Krawatte allein reicht nicht mehr: der Neo-Anzug, wie ihn Florenz und Mailand für den Winter 2020/21 sehen. Von links: betonte Taille von Random Identity by Stefano Pilati; urbaner Nomadenlook von Jil Sander; CEO-Pilot von Ermenegildo Zegna. 
Fotos: Giovanni Giannoni/A. Lucioni/Getty Images

BerlinGentleman? Klingt irgendwie antiquiert. Da liest sich „New Formal“ schon cooler. Um diese neue Formalität – anders gesagt: einen Reboot maskuliner Eleganz – kreisten die Überlegungen der 1200 Aussteller und 36.000 Besucher der Modemesse Pitti Uomo Herbst/Winter 2020 in Florenz. Immer noch waren reichlich Kleiderstangen vollgehängt mit der seit Jahren gehypten Streetwear, also Jeans und Jogpants, Hoodies und Sweatshirts. Aber ohne Frage, es gibt eine Gegenbewegung.

Wie passend, dass ein so traditionsreiches Label wie Brioni – ja genau, die einstigen Kanzler-Ausstatter – ihr 75-jähriges Jubiläum auf der Pitti feierten. Gleich am ersten Messetag führten mehrere Orchestergruppen im Renaissance-Palast Gerini vor, wie seriös, auf heutige Art romantisch und zugleich lässig italienische Schneiderkunst aussehen kann. Der Oboist zum Beispiel spielte im schwarzen Zweireiher mit haselnussbraunem Pullover, das Fagott beeindruckte in anthrazitgrauem Hirschledersakko über dunkelblauem Rolli. Einen besseren Auftakt (auch musikalisch gesehen) für den nächsten Modewinter hätte es nicht geben können, siehe das Brioni-Video dazu. 

Jung und älter, androgyn und hypermaskulin, kräftig wie spindeldürr: Das Casting der Models war betont divers

Traditionell halten sich auf der Pitti Uomo Avantgarde und Tragbarkeit eine angenehme Balance. In den Messehallen wird Kommerziell-Modisches angeboten, während von der Messe mit Bedacht eingeladene Gastdesigner zusätzlich in eigenen Schauen stilistisch mehr riskieren. In der Regel finden sich deren Ideen, halt einige Saisons später und für den Alltag runtergebrochen, dann auch in den Messehallen wieder.

Special Guests waren dieses Jahr das Schweizer Paar Lucie und Luke Meier, das seit 2017 die Jil-Sander-Kollektion verantwortet; der New Yorker Streetwear-Star Telfar Clemens sowie der in Berlin lebende Italiener Stefano Pilati mit seiner Random-Identity-Kollektion. Vor allem letztere Schau war ein echtes Highlight, ihr Casting ein betont diverser Querschnitt.

Junge wie reifere Herren, androgyne und hypermaskuline Typen, kräftige wie spindeldürre Jungs zeigten präzise geschnittene Anzüge, Überröcke und Kleider. Begriffe wie Herren- oder Damenmode interessieren die Random Identity, die „zufällige Identität“, nicht. Die Hosen sind oft weit, die Sakkos verkleinert oder oversized. Plateaustiefel und Sandalen, letztere in Kooperation mit Birkenstock entstanden, geben den Looks einen zusätzlichen Twist.

Ständige Weiterentwicklung statt Trendkarussell

Accessoires wie feine Silberketten oder karierte Strickschals ergänzen die Outfits, ohne sie überzudekorieren. Französische Eleganz (Pilati war mehrere Jahre Chefdesigner bei Yves Saint Laurent), italienische Schneiderkunst und Berliner Underground finden hier kongenial zusammen. Anders als seine Kollegen und Kolleginnen denkt dieser Designer nicht in Einzelsaisons. Stefano Pilati versteht seine Kollektion als ständige Weiterentwicklung, als quasi evolutionär – einige Teile bleiben, andere verschwinden, machen Platz für neue, die den Look ständig weitertreiben.

Auch bei Jil Sander für den Winter 2020/2021 spielen Anzüge und Sakkos eine wichtige Rolle. Und auch hier haben sie wenig mit der klassischen Business-Uniform alter Schule zu tun.

Die Schau fand im Refektorium des berühmten Klosters Santa Maria Novella statt. Fast sakral wirkten denn auch die oft überlangen Jacken und die Hosen mit den breiten Umschlägen. Tunikaartige Überwürfe, lose fallende Mäntel und Schal-Überzieher mit langen Fransen verstärkten den zeremoniellen Eindruck der Kollektion, genauso wie der starke Duft der Berge von leuchtend orangen Tagetesblüten, an denen die Models vorbeiliefen. Metallische Schmuckknöpfe hatten etwas Nomadisches. Der Anzug und die Jacke oder der Mantel dazu waren oft in einer Farbe gehalten: Schwarz, Creme, Burgunderrot.

