Die Temperaturen steigen und die Hüllen fallen: Jetzt ist es wieder so weit, dass man im Straßenbild den menschlichen Körper in all seiner Unvollkommenheit dargeboten bekommt. Zu kurze Hosen, zu billige Stoffe, zu schlechte Schuhe werden uns in den warmen Monaten begleiten. Wir haben für Sie die schlimmsten Modesünden des Sommers zusammengestellt.

Stilvorbild Sonja Zietlow: heute mal „exotisch“ dank der Tunika

Im Sommer darf’s gern mal ein bisschen „wilder“ sein. Ein bisschen bunt, ein bisschen Walle-walle. Also werden schon ab Mai schnell die Flatteroberteile aus unzähligen deutschen Kleiderschränken herausgewühlt – endlich wieder Tunika-Zeit! Das Problem ist nur: Auch der bunteste, hübsch im Wind wehende Fummel macht aus der kalkweißen Plunze noch keine exotische Schönheit. Im Gegenteil: Je nach Muster und Machart können Tunika oder Kaftan den gegenteiligen Effekt erzielen: alt machen, auftragen, blöd aussehen.

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Kann’s eigentlich tragen, sieht trotzdem suboptimal aus: Sonja Zietlow mit ihrem Lieblingskleidungsstück.

Freilich hat die Tunika auch ein bekanntes Stilvorbild: Sonja Zietlow, die alljährlich zum Dschungelcamp ein Best-of ihrer offenbar endlosen Flatter-Sammlung mit nach Australien oder Südafrika bringt. Tatsächlich kann Zietlow, was die körperliche Beschaffenheit und eine verdächtig knackige Ganzjahres-Sonnenbräune angeht, die Tunika noch recht manierlich tragen – leider entscheidet sie sich aber stets für die ulkigsten Muster, in denen nicht selten Zebrastreifen auf Hibiskusblüten und Palmenblättern prallen. Autsch. Sei’s drum: Zwischenzeitlich durfte die Moderatorin sogar ihre eigene Blusen-Linie entwerfen. Gingen bestimmt weg wie warme Semmeln, die Dinger … Manuel Almeida Vergara


Geschnürt und falsch gewickelt: Sandalen des Grauens

Es mag ja sein, dass „Spartacus“ und „Gladiator“ zu Ihren Lieblingsfilmen zählen. Aber auch wenn Sie gern mit Marcus Aurelius angeredet werden und Schaukämpfe im Kolosseum austragen würden – sehen Sie der Realität ins Auge. Die Zeiten sind nun mal vorbei und Sie sind auch kein römischer Legionär. Von daher gibt es keine Daseinsberechtigung für Römersandalen, zumindest nicht für solche, die den ganzen Unterschenkel hochranken. Also reißen Sie sich bitte am Riemchen und lassen Sie es. Denn zum einen gibt es keine richtige Schnürtechnik für die Lederbändchen, sondern nur tausend falsche. Und zum anderen sieht das Bein im gern bis zum Knie hoch gewickelten Bandsalat, sofern Sie nicht Fesseln haben wie Bambi, ganz schnell aus wie ein Rollbraten. Und, beim Teutates, das wollen Sie doch nicht! Anne Vorbringer

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Okay, wenn Sie durchtrainiert wie ein Ballett-Tänzer sind, dann dürfen Sie sich alles um die Beine wickeln.

Hans-Jürgen im Glück: die „2 in 1“-Hose mit abnehmbarem Bein

Die Deutschen sparen gerne – am liebsten an der Mode. Das zeigt sich nicht zuletzt an einem unsäglichen Kleidungsstück, das mit den ersten warmen Sonnentagen verlässlich die Innenstädte unseres Landes flutet: Die Hose mit dem abnehmbaren Bein, also jene, die sich mittels Reißverschlusses flugs von der langen zur kurzen Buxe umfunktionieren lässt. „Toll“, denkt sich da Hans-Jürgen beim Streifzug durch den nächstgelegenen C&A, „das ist ja praktisch – da hab ich ja zwei Hosen zum Preis von einer!“ Das ändert aber nichts daran, dass diese Hosen einfach nur fürchterlich aussehen.

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Sieht selbst beim Wandern scheiße aus: Die Hose mit abnehmbarem Bein, hier in der Komplett-Version getragen.

Ihre Wurzeln haben die Modelle – von Hans-Jürgen meist im obligatorischen Beige-Schlamm-Olivgrün ausgewählt – in der Sport- und Funktionskleidung. Sie sind als Trekkinghosen vor allem für die lange Wanderung gemacht. Was Sinn ergibt, schließlich will man auf jeden weiteren Ballast, auf jede zusätzliche Hose im Wanderrucksack gern verzichten. Aber in der Innenstadt? Da entscheidet man sich doch eher selten spontan um, was die Hosenbeinlängen betrifft, oder? Und wenn doch: Was macht Hans-Jürgen eigentlich mit den beiden unteren Beinteilen, wenn er sie in einem Anfall von Hitze vom Rest der Hose abgetrennt hat? Vermutlich hat er einen dieser braun-petrol-karierten Rucksäcke dabei, die es aktionsmäßig manchmal beim Discounter oder an der Tanke gibt – noch so ein schrecklich deutsches Modeteil. Aber wenigstens passen die Hosenteile rein. Manuel Almeida Vergara


