Immer schön cool bleiben: Marlene Dietrich mit ihrem Mann Rudolf Sieber (links) bei der Ankunft am Pariser Gare St.-Lazare, 19. Mai 1933. 
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Berlin/Hollywood - Die Mädchen durften an meiner Schule – Anfang der 1960er-Jahre im Odenwald – keine Hosen tragen. Ich begriff das nicht. Kleider zeigten Haut, waren schon darum deutlich mehr sexy. Erst später verstand ich, dass es nicht um die Abwehr einer erotischen Bedrohung, sondern um die Betonung der sexuellen Differenz ging. Frauen sollten nicht aussehen wie Männer. Männer auch nicht wie Frauen, also sollten sie die Haare kurz tragen.

Bald wurde die Hosendebatte in den Hintergrund gedrängt durch die Frage: Wir kurz dürfen die Röcke sein? Da ging es dann doch um den sexuellen Reiz. Ich wusste damals noch nicht, dass 1789 den preußischen Regierungsbeamten untersagt worden war, die knöchellangen geraden Hosen zu tragen, die in Frankreich gerade eingeführt worden waren. Das hätte mir die Komik unserer Kleiderordnungen noch klarer gemacht.

Wir hatten uns lange von diesen Debatten entfernt. Seit ein paar Jahren sind sie wieder da. Eine junge Frau wird von ihren türkischen Verwandten auf ihre viel zu kurzen Hosen angesprochen. Sogar der Gemüseverkäufer, der sie nicht kennt, glaubt, er habe ein Recht darauf, ihr zu sagen, dass sie „als Türkin“ so nicht herumlaufen dürfe. Man sieht viele junge Paare so durch Kreuzberg gehen: Die Männer mit T-Shirt und kurzen Hosen, neben ihnen ihre Frauen in der Burka. Auch hier geht es um „social distancing“. Der Abstand zwischen Frau und Mann wird markiert, wie der zwischen „unseren“ und den deutschen Frauen. Dem Mann wird eingeräumt, dass er seine Distanz zu den Deutschen im Kopf herstellt. Die Frau muss sie in der Kleidung austragen.

Werfen wir einen Blick zurück auf die Geschichte der Frauenhose. Griechen und Römer trugen Umhänge und Röcke. Kelten und Germanen trugen Hosen. Auf der Trajanssäule in Rom, die seit 113 n. Chr. an ihrem Ort steht, ist das deutlich zu sehen. Auch ein paar Hosen tragende Frauen sind darauf abgebildet. Wann, wo, warum die mitteleuropäischen Frauen ihre Hosen durch Röcke ersetzten, weiß ich nicht. Bestimmt gab es Bäuerinnen, die Männerhosen trugen. Aber die berühmte Eingangsszene von Grass’ „Blechtrommel“ ist mit Hosen nicht zu haben: Kartoffelernte im Oktober 1899. Anna Bronski sitzt am Rande des Ackers. Unter ihren Röcken versteckt sie einen Mann vor den Feldgendarmen. Neun Monate später bringt sie eine Tochter zur Welt.

Transatlantischer Chic: Die Dietrich, ganz Garçonne in Anzug, Krawatte und Barett, posiert für den Fotografen Paul Cwojdzinski auf der „SS Europa“ bei der Überfahrt von Amerika nach Europa, 1933.
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Das Spiel mit den Geschlechtern war immer auch ein Spiel mit den Kostümen. Bei Wikipedia gibt es eine „Liste als Mann verkleideter weiblicher Militärpersonen“. Es sind mehr als siebzig von Homer bis ins 20. Jahrhundert. In der Ilias wird die Frau, die sich zu den Männern gesellt, zur Strafe gesteinigt.

Die Hose machte im christlichen Abendland den Mann. Wer die Hosen anhatte, hatte das Sagen. Die Komik, die darin lag, den Geschlechtsunterschied an einem Kostüm sichtbar zu machen, wurde im Theater immer wieder genutzt für die hübschesten Verwechslungsspiele, bei denen das Jonglieren mit dem kleinen Unterschied oft der kürzeste Weg zur größten Heiterkeit war.

