Hollwoods legendärstes Grinsen, fragmentiert durch mehrere Spiegel: Jack Nicholson III, New York City, 1998. 
Foto: Albert Watson/Courtesy Camera Work 

Berlin„Ich bin kein Modefotograf. Auch wenn das jeder denkt“, sagt Albert Watson mit vollster Überzeugung. Nun ja, verdenken kann man es der Welt nicht, wenn sie den 77-Jährigen in diesem Genre verortet. Immerhin inszenierte Watson jahrzehntelang die angesagtesten Models und Kleider aus Paris, Mailand und New York, produzierte Kampagnen für Prada, Levi’s und Dior und schoss mehr als 250 Vogue-Cover.

Unbestritten ist: Albert Watson zählt zu den letzten großen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Doch ihn auf stilvolle Modebilder zu reduzieren, wird dem Schotten nicht gerecht. Tatsächlich ist er ein fotografisches Chamäleon, wie auch beim Gespräch anlässlich seiner Ausstellung in der Berliner Galerie Camera Work deutlich wird.

Schauspieler, Rockstars, Politiker, Künstler und Unternehmer, nicht zu vergessen Könige und Königinnen: Seit fast fünfzig Jahren hat Watson sie regelmäßig vor der Kamera. Seine Bilder? Weltberühmt. Die Abzüge der Aktsession mit der damals noch sehr jungen Kate Moss werden auf dem Kunstmarkt für fünfstellige Beträge gehandelt. Watsons Porträt von Steve Jobs nutzte Apple als offizielles Bild nach dem Tod des Firmengründers im Jahr 2011. Seine Fotos haben eine Tendenz zum Ikonischen.

Kate Moss, Marrakesh, 1993.
Foto: Albert Watson/Courtesy Camera Work

Was Watson tut, das tut er ganz

Aber da ist noch viel mehr als Akte und Porträts. Landschaftsfotos, Still-Lifes, Reisereportagen, Filmposter. Und die mehr als 650 TV-Spots, die er bis heute gedreht hat. Vor allem aber: Konzept, Idee und Präzision. Vor einigen Jahren, erzählt der Fotograf, habe ihm ein Creative-Director das bislang schönste Kompliment seiner Karriere gemacht, als er am Ende eines langen Arbeitstages zu Watson sagte: „Wissen Sie, was ich an Ihnen und Ihrer Fotografie so mag? Ihnen scheint das letzte Foto noch wichtiger zu sein als das erste.“

Albert Watson empfindet diesen Arbeitsethos, diese Hingabe, als völlig selbstverständlich: „Für mich ist die Fotografie sowohl Passion als auch Obsession – und zwar zu jeweils 100 Prozent.“ Wohl auch deshalb kennt der Künstler keine freien Tage. Wenn er nicht im Studio oder am Set ist, bereitet er das letzte Projekt nach oder das nächste vor. Einmal erledigte Watson drei Jobs an einem Tag – morgens Cover-Shoot mit Catherine Deneuve in Paris, danach mit der Concorde zu einem Werbejob in seinem Studio in New York und anschließend Porträts von Frank Zappa in Los Angeles. „Verstehen Sie mich nicht falsch, heute würde ich das auf keinen Fall tun“, sagt er lachend. „Doch damals, in meinen Dreißigern, habe ich einfach so gearbeitet.“ Derzeit führt er, die Gesundheit wird es ihm danken, nur noch sein Studio in New York.

Wie bei den meisten Besessenen, und dazu zählt Watson nun mal im positiven Sinne, gab es auch bei ihm diesen einen, den magischen Moment. 1942 in Edinburgh geboren und von Geburt an auf einem Auge blind, lieh er sich als Kind von seinem Vater eine Box Brownie von Kodak, damals eine günstige Schnappschusskamera. Und es machte einfach Klick.

