Weniger, aber noch besser: ein Teller im französisch inspirierten Feinschmecker-Restaurant Cell. 
Courtesy Cell

BerlinEs gibt Zeiten, in denen es schwer ist heute etwas zu schreiben, was morgen noch aktuell ist. Wir erleben sie gerade. Fast muss ich lachen: Bis vor Kurzem dachte ich tatsächlich, meine Gastrokolumne könne die einzige Rubrik in der Zeitung bleiben, in der ich Sie mit dem Thema Corona verschone. Wie naiv.

Ich hatte nicht vor, mir den Appetit verderben zu lassen. Ein Freund, der Foodie ist, was wohl bedeuten soll, dass er extrem häufig essen geht und sich bestens in der Berliner Restaurantszene auskennt, hatte noch auf Facebook unter dem Hashtag #supportyourlocalrestaurant gepostet, welche Läden er momentan besucht. Es waren viele - verbunden mit dem Zusatz: Natürlich möge jeder für sich entscheiden, wie er sich momentan verhält. Er jedenfalls gebe der Panik keinen Raum und genieße gerade jetzt Berlins fantastische Gastroszene.

Ganz ehrlich, dasselbe dachte ich bis Anfang der Woche auch - und reservierte vergangenes Wochenende mit besagtem Freund im Cell, einem französisch inspirierten Feinschmecker-Restaurant mit einem wunderbaren Küchenchef.

Die Fixkosten von Spitzenrestaurants sind enorm

Meine Überlegung: Gerade die Fine-Dining-Läden können Unterstützung nun besonders gut gebrauchen, da sie von Touristen und Geschäftsessen leben. Die Umsätze bei den Gastronomen sind um die 70 %, bis nun sogar 100 % bei Komplettschließung, eingebrochen. Das können viele nicht lange überleben, weil die Fixkosten von Miete und Personal, aber auch Investitionen in Weinkeller oder Küchentechnik immens sind.

Im Cell hatten an diesem Abend von zwölf Reservierungen alle ausnahmslos storniert, erzählte uns der Sommelier Pascal Kunert, der auch nicht wirklich weiter wusste. Wir waren tatsächlich die einzigen Gäste in dem eleganten Restaurant, in dem die Tische ohnehin aus Diskretion mindestens eineinhalb Meter (der aktuell vorgeschriebene Abstand) auseinander stehen, und die offene Küche eher einem Labor gleicht. Es war gespenstisch schön, weil der Küchenchef Liam Faggotter sowie auch der Service ihr absolut Bestes gaben, um uns die absurde Situation vergessen zu machen.

Ich werde wohl nun für längere Zeit von diesem kulinarischen Highlight zehren müssen. Wir aßen, damit es sich für die Crew wenigstens lohnte, das Überraschungsmenü. Ich mache es kurz: Jeder, wirklich jeder Gang war perfekt und überzeugte mit einem ungewöhnlichen Twist.

Das Cell, wie die meisten hochpreisigen Restaurants, die größtenteils nur abends öffnen, haben inzwischen geschlossen. Seit Anfang letzter Woche dürfen Restaurants nur noch zwischen 6 und 18 Uhr ihre Speisen anbieten, wenn sie bestimmte Abstandsregelungen für die Tische und Hygienemaßnahmen einhalten sowie nicht zu viele Besucher auf einmal einlassen.

Gutscheine, Take-away de luxe: Jetzt sind Ideen gefragt

Doch Sie können viele der geschlossenen Restaurants wie das Cell trotzdem unterstützen, indem Sie Gutscheine kaufen und mit „minimalem Risiko in der schwierigen Situation sehr weiterhelfen“. Das steht etwa auf der Webseite des Cell. Ich hoffe, gemeinsam können wir das große Restaurantsterben verhindern oder wenigstens abmildern, das sich in Berlin dank Corona unweigerlich anbahnt.

Diese Kolumne wird in den nächsten Wochen, wenn es sich irgendwie machen lässt, nicht aussetzen. Mal wird sie in Form eines Interviews erscheinen, mal als Tipp, woher man das beste Essen geliefert kriegt. Denn jetzt ist Kreativität, sind Ideen gefragt. Es gibt Berliner Restaurants wie das Mrs Robinson, Estelle Dining, Standard Pizza oder Otto, die nun mit Lieferdiensten zusammenarbeiten. Take-away als Thema ist natürlich auch möglich für mich. Und ganz schön spannend, stelle ich gerade fest.

Auch wenn es traurig ist, dass Corona nun den Genuss im Leben angreift - ich denke, wir alle sollten nicht verlernen, zu schmunzeln. Das dachte ich mir jedenfalls, als ich folgende Nachricht las, die unsere Zeit auf den Punkt bringt: Der Luxusgigant LVMH Louis Vuitton Moët Hennessy produziert nun in einigen seiner Fabriken in Frankreich Desinfektions-Gel statt Moisturizer oder Parfum, weshalb seine Aktie zuletzt wieder zugelegt hat.

In diesem Sinne: Wir hochzivilisierten Europäer sind sehr anpassungsfähig, alles wird gut ... nein, besser! Bleiben Sie gesund und bis nächste Woche.