit dem richtigen Zeitpunkt und den Arten der Gehölzpflanzung befasst. Auch diesmal soll es wieder um Gehölze (und ein paar Stauden) gehen, insbesondere um solche, die sich im Herbst besonders intensiv verfärben. Es mag erstaunen, aber nicht alle Bäume verfärben sich jedes Jahr im gleichen Maße; zum einen spielt das Wetter eine Rolle, denn trockene, sonnige Tage und kühle Nächte begünstigen den Farbwechsel. Zum anderen hängt es auch von der Baumart selbst ab.

Bei dieser Collage dominiert das Pfaffenhütchen (Euonymus) mit seinen namensgebenden Früchten. Darunter die lila Verbena bonariensis, besser bekannt als Argentinisches Eisenkraut.
Collage und Foto: Rainer Elstermann

Im Prinzip entsteht die Färbung durch den Abbau und die Rückführung der Nährstoffe von den Blättern in den Stamm-, Ast- und Wurzelbereich. Dazu gehört auch das grüne Chlorophyll, das am stärksten abgebaut wird. Andere Pigmente (gelbe und orange), die es im Sommer überdeckt hat, werden nun sichtbar. Außerdem entstehen durch diese hohe Stoffwechselaktivität bei bestimmten Gehölzen sogenannte Anthocyane, die auch für die Rotfärbung bei Obst und Gemüse verantwortlich sind und die Blätter im Herbst aufflammen lassen.

Für den sogenannten Indian Summer an der nordamerikanischen Ostküste, der Inbegriff herbstlicher Baumfärbung, sind hauptsächlich verschiedene amerikanische Ahorn-Arten zuständig. So zum Beispiel der Rot-Ahorn Acer rubrum. Er beginnt mit der Verfärbung früh und hält die Blätter lange. Im Frühling trägt er zudem dezent rote Blüten. Ein weiterer Baum, der das Laub lange und sogar oft bis in den Winter hinein trägt, ist der Amberbaum, Liquidambar styraciflua. Sein Laub verfärbt sich gleichzeitig gelb, orange und weinrot, was besonders schön aussieht. Diese Baumart gilt als sehr stadtverträglich und könnte eine der Arten sein, die sehr gut mit den sich verändernden klimatischen Bedingungen zurechtkommen werden.

Auch die Japanische Zierkirsche, Prunus sargentii, ist nun schön anzusehen. Neben der wundervollen April-Blüte in Rosa weist sie die spektakulärste Herbstfärbung aller Zierkirschen auf. Da die Blätter lang und recht groß sind, ergibt das einen beeindruckenden Effekt. Besonders lange, oft bis zum Ende des Winters, halten sich die großen Blätter der Eichenblatthortensie, Hydrangea quercifolia, am Strauch. Schon im August beginnt sich diese Pflanze zu verfärben. Ein heimisches Gehölz, das gleich doppelt für Herbstfärbung sorgt, ist Euonymus europaeus, das Pfaffenhütchen: Nicht nur, dass die Blätter sich rot verfärben, auch die im Oktober erscheinenden Kapselfrüchte in märchenhafter Hütchenform sind purpurrosa bis karminrot gefärbt.

Ready für die Blätter-Presse: Zwei Amberbaum-Blätter (lat. Liquidambar) und rechts davon ein Stück Amsonia hubrichtii (Blausternbusch) als gelbes Zackenspektakel.
Collage und Foto: Rainer Elstermann

Die Blätter der niedrig bleibenden Sorte Euyonimus alatus compactus verfärben sich ebenfalls schon früh leuchtend rot. Ich schneide ihre Äste gern in einer lockeren Kugelform und setzte sie zwischen Herbststauden, am liebsten blaublühende wie Verbena bonariensis oder Aster Little Carlow. Erstere überragt die Sträucher deutlich, letztere wird von ihnen wunderbar gestützt.

Auch die vor zwei Wochen in dieser Kolumne erwähnte Staude Amsonia hubrichtii – Blausternbusch – sieht mit ihrem leuchtend gelben Laub herrlich dazu aus. Oktober ist übrigens der einzige Zeitpunkt im Garten, an dem ich Rot und Gelb nebeneinander mag. Überhaupt braucht man im Herbst keine Angst mehr vor zu viel Farbe haben: Dadurch, dass die Sonne tief steht (momentan so tief wie Ende Februar), wirkt selbst intensive Koloration nie so aggressiv wie im April oder Mai.

Die Dreiblattspiere Gillenia trifoliata ist eine weitere Pflanze, die – weißblühend – gut zwischen Euyonimus-Kugeln passt. Ihr Laub geht eher ins Orange, setzt also auch einen schönen Kontrast. Als Kletterpflanze ist Vitis coignetiae, die Rostrote Rebe oder Scharlachrebe, unerreicht. Sie kommt aus Japan und Korea und beginnt mit der Färbung ebenfalls schon im August. Im Gegensatz zum Wilden Wein halten die Blätter im verfärbten Zustand noch wochenlang an den Pflanzen. Dennoch ist der einheimische Wilde Wein natürlich ein Highlight an jeder Häuserwand. Er punktet durch schiere Masse; denn was gibt es Schöneres, als ihn an einer alten Mauer emporwachsen zu sehen oder an Bäumen zu bewundern, an denen er sich wasserfallartig hinab ergießt.

Garten-Guru Elstermann bei der herbstlichen Blätterjagd auf seinem Grundstück in der Uckermark.
Foto: Rainer Elstermann

Eines der elegantesten Gehölze, die wir im Garten pflanzen können, ist Cornus kesselringi, der Schwarzholz-Hartriegel. Im Austrieb ist das Holz tiefrot bis schwarz mit bronzefarbenen Blättern. Während das Holz im Verlauf des Jahres immer dunkler wird, gesellen sich im Spätsommer weiße, blau überhauchte Beeren dazu, die bis in den Winter an den schwarzen Ästen erhalten bleiben. Zusammen mit der tiefroten Herbstfärbung der Blätter ist dieser Strauch nun ein subtiler Star im Garten. Und das auch bei grauem Wetter, das es in und um Berlin durchaus öfter gibt. Das Positive daran: Unsere Böden brauchen den Niederschlag mehr denn je, weil sie durch die heißen Sommer zunehmend trockener werden. Wir hingegen sehnen uns nun ganz besonders nach Farbe. Wo sie im Garten fehlt, sieht man dieser Tage besonders deutlich. Deswegen zögern Sie nicht: Füllen Sie jetzt die Lücken.


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