An der Telfar-Kollektion scheiden sich die Geister. Der 35-jährige New Yorker Designer, ein Kind aus Queens, ist eindeutig ein Star der Streetwear-Szene. Seine ballonartigen Jeans, die Lederhosen mit den Strickeinsätzen, die mittelalterlich wirkenden Bundhosen – alles das findet der eine cool, der andere albern. Dass seine Mode nicht „for everyone“ sei, wie Telfar gerne sagt, zeigte sich schon daran, dass die VIPs, unter ihnen Solange Knowles, um den noch unabgeräumten Tisch vom Exklusiv-Dinner des Vorabends saßen, der den Models nun als runder Laufsteg diente.

Eine Rückkehr maskuliner Distinktion

Die anderen handgezählten Gäste durften mit großem Abstand drumherum sitzen und zuschauen. Telfars Präsentation illustrierte also das Prinzip des Inner Circle, aus dem diese Mode entstanden ist. Insofern war sie, was das Thema Ausgrenzung angeht, dann doch ziemlich auf der Höhe der Zeit. Die Rückkehr maskuliner Eleganz lässt sich durchaus als ein Zeichen verstehen, dass soziale Distinktion wieder gewünscht ist. Und das nach vielen Jahren, in denen Demokratisierung via Streetwear als das einzige Maß aller Dinge galt.

Waffe des Gentleman: Zegnas neues Naturlederhalfter für die Leica-Kamera. 
Foto: Getty Images/Estrop

Der Riff auf den Charme der Bourgeoisie hat bei den Damen ja schon länger Einzug gehalten. Um nur das offensichtlichste Beispiel zu nennen: Hedi Slimanes Sommerkollektion für Celine macht mit hochtaillierten Jeans, Faltenrock und Schluppenbluse die Trägerinnen zur höheren Töchtern, die offenbar im Fundus einer vermögenden Pariser Großtante gekramt haben.

Nun können auch die Jungmänner den Grandpa als modisches Role Model ausschöpfen, das machte diese Pitti Uomo deutlich. Mit Sneakern und Jogginghosen aufgewachsen, kann sich eine ganze Generation der guten, alten Herrenschneiderei als etwas Neuem zuwenden. Und sei es nur, um sich von jenem „Dad“ abzugrenzen, der zumindest in der Freizeit optisch längst zum großen Bruder geworden ist.

Der „Grandpa Look“ war diesmal jedenfalls nicht nur für die florentinischen Streetfotografen ein Thema. In der „Futuro Maschile“ benannten Pitti-Halle schmückten Ahnenbilder fesch gereifter Herren nicht wenige Stände, Perserteppiche und dunkles Mobiliar vervollkommneten die gediegene Atmosphäre. Auf den Bügeln hingen Zweireiher, Westen und Hosen aus feiner Wolle oder Cord, ganz breit oder samtig. Glencheck, Hahnentritt und vor allen Dingen Karos bestimmten das Bild.

Wie ist die Farbpalette?

Herbstlich erdverbunden: gebranntes Orange, Maisgelb, Wollweiß, Beige. Das neue Biedermeier lässt grüßen. „Futuro Maschile“ bedeutet also auch „zurück in die Zukunft“, aber natürlich läuft das Rad der Mode nicht einfach rückwärts. Die auf den ersten Blick gern kratzig wirkenden Wollstoffe sind, in die Hand genommen, dank neuer Materialmischungen überraschend leicht und kuschelig. Und Grandpas Hosenträger-Styling muss ja nicht eins zu eins kopiert werden.

Die sogenannten Broken Suits stehen beispielhaft dafür – Anzüge, die sich variieren lassen. Es gibt sie mit schmalen oder (deutlich modischer) weiteren Hosen. Alternativ zum Jackett werden Blousons im gleichen Stoff angeboten. Ein Anzug, viele Möglichkeiten. Überhaupt entscheidet das Styling, ob ein Look wie aus der Manager-Mottenkiste oder attraktiv wirkt.

Die Kombination von Karos und Streifen, von schweren Stiefeln zum Dreiteiler etwa würden den Großvater doch überraschen. Seit Freitag setzen nun die Mailänder Schauen der großen italienischen Labels den Blick auf den Männermode-Herbst fort. Zegnas Chefdesigner Alessandro Sartori setzte dabei nicht nur stilistisch den ersten Leuchtturm.

Recycling à la Zegna

Neben seiner höchst souveränen Ermenegildo-Zegna-Kollektion thematisierte er besonders überzeugend die Problematik der Verschwendung in der Modeindustrie durch eine Laufsteg-Installation: Stoffbänder von insgesamt 37 Kilometern Länge hingen massenweise von der Decke, Reste aus den letzten sechs Zegna-Kollektionen.

Und siehe da: Ein Teil der neuen Kollektion besteht aus recycelten Stoffen. Sind in dieser Kollektion noch rund 50 Prozent der Materialien neu produziert, soll dieser Anteil perspektivisch auf zehn Prozent gesenkt werden, so das Versprechen. Der Zegna-Pulli als Klimaretter.