Bitte nicht: Die schlimmsten Modesünden im Berliner Winter

Egal, wie kalt es draußen ist, eisige Temperaturen rechtfertigen keine Modesünden. Einige Teile müssen im Schrank bleiben, wie wärmend sie auch sein mögen.

Die furchtbarste aller Kombinationen: wärmende Plünnen auf dem Weihnachtsmarkt.
Die furchtbarste aller Kombinationen: wärmende Plünnen auf dem Weihnachtsmarkt.Imago

Frostige Temperaturen erfordern besondere Maßnahmen, keine Frage. In Berlin braucht man derzeit wieder die dicke Winterjacke, auch Schal, Mütze und Handschuhe sind angeraten. Aber auch wenn die Schichten nun zahlreicher und die Bedingungen härter werden, kann man modetechnisch dann doch nicht alle Augen zudrücken.

Was im Hochsommer gilt, gilt auch im Winter: Bestimmte Styles sind schlicht ein No-Go. Wir wollen hier nicht zu streng sein: Manche Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden. Besonders solche, die uns vorschreiben wollen, was wir tragen sollen und was nicht. Also lassen Sie Ihrer Kreativität gern freien Lauf, wärmen Sie Füße, Hände, Ohren und Nieren – wenn nur diese wenigen Stücke im Schrank bleiben könnten, dann wäre uns allen geholfen.

Erdkundelehrer-Erotik: der Pullunder

Alle Jahre wieder, wenn gar nichts anderes mehr durch den Retro-Mode-Äther wabert, kommt er zurück: der Pullunder. Jenes komische, meist gestrickte Leibchen, das von meist von jener Art Mann getragen wird, die schon in frühen Jahren mit jeder Form von Erotik abgeschlossen hat.

Da hilft auch das Rot nicht mehr: Ein Pullunder macht selbst aus der Farbe der Liebe einen Albtraum. 
Da hilft auch das Rot nicht mehr: Ein Pullunder macht selbst aus der Farbe der Liebe einen Albtraum. Imago

Zumeist ist der Pullunder zu klein, denn Herren, die ihn tragen, geben in der Regel nicht viel auf Formen. Schon gar nicht auf die ihres Oberleibes. Der Pullunder - in seiner grässlichsten Variante selbstgestrickt - spannt oft mit einem albernen Muster über einem ordentlichen Wohlstandswanst, der natürlich im Winter zusätzlich gewärmt werden muss. Denn je mehr Körperoberfläche, desto mehr Temperaturverlust droht. In jeder Hinsicht ist ein Pullunder also ein absolutes No-Go! Modisch, gesellschaftlich, erotisch und auch sonst. Marcus Weingärtner


Sterbender Schwan: die Stulpen

Kommen Sie uns jetzt nicht mit Jane Fonda! Jane Fonda ist hier nicht das Thema, sie darf Schweißbänder tragen, Leggings, und ja, auch Stulpen. Als Fitness-Königin hat sie schließlich besondere Rechte, zudem kann man in ihrem Fall durchaus sportmedizinisch argumentieren: Die Stulpe, die ursprünglich aus dem Ballett kommt, soll die Muskeln warmhalten und vor Zerrungen schützen.

Sie darf das: Jane Fonda machte die Stulpe populär.
Sie darf das: Jane Fonda machte die Stulpe populär.Imago/Media Punch

Draußen, im Berliner Winteralltag, ist das allerdings kein Argument. Sollten Sie also nicht gerade für die nächste „Schwanensee“-Aufführung an der Staatsoper trainieren oder Aerobic-Videos drehen, lassen Sie die Stulpe im Schrank! Stulpen sind das Winter-Pendant zu Socken in Sandalen. Sie erfüllen keinen Zweck, sie sehen auch nicht gut aus, sie rutschen lediglich an der Fessel hoch und runter, stören den Schuh, stören die Hose, erinnern an Oktoberfest und Alpenverein. Keiner weiß, wie man sie trägt, und das aus gutem Grund: Man trägt sie einfach gar nicht. Anne Vorbringer


Tierisch schlecht: Mützen mit Ohren

Jugendschutzgesetz, Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung – all die Regeln rund um die Fürsorge unserer Jüngsten greifen meiner Meinung nach längst nicht tief genug. Das wird gerade jetzt deutlich, da es draußen wieder kälter wird: Rücksichtslose Eltern stülpen den wehr- und arglosen Kleinen dumm-dödelige Strickmützen mit Tierohren über, zwangsverkleiden Mädchen und Jungen als drollige Kätzchen, Hündchen und Pandabärchen, setzen ihre Kinder so dem Spott und Hohn vorbeieilender Passantinnen und Passanten aus, die es modisch einfach besser wissen. Ein klarer Fall fürs Jugendamt!

