Nicht nur uns Menschen schmeichelt die tiefstehende Sonne, auch das Diamantgras sieht in diesem Licht flirrend schön aus.
Foto: Rainer Elstermann

Berlin/UckermarkDen ganzen Frühling und Sommer hindurch haben die meisten Gräser ein Dasein im Schatten ihrer üppig blühenden Geschwister, der Stauden, geführt. Wenn die Blütezeit der Stauden nun vorbei ist, stehen die Gräser von Spätsommer bis Herbst im Mittelpunkt und bekommen eine Dominanz im Garten, die sie vorher nicht hatten. Auch wenn sie das ganze Jahr eine gestalterische Rolle spielen, werden sie dem Garten in den kommenden Monaten Struktur und Highlights geben. Denn wenn die Sonne tiefer am Himmel steht und die Schatten länger werden, fangen die Gräser mit ihren feinen Blüten das Sonnenlicht ein und bringen den Garten zum Strahlen.

Faszinierend sind im Herbst die unterschiedlichen Lichtstimmungen, die sich zwischen dem flachen Licht eines wolkigen Tages und dem Aufglühen der durchbrechenden Sonne zeigen. Dann leuchten die Halme in allen Schattierungen – von Beige, Rostbraun bis Dunkelbraun oder Schwarz. Und wie sagte der große niederländische Landschaftsgärtner Piet Oudolf so schön: Braun ist auch eine Farbe!

Er muss es wissen: Als wahrer „Maestro der Halme“ hat Piet Oudolf Gräser in den letzten Jahrzehnten populärer gemacht als jeder andere. Noch mehr: Er hat dem Landschaftsdesign damit einen wahren Schub hin zu mehr Naturnähe und vertikaler Strukturierung verpasst. Mehrfach hat Oudolf dabei erklärt, dass ihn nichts mehr zum Träumen veranlasst als das wundervolle (weil wundervoll ausführliche) Buch „Enzyklopädie der Gräser“ von Rick Darke. Eine Lektüre-Empfehlung, der ich mich nur aus vollem Herzen anschließen kann!

Neben dem Sonnenlicht sind es aber auch Tau, Rauhreif und Frost, die den Gräsern im Garten ihren Zauber geben. Dies versöhnt mich alljährlich mit dem Abschied des Sommers und den kühler werdenden Temperaturen. Übrigens: Gräser setzt man traditionell im Frühling; doch da die Jahreszeit hierzulande immer trockener wird, werden sie zunehmend im Herbst gepflanzt.

Das Garten-Reitgras Calamagrostis „Karl Foerster“ hält den ganzen Winter lang die Stellung im Garten des Autors. Hier zu erkennen an den langen, schilfartig geraden Halmen. 
Foto: Rainer Elstermann 

Den Reigen der herbstblühenden Gräser eröffnet das koreanische Diamantgras Calamagrostis brachytricha, das bereits im August zu blühen beginnt. Nach jedem der seltenen Regenschauer unterbreche ich meine Arbeit (hektisch erfinde ich Gründe, eine Besprechung früher zu beenden) und renne in den Garten, um Fotos zu machen. Leider ist es mir bisher nicht gelungen, diesen kurzen Moment, in dem die Regentropfen auf den Ähren im Gegenlicht zu Diamanten verwandelt werden, so im Foto festzuhalten, wie er sich in der Wirklichkeit zeigt.

Zur gleichen Zeit beginnt auch das Herbstkopfgras Sesleria autumnalis weiß zu blühen. Es hält Trockenheit gut aus, wächst auch im Halbschatten und unterdrückt hervorragend die sogenannten Unkräuter. Im Herbst nimmt es eine limonengrüne Färbung an und bleibt auch im Winter grün. What’s not to like! Als Strukturgeber unverzichtbar ist das Garten-Reitgras Calamagrostis „Karl Foerster“, das nach seinem gleichnamigen Züchter benannt wurde. Von der frühen Blüte im Juni steht es bis zum Rückschnitt im Spätwinter kerzengerade da.

