Tee, Rosen, Kamelien: Was wir von den Engländern für unsere Gärten lernen können

Eigentlich wollte unsere Kolumnistin in England diverse Gartenthemen angehen. Dann kam der Tod der Queen dazwischen. Was von der Recherchereise übrig blieb.

Saftig und grün: Die großen Blätter der Kamelien-Sorte Camelia Sinensis.
Saftig und grün: Die großen Blätter der Kamelien-Sorte Camelia Sinensis.Imago

Gärtnern ist, seien wir ehrlich, immer auch Glückssache. Ob ein Pflänzchen Wurzeln schlägt, hängt nicht allein davon ab, ob ich es ausreichend gedüngt, gewässert oder mütterlich betüdelt habe. Leider. Ich gebe mir Mühe, das ist ja klar – aber ob aus der Sache was wird, hat eben auch mit dem Wetter, den Temperaturen und dem Schicksal ganz allgemein zu tun.

Meine beiden neusten Gartenkinder jedenfalls, so viel steht fest, bekommen all die Liebe und Aufmerksamkeit, die ich zu geben habe, um ihnen den Start in ihrer neuen Heimat so angenehm wie nur möglich zu gestalten. „Jetzt spinnst du komplett“, sprach neulich gar meine Tochter, als sie mich dabei ertappte, wie ich im Internet zum Thema „Nebelmaschinen kaufen“ recherchierte. Kamelien nämlich mögen es neblig. Am liebsten morgens. Und die beiden Neuzugänge bei mir im Beet sind – genau – Kamelien. Camelia Sinensis, so heißt die Sorte; ich habe die beiden spillerigen, etwa 30 Zentimeter hohen Pflänzchen erst vor wenigen Wochen aus England mitgebracht. Und das war so:

Vor ein paar Wochen, abstruserweise genau an dem Tag, an dem die Queen ein letztes Mal einatmete und nicht wieder aus, flog ich nach London, um über englische Gärten zu berichten. Vor Jahren schon hatten wir diese Reise geplant, coronabedingt wurde sie immer wieder verschoben und nun eeeendlich konnte sie stattfinden. Drehorte, Interviewpartner und die jeweiligen Termine hatte ich eingetütet, thematisch abgesprochen und eine halbwegs sinnvolle Reiseroute war ebenfalls ausbaldowert.

Zuerst würden wir die Staudenproduktion von Beth Chatto besuchen, anschließend die Gardenshow im Schaugarten von Wisley, dann den Privatgarten einer Kollegin und zum Abschluss das Gemüsebeet der Lost Gardens of Heligan. Selig setzte ich mich am BER in den Flieger, kam entspannt ins Plaudern mit einer gartenaffinen Sitznachbarin, und an den aktuellen Gesundheitszustand der englischen Königin verschwendete ich keinen einzigen Gedanken. Drei Stunden später, nach der Landung in Heathrow, sah die Welt anders aus. Der Tod dieser sehr besonderen alten Dame wirbelte alles durcheinander.

Kapriziös und zickig: Englische Rosen, hier eine zart aufgehende Blüte.
Kapriziös und zickig: Englische Rosen, hier eine zart aufgehende Blüte.Imago

Explizit aufzudröseln, was es für eine Reporterin bedeutet, selbst wenn sie hauptsächlich Gartenfilme macht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, würde an dieser Stelle zu weit führen. Fakt aber ist: Mein gesamter Drehplan flog über den Haufen. Die ersten Tage in England verbrachte ich vor dem Buckingham-Palast, berichtete live und interviewte trauernde Engländerinnen und Engländer. Als ich mich, mittlerweile war einiges an Zeit vergangen, gedanklich wieder den Gartenfilmen widmen konnte, waren von vier Themen zwei im Eimer.

Im englischen Schaugarten steht man „unter Schock“

Mit der Staudenproduktion ließ sich kein neuer Termin finden und der Schaugarten Wisley sagte ab. „Wir stehen unter Schock“, teilte mir die Pressechefin tonlos mit, „aktuell erlauben wir keine Journalisten auf unserem Gelände“. Ob das nun im Sinne der Queen sei, versuchte ich noch zu argumentieren. Umsonst. Englische Pressedamen sind eisern. Wo sie das wohl herhaben?

Deutsche Journalistinnen allerdings bekommen in solchen Momenten graue Haare. Mein Team und ich hatten bislang kein einziges grünes Bild im Kasten, eine Verlängerung der Reise war unmöglich und kein Termin passte mehr zum anderen. Ich hängte mich ans Telefon und hatte, allen Widrigkeiten zum Trotz, nach drei Stunden Recherche ein glühendes Ohr und zwei Ersatzthemen. David Austin Roses in der Nähe von Birmingham und einen Gärtner namens Jonathan Smith in Cornwall. Englische Rosen, gebe ich zu, sind nicht so mein Ding. Die sind mir zu zickig, lassen immerzu die Köpfe hängen und anfällig für Schädlinge sind sie obendrein.

