In Indien verbringen Menschen ihr Arbeitsleben damit, Knöpfe oder Reißverschlüsse aus fast neuer Kleidung zu entfernen, die dann zu Decken verarbeitet wird.
Foto: Tim Mitchell

BerlinAllein die Begegnung mit Reshma lohnt den Weg hinaus nach Dahlem. Die Inderin mit dem umwerfenden Lächeln arbeitet seit 15 Jahren in einer Fabrik in Panipat, in der Kleidung recycelt wird, die in Deutschland, Italien oder Frankreich im Altkleidercontainer gelandet ist. „Kleidung recyceln“ klingt gut, ist aber sehr schwierig wegen der vielen Mischfasern, die in moderner Mode verwendet werden. Aus den Textilien in Panipat etwa entstehen ausschließlich Decken, bei denen es keine Rolle spielt, woraus sie sind. Aber das nur nebenbei.

Die Kleiderberge hier reichen bis unters Dach der Halle, jedes einzelne Stück nehmen die Arbeiter in die Hand. Es gibt Frauen und Männer, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als Knöpfe oder Reißverschlüsse zu entfernen. Die alles nach Farben sortieren, Maschinen beladen und Kleidung in kleine Fetzen reißen, aus denen ein Faden gesponnen werden kann. In ihren Köpfen entsteht während dieser Arbeit ein Bild - ein Bild von den Menschen in Deutschland, Italien, Frankreich oder den USA, die diesen unendlichen Kleiderstrom ausstoßen.

Ist Waschwasser in Europa derartig teuer?

Am wahrscheinlichsten erscheint Reshma und ihren Kollegen die Erklärung, dass dort das Wasser knapp ist und deshalb sehr teuer. Haben die Leute ein Kleid, eine Hose, eine Jacke ein oder zwei Mal getragen, schicken sie das Teil auf die Reise übers Meer, denn Waschen würde sich einfach nicht lohnen. „Ich wüsste nicht, warum diese Kleidung sonst kommen sollte“, sagt Reshma.

Ein Hangar für Hosen: Jeans-Näherei im indonesischen Semarang.
Foto: M. Fuchs

Meghna Guptas dokumentarischer Kurzfilm „Unravel“ bedrückt und beschämt einen. Zu sehen ist er zurzeit in der hervorragenden Ausstellung „Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode“ im Dahlemer Museum Europäischer Kulturen MEK, die ein grelles Licht auf die finsteren Aspekte der internationalen Modeindustrie und unser Konsumverhalten wirft. Unfassbare 1,35 Millionen Tonnen   Kleidung allein aus privaten Haushalten in Deutschland landen jedes Jahr im Altkleidercontainer. Im Durchschnitt kauft jeder Deutsche 60 Kleidungsstücke im Jahr, und viele werden kaum oder gar nicht getragen, bevor sie weggeworfen werden.

Das war nicht immer so. Die Fast Fashion, getriggert durch ständig neue Kollektionen der Modeketten, hat das Kaufverhalten verändert und die Wertschätzung, die einem Kleidungsstück entgegengebracht wird, deutlich verringert. Im Durchschnitt besitzen wir heute viermal so viel Kleidung wie 1980.

Die Ausstellung, ursprünglich für das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg entwickelt, bietet so viel Gedankenfutter, dass man sofort jede Schulklasse dorthin schicken möchte. Und man fragt sich, wann die Fridays-for-Future-Aktivisten und -Aktivistinnen das Thema Kleidung stärker in den Fokus nehmen werden. Immerhin ist der CO2-Ausstoß der Modeindustrie höher als der durch internationale Flüge und Kreuzfahrten verursachte zusammen.

Manche Jugendliche werden sich bestimmt in den gezeigten Videos wiedererkennen, in denen zwei Teenager umgeben von Einkaufstüten von ihren Beutezügen erzählen und jedes Detail der Hose oder des T-Shirts präsentieren, die sie gerade gekauft haben. Diese sogenannten Haul-Videos sind ein Internet-Phänomen und irre beliebt. Wer den Begriff bei YouTube eingibt, wird bei einer schier endlosen Liste solcher Jubelfilmchen landen.