Es schwitzt schon beim Hinsehen: die falschen Stoffe

„Meine Schwester heißt Polyester“, ist eine tolle Liedzeile aus einem noch tolleren Film. Loriot in allen Ehren, aber am Körper haben Chemiefasern nichts zu suchen – und im Sommer auf nackter Haut schon gar nicht. Zwar ist Polyester relativ reißfest und Textilien aus der Kunstfaser bleiben lange in Form. Dafür aber nehmen die Sachen kaum Feuchtigkeit auf und sind wenig atmungsaktiv. Die müffelnde Folge: Unser Schweiß wird nicht nach außen abgegeben, Geruch entwickelt sich und wir schwitzen noch mehr. Hinzu kommt der Umweltaspekt: Beim Waschen gelangen winzige Fasern als Mikroplastik ins Abwasser. Lieber zu natürlichen Fasern greifen, zum Beispiel Baumwolle oder noch besser: Leinen. Leinen ist der ultimative Sommerstoff, die Naturfaser aus Flachs hat einen kühlenden Effekt. In Indien bei 45 Grad für Sie getestet! Anne Vorbringer


Blümchen gehören in den Garten und nicht aufs Kleid

Millefleurs, das Muster der tausend Blumen, machte sich sehr hübsch auf den Wandteppichen der Spätgotik, auch auf teurer Keramik wirkt es recht apart. Doch was hat das ornamentale Dekor aus dem 15. Jahrhundert auf der Kleidung von heute verloren? Wir wissen es nicht. Gern ranken die vielen kleinen, gleichmäßig oder uneinheitlich verteilten Blumen auf kurzen Kleidchen, das soll dann niedlich, verspielt und romantisch aussehen. Tut es aber nicht, und warum außerdem sollte eine erwachsene Frau niedlich aussehen? Leider ist der Trend dennoch nicht totzukriegen, erst vor zwei Jahren flammte er wieder auf, nachdem Herzogin Kate ein Millefleurs-Dress trug, das man für knapp 30 Euro nachshoppen konnte. Unser Tipp: Für 30 Euro bekommen Sie etliche Tütchen mit Sommerblumen-Samen. Kaufen Sie die und erfreuen Sie die Bienen. Anne Vorbringer

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Praktisch allenfalls für die Gartenarbeit: Herzogin Kate im Millefleurs-Kleid.

Feldwebel oder Schwerstmaschinenschlosser: Ärmel mit Knopf und Riegel

Was will ein Mann, der eines dieser schrecklichen Sweatshirts mit Knopf und Riegel an den Ärmeln trägt, eigentlich sagen? Ich brauche verlässlich freie Hände, bin hemdsärmelig und anpackend? Ein echter Macher eben? Oder sagt dieses angeblich praktische Mode-Gimmick nicht doch eher: Ich bin einfach zu blöd, mir die Ärmel so hochzukrempeln, dass sie nicht den ganzen Tag wieder runterrutschen? Womöglich aber geht’s hier gar nicht um die Praktikabilität. Darum, dass Knopf und Riegel irgendwas am Rutschen hindern. Vielleicht soll das Detail tatsächlich eher eine ästhetische Kraft entwickeln.

Vermutlich kommt die Machart, bei der auf der Hälfte des Oberarms außen ein Knopf und innen besagter Riegel mit Knopfloch angebracht wird, aus der Arbeitsbekleidung, vielleicht sogar aus dem Militär. Da eben, wo ein runterrutschender Ärmel im schlimmsten Fall der schlimmsten Fälle tatsächlich eine Gefahr darstellen kann. Das Modeelement hat also eine recht martialische Geschichte. Dass vielen Männern das gefällt, dass sie sich gern ein bisschen als Feldwebel oder Schwerstmaschinenschlosser fühlen wollen, ist tatsächlich wenig überraschend. Schöner macht das die blöden Knopf-und-Riegel-Sweatshirts aber auch nicht. Manuel Almeida Vergara


Der flatschende Sound des ästhetischen Totalausfalls: Flip-Flops

Nach den Rollkoffern sind sie das andere Merkmal eines irgendwie subproletarischen Tourismus: Flip-Flops gehören an keinen Fuß, außer man ist wirklich Surfer und muss über den heißen Sand am Strand einer Südseeinsel zum Wasser gelangen. Denn für den Strand sind die Plastiklatschen erfunden worden und sonst für gar nichts. Das flappend-schmatzende Geräusch, das die sogenannten Zehenstegsandalen machen, klingt nach Wurschtigkeit und nach ästhetischem Totalausfall. Zwar gibt es diese Art von Sandale im Grunde schon seit vielen Tausend Jahren, aber das gilt ja auch für Erkältungskrankheiten und Nagelpilz.

Und ungesund sind sie auch! „Flip-Flops bieten dem Fuß keinen zusätzlichen Halt, keine Führung und eher geringe Dämpfung. So zeigt eine 2010 durchgeführte kinesiologische Vergleichsstudie zwischen Flip-Flops und Sneakers eine durch das Tragen von Flip-Flops veränderte Gangart. Die Stehzeit zwischen den einzelnen Schritten ist bei Trägern von Flip-Flops kürzer und es werden zudem kleinere Schritte gemacht. Weiterhin wurde ein Festkrallen der Zehen beim Gehen mangels eines guten Halts belegt“, weiß jedenfalls Wikipedia.

Im italienischen Nationalpark Cinque Terre sind Flip-Flops übrigens aus Verletzungsgründen verboten. Wer dagegen verstößt, dem drohen Bußgelder von bis zu 2500 Euro. Diese Regel sollte weltweit eingeführt werden! Marcus Weingärtner

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Sehen hässlich aus, machen ein hässliches Geräusch und sollten weltweit geächtet werden: Flip-Flops.