Als dann aber einige Damen begannen, aus dem Spiel Ernst zu machen und in Männerkleidung rauchend über die Straßen von Paris und Berlin zu flanieren, da schritt die Justiz ein. Louise Aston zum Beispiel wurde 1846 aus Berlin ausgewiesen. Sie hatte nicht nur Hosen angezogen, sondern sich auch gegen die Institution der Ehe gewandt: „Ein Institut das mit der höchsten Sittlichkeit prahlt, während es jeder Unsittlichkeit Thor und Thür öffnet; das einen Seelenbund sanktionieren will, während es meistens nur den Seelenhandel sanktioniert. Ich verwerfe die Ehe, weil sie zum Eigentume macht, was nimmer Eigentum sein kann: die freie Persönlichkeit; weil sie ein Recht gibt auf Liebe, auf die es kein Recht geben kann; bei der jedes Recht zum brutalen Unrecht wird. In den Institutionen liegt die Unsittlichkeit, nicht in den Menschen; in den Menschen nur insofern, als ihnen Einsicht und Kraft fehlt, um bessere Verhältnisse zu schaffen.“

Bei diesem Kampf um die besseren Verhältnisse ging es immer wieder ganz wesentlich darum, Gleichheit auch darzustellen. Je lautstärker Männer Hosen als ihr Vorrecht reklamierten, je mehr sie sie zu einem Symbol machten, desto mehr Frauen machten ihnen das Symbol streitig. 1851 kreierte die amerikanische Frauenrechtlerin Amelia Bloomer (1818–1894) eine weit geschnittene Hose, deren Beine an den Knöcheln mit Bändern zusammengebunden wurden. „Türkische Hosen“ nannte sie sie. Bald schon hießen sie weltweit „Bloomers“ und wurden zu einem Erkennungszeichen der Frauenbewegung.

Die weibliche Hose war nun Teil einer radikalen Reformmode. So wie hundert Jahre später Frauen ihre Büstenhalter verbrannten, so warfen sie damals die Korsetts und Petticoats weg. Zur Freiheit gehörte die Freiheit des Körpers. Hosen waren bequemer als Röcke oder Kleider, man konnte sich in ihnen freier bewegen. Reifröcke wurden auf den Misthaufen der Geschichte geworfen, dem kurz zuvor erst wieder zum Leben erweckten „Cul de Paris“ (Pariser Hintern) hinterher. Das Fahrrad wurde zu einem Beschleuniger der weiblichen Emanzipation. Nicht nur, dass das Rad den Aktionskreis von Frauen auch des unteren Mittelstandes erweiterte. Die Geschlechter kamen sich dabei fernab von zu Hause näher. Beide in Hosen.

Der Erste Weltkrieg veränderte alles. Frauen übernahmen die Jobs von Männern. Der Overall war unisex. Als die Frauen den auszogen, steckten sie ihre gertenschlanken Leiber erst einmal in oben schmale, schwingende, die Knie nicht mehr bedeckende Kleider. Sie schnitten sich die Haare ab. So kam der Bubikopf auf die Welt. Als Frauen sich lange Hosen auf den Leib schneidern ließen, war die Garçonne geboren. Es war eine Mode, die mit dem Geschlechterbild spielte. Viele spielten nicht nur mit dem Bild – lesbisch zu sein oder doch wenigstens so zu tun als ob, war modern. Frau zeigte damit am radikalsten, dass es der Männer nicht bedurfte.