Erniedrigende Rückkehr der T-Shirts nach Haiti

Immer wieder geht es in der Dahlemer Schau um den Verbleib gebrauchter Kleidung, etwa in der Arbeit des niederländisch-kanadischen Künstlers Paolo Woods. Mit seiner Fotoserie „Pepe“ thematisiert er zum Beispiel die Rückkehr von Kleidung aus den USA an ihren Produktionsort Haiti: Die T-Shirts mit den dümmsten Sprüchen, die kein Second-Hand-Laden in den USA mehr haben will, werden nämlich dann hier verkauft. Sie wirken in Woods Porträts wie eine Erniedrigung derer, die sie tragen. Ganz abgesehen davon, dass dieser Re-Import haitianischen Schneidern die Existenzgrundlage entzogen hat. Genauso ist es in vielen Ländern Afrikas.

Es gibt noch viel mehr negative Aspekte. Die meist in Asien lebenden Textilarbeiterinnen werden schlecht bezahlt und arbeiten oft unter fatal unsicheren Bedingungen. Der Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013, bei dem mehr als 1 000 Menschen starben und rund 2 500 verletzt wurden, machte die westliche Welt schlagartig darauf aufmerksam. In Dahlem sind die weltbekannt gewordenen Fotografien von Taslima Akhter zu sehen: ein vom Geröll begrabenes Paar, das sich im Tod umklammert hält, oder die drei sich umarmenden Menschen inmitten von Leichensäcken.

Weniger bekannt sind andere gesundheitsschädliche Aspekte der Arbeit in der Textilindustrie. So werden Jeans sandgestrahlt, um ihnen einen getragenen Look zu geben, wobei das Einatmen des Quarzstaubs die Lungen irreversibel schädigt. Die Produktion von Kleidung belastet die Umwelt nicht nur durch CO2-Ausstoß, sondern auch aufgrund des Einsatzes von Pestiziden und wegen des Wasserverbrauchs, wie eine Aufnahme des fast nicht mehr existenten Aralsees in Usbekistan schmerzhaft deutlich macht: Er war einmal der viertgrößte See der Welt, bis Unmengen seines Wassers für die Bewässerung von Baumwollkulturen verbraucht wurden. Ein Baumwoll-T-Shirt kostet 2 500 Liter Wasser - oder auch 12 000, je nach Anbaugebiet -, erfährt man auf einer Texttafel.

Dem wegen der enthaltenen Brutalitäten nur hinter einem schwarzen Vorhang gezeigten Film über den Umgang mit Schafen bei der Schur in Australien, bei der die Arbeiter auf den Tieren herumtrampeln, sie verletzen und sogar töten, konnte die Autorin keine zehn Sekunden standhalten. Australien ist der größte Woll-Exporteur der Welt.

Man atmet auf, wenn man den dritten Raum der Ausstellung betritt, denn hier geht es um Berliner Repräsentanten der Slow Fashion, der nachhaltigen Mode. Man lässt die Welt des Konsums mit ihren Horrornachrichten von Ausbeutung, Umweltverschmutzung und Zerstörung hinter sich und betritt eine auf ein freundliches, überschaubares, moralisch vertretbares Format geschrumpfte Welt. Eine, die einem keine Angst macht.

Upcycling: In Berlin-Schöneberg verarbeitet Rut Meyburg ehemaliges Sofaleder.
Foto: Anita Back

Was Sperrmüll war, wird zur neuen Handtasche

Rut Meyburg etwa stellt aus ausrangierten Ledersofas neue Taschen oder auch Handschuhe her, die sie in ihrem Laden in Berlin-Schöneberg verkauft. Jenna Stein hat den Berlin Clothing Swap ins Leben gerufen, bei dem man eigene Kleidung gegen andere tauschen kann. Verena Paul-Benz lässt die Sachen für ihr Label Lovejoi von Geflüchteten aus Syrien und Afghanistan in Oberschwaben produzieren. Ein Nachthemd kostet 50 Euro, wie man zu Hause ergoogeln kann. Und nicht vergessen: Höchstens zwei davon kaufen und sie möglichst lange tragen.

Zum guten Schluss der Ausstellung steht man dann vor einer Schüssel mit - lauter Näh-Kits. Ein Loch einfach mal zu stopfen, auch das kann die Welt schonen.

Fast Fashion - Die Schattenseiten der Mode, bis 2.8.2020 im Museum Europäischer Kulturen MEK, Arnimallee 25, Berlin-Dahlem