Schotte mit Wohnsitz New York: der Fotograf Albert Watson.
Foto: dpa/ Marcus Brandt

Trotzdem hätten seine ersten beiden Jobs nicht weiter von der Fotografie entfernt sein können. Ein Jahr lang arbeitete er beim Air Ministry, dem heutigen Verteidigungsministerium Großbritanniens, und berechnete die Routen ballistischer Raketen von England nach Russland. Danach analysierte er im Labor einer Schokoladenfabrik, in welchem Verhältnis die einzelnen Zutaten zueinander stehen müssen. Sein Fokus lag, kein Witz, auf Arsen. „Da Spuren von Arsen in so ziemlich allem enthalten sind und es unseren Körper nie wieder verlässt, darf der Arsenanteil in Schokolade nicht zu hoch sein“, sagt Watson. Er sollte herausfinden, wo diese Grenzwerte liegen. „Man müsste schon 20 Kilo Schokolade essen – und zwar ein Jahr lang jeden Tag –, um an einer Arsenvergiftung zu sterben“, sagt er. Vermutlich ist man nach einer solchen Ernährung tatsächlich „six feet under“, wie der Schotte sagt. Allerdings nicht wegen zu viel Arsen.

Auf dem Weg zur Weltkarriere

Nach diesen beiden Jobs ging der junge Albert dann doch noch an die Uni. In Dundee und am renommierten Royal College of Art in London studierte er zunächst Kunst, dann Grafikdesign – und erlebte seinen zweiten Aha-Moment. „Ich liebe Grafikdesign. Doch als die Fotografie um die Ecke kam, war es um mich geschehen. Und zwar für den Rest meines Lebens.“

Die Leidenschaft für Grafik wie für Fotografie war ein Glücksfall für Watson, der fortan beides miteinander verband. Ohne starkes Konzept kein starkes Foto. So einfach diese Regel ist, so selten wurde und wird sie beherzigt. Auch deshalb sind Watsons Fotos herausragend. Mitunter stellen sie das Konzept auch über das Gezeigte, wie bei der Serie „Monkey with Gun“ von 1992. Oder als er über zwei Jahre lang das Ägyptische Museum in Kairo nervte, um die Habseligkeiten von Tutanchamun ablichten zu dürfen. Fotografisch keine Meisterleistung, doch in dem Fall ging es ihm nicht ums Bild, sondern um das, was darauf zu sehen ist.

Cindy Crawford in Shadows, San Francisco, 1989.
Foto: Albert Watson/Courtesy Camera Work

Zur Berufsfotografie fand Watson erst in den USA. 1970 zog er mit seiner Frau Elizabeth nach Los Angeles, weil sie dort eine Stelle als Sportlehrerin antrat. Wie jeder Fotograf fing auch er unten an. „In meinem ersten Jahr als Berufsfotograf machte ich jeden Job“, erzählt er. Zu seinen frühen Aufträgen gehörte auch ein Katalog für Krankenhauszubehör. Bettpfannen, Sauerstoffgeräte, OP-Tische. „Hätte ich ernsthaft sagen sollen: Verzeihung, ich bin Künstler und fotografiere keine Bettpfannen? Das gehörte alles zum Lernprozess. Außerdem hatte ich eine Familie zu ernähren.“

Der Durchbruch gelang ihm 1973. Das Modemagazin Harper’s Bazaar suchte jemanden, um für die Weihnachtsausgabe den Regisseur Alfred Hitchcock zu fotografieren. Watson hatte kurz zuvor eine Bazaar-Redakteurin kennengelernt, die ihn für den Job empfahl. Es entstand das berühmte Foto des Regisseurs mit Unschuldsblick und einer gerupften Gans in der Rechten. Es war der Startschuss für eine inzwischen fast fünf Jahrzehnte dauernde Karriere. 2015 verlieh ihm die Queen,  die er natürlich auch schon porträtiert hat, für seine Verdienste um die Fotokunst den Order of the British Empire.

David Bowie, Box on Head, New York City, 1996.
Foto: Albert Watson/Courtesy Camera Work

Letzte Frage: Was treibt einen an, der beruflich quasi alles erreicht hat? „Manche Leute werden heroinabhängig. Ich bin fotografieabhängig. So einfach ist das“, antwortet Watson trocken. Und das wird wohl so bleiben, bis er sich die Radieschen von „six foot under“ anschauen kann.

Die Ausstellung „Albert Watson“ läuft bis 18. Januar 2020 in der Galerie Camera Work (Kantstraße 149, 10623 Berlin). Einige neue Arbeiten sind erstmals ausgestellt und stehen exklusiv bei Camera Work zum Verkauf.