Die berühmteste deutsche Garçonne, Marlene Dietrich, erklärte 1933 ihre Vorliebe für Männerkleidung ein wenig anders: „Ich finde, dass ich in Männerkleidern anziehender wirke. Außerdem gestattet einem diese Kleidung vollkommene Freiheit und Bequemlichkeit.“ Damals meinte sie auch – und das hätte ich wirklich gut brauchen können, damals an meiner Schule –: „Ich habe sogar für mein Töchterchen Heidede den meinigen ähnliche Anzüge machen lassen. Ich finde, dass sie in Hosen viel besser geschützt ist als in Röcken, wenn sie am Strand oder irgendwo im Freien spielt.“ Die „Marlene-Hose“ mit Bundfalten gibt es, mit bezeichnenden Unterbrechungen, seit 1932.

Den Drehtag sieht man ihr nicht an: Marlene Dietrich beim stilsicheren Verlassen der Paramount Studios in Los Angeles.
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Die Frauenhose war damit aber noch lange nicht durchgesetzt. In Wikipedia werden folgende Vorfälle erwähnt: Der Sängerin Esther Ofarim wurde 1966 der Zutritt im Hosenanzug zur Bar des Hamburger Atlantic-Hotels verwehrt. Senta Berger wurde in einem Londoner Hotel untersagt, in einem Anzug zu dinieren. Der berühmt-berüchtigte „Kopf-ab-Jaeger“, der CSU-Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger, drohte 1970, er werde jede Abgeordnete, die es wagen sollte, in Hosen zur Plenarsitzung zu erscheinen, aus dem Saal weisen. Über den Umgang der DDR mit Frauen in langen Hosen weiß ich nichts. Zu meiner Sammlung von DDR-Benimmbüchern habe ich im Augenblick leider keinen Zugang.

Also erst einmal zurück zu Richard Jaeger. Seine Drohung veranlasste die Hannoversche SPD-Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer (1915–1999), sich umgehend einen Hosenanzug zu kaufen und darin am 15. April 1970 den Plenarsaal des Bundestags zu betreten. Aufregung. Große Aufregung. Carlo Schmid, SPD, sieht die Würde des Hauses verletzt. Am 14. Oktober folgt der Aufregung der Skandal, als die Hinterbänklerin ihre erste Parlamentsrede – ein kämpferisches Plädoyer für die Gesamtschule – in einem Hosenanzug hält. Die Abgeordneten gehen nur in einer Bemerkung „Die erste Hose am Pult“ darauf ein. Auch Herr Jaeger thematisiert ihren Hosenanzug nicht. Die Post, die sie erhält, dokumentiert die Empörung der aufgescheuchten deutschen Männer.

Am 2. Februar 2013 meldete die französische Nachrichtenagentur AFP, dass eine Verordnung vom 7. November 1800 jetzt aufgehoben worden sei. Die Anordnung des damaligen Polizeipräfekten Dubois besagte, dass jede Frau, die sich kleiden wolle wie ein Mann, sich bei der Polizei melden müsse, um dafür eine Genehmigung zu bekommen. Diese Regelung war zwei Jahrhunderte lang nicht beachtet, also auch niemals abgeschafft worden.

Der Kampf um die Bewegungsfreiheit von Frauen hört niemals auf. Wie übrigens auch nicht der um die der Männer. In der indonesischen Provinz Aceh wurde 2003 die Scharia eingeführt. Seit Januar 2010 dürfen Frauen dort keine engen Hosen mehr tragen. Es sei denn, sie ziehen knöchellange Röcke darüber. Darüber wacht die Scharia-Polizei. Die hat allerdings nicht verhindern können, dass es in der Provinz Aceh mehr sexuelle Übergriffe gibt als im restlichen Indonesien. Also wurde Frauen verboten, nach 23 Uhr ohne männliche Begleitung in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein.

Der Kampf um die Hose ist immer auch ein Kampf um die Freiheit und die Deutungshoheit. Bei dem Beharren auf dem kleinen Unterschied geht es einzig darum, das große Machtgefälle nicht zum Einsturz bringen zu lassen. Die Geschichte der weiblichen Hose ist ein Stück sexualpolitische Geschichte.