Paris„Dieses Matrosenhemd ist so etwas wie unsere Mona Lisa“, sagt Odile Prémel begeistert und deutet auf eine elegante Tunikabluse aus elfenbeinfarbenem Seidenjersey mit passendem Stoffgürtel. „Es stammt aus dem Jahr 1916 und ist das älteste uns bekannte Kleidungsstück von Gabrielle Chanel.“ 

Prémel ist für die Archivierung der Chanel-Kollektionen verantwortlich und begleitet uns an diesem Tag durch die Ausstellung „Gabrielle Chanel. Manifeste de Mode“, mit der das Pariser Modemuseum Palais Galliera nach fünfjährigen Renovierungsarbeiten seine Wiedereröffnung feiert. Es mag überraschen, aber in Frankreich ist dies tatsächlich die erste Ausstellung über die legendäre französische Modeschöpferin überhaupt. Dabei gehört Coco Chanel gewissermaßen zum nationalen Kulturgut.

Mademoiselle Unternehmerin: Gabrielle Chanel in den 1930ern, meisterlich porträtiert von André Kertész.
Foto: Médiathèque de l’Architecture et du Patrimoine, Dist. RMN-Grand Palais/André Kertész

Darüber hinaus ist es die erste Ausstellung weltweit, in der es einzig und allein um den legendären Stil, also das Werk der großen Modeerfinderin geht. Prémel steht noch immer vor dem Matrosenhemd und schwärmt: „Dieses Teil ist außergewöhnlich, da es ein Kleidungsstück für tagsüber ist. So etwas ist unglaublich schwer zu finden, denn in der Regel behält man eher das schöne, bestickte Abendkleid der Großmutter. So etwas Einfaches wird selten aufbewahrt.“ 

Doch gerade durch seine Schlichtheit ist diese Kreation maßgeblich für das radikale Design von Coco Chanel, mit dem sie bereits Anfang des 20. Jahrhunderts die Mode revolutionierte. „Die Ausstellung heißt Manifest der Mode und dieses Stück ist gewissermaßen die Illustration dafür,“ erklärt die Mode-Archivarin. „Denn wir kommen damals gerade aus dem 19. Jahrhundert, einer Zeit der Zwänge, in der Frauen noch Korsett tragen. In Kleidungsstücken von Chanel aber können sie sich bewegen. Sie hat zur Emanzipation beigetragen, indem sie den Frauen Komfort und Bewegungsfreiheit bot.“ 

Startpunkt der modischen Moderne: die Jersey-Marinière von 1916 aus dem Chanel-Archiv. Links einer der schlichten Hüte, mit denen die Couturière zuvor als Modistin brillierte.
Foto: SIPA/Laurent VU

Chanel fing zwar 1910 zunächst als Hutmacherin an, doch schon ab 1913 verkaufte sie ihre ersten Kleidungsteile. Dafür benutzte sie vor allem Jersey, einen Stoff, der damals in erster Linie für Sportbekleidung und Männerunterwäsche genutzt wurde. Jersey zeichnet sich dadurch aus, dass es weich, anschmiegsam und also bequem ist. Und noch ein anderes Material hat diese Eigenschaften und wird genau aus diesem Grund später zu Chanels Markenzeichen: der berühmte Tweedbouclé. 

Die Auswahl der rund 350 Ausstellungsstücke besticht vor allem durch die Details, die immer auch etwas über ihre Epoche erzählen. So wie etwa die aufgenähten Taschen, die vorher eigentlich nur sportlicher Männermode vorbehalten waren. Chanel kaperte sie für Damenjacken und -mäntel. Sie selbst ist auf vielen Fotos mit Händen in den Taschen zu sehen – eine ganz neue Attitüde für Frauen der damaligen Zeit und ein klares Zeichen für Unabhängigkeit. Denn wer Taschen hatte, konnte darin auch seine Schlüssel und sein Geld verstauen. Im Jahr 1908 noch demonstrierten die Suffragetten für ihre Rechte − Gabrielle Chanel eröffnete ihnen die Möglichkeit, es zumindest modemäßig den Männern gleich zu tun. 

Befreiung für beide Hände: Die Schultertasche „2.55“ entwarf Coco Chanel bei ihrem Comeback 1955; hier ein frühes Exemplar aus dem Firmenarchiv.
Foto: Julien T. Hamon

Abgesehen von ihrer revolutionären Natur beeindrucken die teilweise über 100 Jahre alten Ausstellungsstücke vor allem durch ihr modernes Design. „Die Silhouette von Gabrielle Chanel ist heute noch unglaublich aktuell,“ findet auch Chanel-Präsident Bruno Pavlovski, der an diesem Tag im Museum ebenfalls anwesend ist. „Die Sachen könnten von Virginie Viard (heute Kreativdirektorin von Chanel, Anm. d. Red.) entworfen worden sein.“ 

Besonders deutlich wird dies in einem Saal, der Parfums und Make-up gewidmet ist. Die Optik der Verpackungen ist beinahe identisch mit der von heute. Schon damals in den 1920er-Jahren, als Chanel ihre Kosmetik einführte, waren die Produkte in weiße Schachteln mit schlichter, schwarzer Umrandung verpackt, auf denen nur das verschlungene C zu sehen ist. Konsequenter Minimalismus, der für die damalige Ära bemerkenswert war. 

Chanels großes Rotes: links Frühling/Sommer 1955, rechts Herbst/Winter 1970/71, beide aus dem Chanel-Archiv.
Foto: Julien T. Hamon

Odile Prémel führt uns weiter ins neue Untergeschoss, wo es um Chanels größte Ikone geht: das Tweedkostüm. Eine Galerie von rund 50 davon aus den Jahren 1958 bis 1971 zeigt sie in all ihren Facetten, mal unifarben, mal mit Hahnentrittmuster, mal mit und mal ohne Bluse darunter. Viele warfen Gabrielle Chanel damals vor, sich nicht genug verändert zu haben und zeitlebens immer dasselbe gemacht zu haben. Doch genau darin lag wohl ihre Stärke. „Ihr Stil änderte sich über die Jahre nicht grundlegend,“ bestätigt Prémel. Chanel sei bis zu ihrem Tod 1971 ihren Prinzipien treu geblieben. Mit Bewegungsfreiheit für mehr Eleganz zu sorgen, das war Gabrielle Chanels persönliches Modemanifest. Dass es bis heute Gültigkeit hat, zeugt gerade in der schnelllebigen Modewelt für ihr besonderes Genie.


Gabrielle Chanel. Manifeste de Mode. Noch bis zum 14. März 2021 im Palais Galliera in Paris, organisiert mit voller Unterstützung des Unternehmens Chanel. Der Katalog auf Englisch erscheint im November bei Thames & Hudson. Tickets online unter: www.billetterie-parismusees.paris.fr