Spot on: Der Sonnenaufgang setzt diese Gräserlandschaft auf dem Grundstück des Brandenburger Ferienhauses „Die kleine Acht“ magisch in Szene.
Foto: Rainer Elstermann

Zu den ganz großen Paukenschlägen (so stelle ich mir immer die musikalische Begleitung zum „Einzug der Gräser und Farne in die Gärten“ vor, den eben jener Karl Foerster in seinem gleichnamigen Buch von 1956 feiert) gehören die Chinaschilfe (Miscanthus). Und wie dieses Instrument sollten sie auch eingesetzt werden, denn ihre Wirkung kann, wenn gekonnt platziert, ähnlich sein: umwerfend, aber auch überwältigend und ein bisschen laut.

Ein Garten, in dem es viel von den Miscanthus gibt, hat auch immer etwas Prächtiges, und das ist nicht überall gewünscht. Besonders aber zwischen anderen hohen Pflanzen oder als Hintergrund für Stauden können sie sehr schön wirken. Die Sorte „Malepartus“ (benannt nach einem alten deutschen Wort für Fuchsbau) wächst zirka 1,80 Meter hoch und ist sehr standfest. Sie blüht dunkelrot und färbt sich später silbrig. Miscanthus „Ferner Osten“ ist deutlich zarter, wird nur 1,50 Meter hoch und besitzt sehr filigrane Ähren. Wem die Blüte der Chinaschilfe dennoch zu aufdringlich ist, für den gibt es die zirka 1,20 Meter hoch werdende Sorte „Gracillimus“,  die ein hervorragender Strukturgeber ist und bei uns fast nie zur Blüte kommt.

Ein Paukenschlag im Garten ertönt aus der Ecke des Chinaschilfs: Miscanthus 'Malepartus' wird zirka 1,80 Meter hoch und hat eine auffällige, dunkelrote bis silbrige Färbung. 
Foto: Rainer Elstermann 

Rosablühend ist das nicht ganz winterharte Gras Muhlenbergia capillaris, das unerreicht schön auf Fotos aussieht. Bei mir im Garten blüht es, obwohl schon im zweiten Jahr, noch immer nicht; ich gebe aber nicht auf und versuche es trotzdem weiter. Auch bei Sporobolus heterolepis, dessen Blüten im Herbst nach Honig duften und einen zarten Schleier über die zwischen den Grasbüscheln gepflanzten Stauden schieben, brauche ich etwas Geduld, da es nur langsam zu voller Größe aufläuft.

Deutlich unkomplizierter sind die Gräser der Sorte Rutenhirse (Panicum). Sie gehören zu den Pflanzen, die in Wirklichkeit viel schöner aussehen als auf Fotos. Panicum „Shenandoah“ trägt rötliche Blüten, und auch die Blätter verfärben sich im Herbst rot. P. „Northwind“ wird 1,60 Meter hoch und steht den ganzen Winter aufrecht. Im Gegensatz zu P. „Cloud nine“, das oft mannshoch wird und bogig überfällt, wie hohe Wellen. Mit diesem Bild im Kopf setze ich es gerne zu mehreren in einer Reihe, oder zumindest in einer Gruppe.

Die wohl gängigsten Gräser sind die Lampenputzergräser. Die Sorte „Hameln“ bleibt kleinwüchsig und ist überall im Handel erhältlich. Am meisten mag ich aber die Form von Pennisetum alopecuroides viridescens, das die dunkelsten Blütenähren trägt. Dieses Gras wächst horstig und breitet sich mit seinen Halmen gerne bis zu einem Meter Durchmesser aus. Man sollte ihm deshalb den Platz auch zur Verfügung stellen und andere Pflanzen mit entsprechendem Abstand planen. Frühblühende Blumenzwiebeln kann man jedoch gerne drumherum stecken – denn wenn das Gras nach dem Beschnitt noch nicht in die Höhe geschossen ist, füllen sie den freien Raum mit ihrer Blüte.


Gartengestalter Rainer Elstermann auf Instagram: https://www.instagram.com/neuelandschaftsgestaltung