Unschön unterdessen, dass gerade in den vergangenen Jahren auch seh- und entscheidungsfähige Erwachsene auf den Zug der wollenen Halb-Verkleidung aufgesprungen sind. Auch sie tragen neuerdings und schlechterdings angeblich lustige Tier-Ohren-Mützen. Und wenn nicht die, dann doch zumindest solche mit exorbitant großen Bommeln dran. Oder sogenannte Balaklavas, die sturmhaubenmäßig den gesamten Kopf ummanteln und lediglich ein kleines Guckloch fürs feiste Gesicht bereithalten. Da greift wieder eine alte Mode-Weisheit: Was Hänschen nicht stand, sieht an Hans erst recht bescheuert aus. Manuel Almeida Vergara


Flausch-Hölle: Ohrenwärmer

Gibt man den Begriff Ohrenwärmer bei Zalando ein, werden 596 Artikel angezeigt. 596! Einer ist scheußlicher als der andere, aneinandergereihte Alpträume aus Kunstfell, Polyester und Strick. Als Ohrenschützer oder Earmuffs, wie sie auch genannt werden, in den Neunzigern in Mode kamen, gab es sie in „lustiger“ Katzenoptik, mit Stickereien, Applikationen und Glitzersteinchen. 

Albern, keine Frage. Und dennoch sind Ohrwärmer nicht totzukriegen, auch Luxuslabels wie Chanel und Dior haben sie im Programm. Schuld sind Trendsetterinnen wie Bella Hadid, die das Accessoire immer wieder auf die Trend-Agenda heben. Modemagazine schreiben dann von „niedlichen It-Peaces“ und „flauschigen Wärmespendern“ und ignorieren dabei beflissentlich, dass selbst Bella Hadid mit ihren superteuren Ohrenschützern aussieht wie das Krümelmonster. Anne Vorbringer


Wohnzimmer-Atmosphäre: übergroße Schals

Es gibt da diese Anekdote, die ich jeden Winter wieder gern erzähle. Ich hab sie mir nur ausgeliehen, von meiner Schwester nämlich, die sie genauso gern erzählt. Und das geht so: Eines kalten Winterabends schlappte meine Schwester über den Weihnachtsmarkt in Osnabrück. Ihr kam eine junge Frau entgegen mit einem übertrieben großen Schal; eine wollene Unendlichkeit, die sich über den ganzen Körper der Marktbesucherin ergoss – Textil überall. Das Muster des vermeidlichen Riesenschals kam meiner Schwester bekannt vor, sehr bekannt sogar. Nach einigem Hin- und Her-Überlegen wurde ihr klar: Die Frau trägt um den Hals, was bei meiner Schwester auf dem Sofa lag. Eine Ikea-Wohnzimmerdecke nämlich.

Das aber ist bloß die Übersteigerung eines Trends, der sich auch im Kleiner-Großen seit einigen Jahren abzeichnet: Mehr ist mehr, so die Devise, wenn es um die wärmende Hals-Deko geht. Schals werden möglichst groß und breit, möglichst überdimensioniert getragen. Verständlich wäre das, wenn sich die Trägerinnen und Träger in ihre Woll-Ungetüme eingewickelt durch den arktischen Schneesturm kämpften. In den klimawandel-warmen Innenstädten unserer westlichen Welt aber sieht’s einfach nur dämlich aus. Fast so, als würde man eine Ikea-Wohnzimmerdecke spazieren tragen.

Ps.: Das auf dem Foto ist Lenny Kravitz, der seine Kuscheldecke einfach nicht ablegen wollte. Aber der kann ja alles tragen. Manuel Almeida Vergara