In Reih und Glied: Der Tee, hier eine Plantage in Kenia, wird in alle Welt verschifft.
In Reih und Glied: Der Tee, hier eine Plantage in Kenia, wird in alle Welt verschifft.Imago

Und doch, nachdem ich dort war, kann ich sagen: Sollten Sie mal von London in Richtung Birmingham unterwegs sein, dann lohnt ein Halt im Schaugarten von David Austin Roses. Unbedingt. Die blühenden Laubengänge, die Pergolen und die vielen Beet-, Rambler- und Kletterrosen sind schlichtweg fantastisch. Klassisch englisch umrahmen Buchsbaumhecken die jeweiligen Schaugärten und auch der angrenzende Shop mit allerlei englischem Schnickschnack macht uns Gartenmenschen richtig Spaß. Der Tag also bei David Austin wird mir in guter Erinnerung bleiben. Meinen Besuch bei Alternativdreh Nummer Zwei aber fand ich noch ein bisschen spannender.

In Cornwall gibt es die einzige kommerzielle Teeplantage Englands

Wir reisten nach Cornwall, ganz in den Südwesten der Insel. Da nämlich, nah des Flusses Truro gelegen, befindet sich die einzige kommerzielle Teeplantage Englands. Tee ist bekanntlich das Lieblingsgetränk der Engländer und, viele der Leserinnen und Leser wissen das vielleicht, ein Importprodukt. Er wird in Indien, China, Japan oder auch Kenia angebaut und von dort in alle Welt verschifft. Nach England kam der erste Tee vor rund 350 Jahren. Der damalige König Charles II. und seine portugiesische Braut Catherine de Braganza hatten ihn in den Niederlanden kennen- und schätzen gelernt und brachten das Getränk nach Großbritannien. Es waren also die Royals, die aus den Engländern eine Nation von Teetrinkern machten.

Anfangs kam der Tee aus China, er war empfindlich teuer und nur die englische Oberschicht konnte ihn sich leisten. Während der Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert dann wurde Tee steuerfrei aus Indien importiert und somit erschwinglich. Es dauerte nicht lange, da stieß er das Bier als Getränk Nummer eins vom Thron. In Großbritannien selbst wurde niemals Tee angebaut. Bis Jonathan Smith, ein geschäftstüchtiger Gärtner, der ein bisschen so aussieht, als wäre er ein Zwillingsbruder von Daniel Craig, im Jahr 1999 die erste Teepflanze in die englische Erde setzte. Vorab war er zwei Jahre lang unterwegs gewesen, hatte sich weltweit Teeplantagen angeschaut und versucht, zu verstehen, was die Pflanzen zum Überleben brauchen.

Sieht gut aus: Blüten der Camelia Sinensis, aus der echter Tee gewonnen wird.
Sieht gut aus: Blüten der Camelia Sinensis, aus der echter Tee gewonnen wird.Wikimedia

Jonathan arbeitete als Chefgärtner auf dem Landgut Tregothnan. Gemeinsam mit dem Besitzer, einem Lord, kam er auf die Idee, die riesigen Ländereien in eine Teeplantage zu verwandeln, und schon kurz nachdem er von seinen Reisen zurückkehrte, setzten die beiden ihre Idee in die Tat um. Camelia Sinensis heißt die Pflanze, aus der echter Tee gewonnen wird. Ihre immergrünen Sträucher werden zwischen einem bis drei Meter hoch und können bis zu vierhundert Jahre alt werden.

Gerade in der grünen Branche gibt es viele wagemutige Menschen

„Durch den tiefen Fluss im Tal,“ erklärte mir Jonathan, während wir zwischen seinen langen Reihen Teepflanzen hindurchspazierten, „haben wir morgens immer Nebel, ähnlich wie im Himalaya. Das mögen die Pflanzen.“ Die geografischen Bedingungen auf Tregothnan passen für Kamelien genau. Nicht zu kalt im Winter, nicht zu warm im Sommer und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Mittlerweile stehen etwa eine Million Teepflanzen auf dem Gelände, die bringen 10 Tonnen pro Jahr und werden an Ort und Stelle zu schwarzem oder grünem Tee verarbeitet. Englischer kann englischer Tee nicht sein.

Immer wieder treffe ich Gärtnerinnen und Gärtner, Landwirte, Blumenproduzentinnen und Menschen aus der grünen Branche, die sich wagemutig in ein nie dagewesenes Geschäftsmodell stürzen. So wie Jonathan. Und immer wieder bin ich tief beeindruckt. Wir blieben den ganzen Tag auf Tregothnan, filmten die Teeplantage und füllten mit kleinen Baby-Kamelien ein paar Lücken in den Reihen. „Glauben Sie, so eine Camelia Sinensis ginge auch bei mir im Garten?“, fragte ich. „Nun,“ war die Antwort, „es ist auf jeden Fall wert, es zu versuchen, oder nicht?“

Zwei der Pflanzen kaufte ich Jonathan ab und wickelte sie in feuchtes Zeitungspapier. Zwischen meinen Gummistiefeln und der Latzhose schafften es die Kamelien wohlbehalten nach Berlin. Jetzt stehen sie in meinem Garten. Ein schattiges, warmes Plätzchen habe ich für sie ausgesucht, und nach den ersten Frösten darf ich nicht vergessen, ihre Stämme zu mulchen und sie in einen Jutesack zu wickeln. „Die ersten Jahre sind schwierig,“ sagte mir Jonathan zum Abschied, „aber wenn sich die Büsche erstmal etabliert haben, werden sie uralt. Versprochen.“

Nebel selbst herzustellen übrigens ist gar nicht mal so einfach. Man braucht Trockeneis oder eine flüssige Glyzerinlösung. Das erscheint mir recht kompliziert. Ich hoffe jetzt mal, dass die beiden Kamelien es auch so schaffen, da draußen. Wie gesagt, Gärtnern ist ja immer auch Glücksache.