Regisseur Gero von Boehm in seinem Berliner Arbeitsrefugium. Genau so ein Spinnenleuchter von Moooi hängt auch über den ZDF-Talks des Philosophen Richard David Precht, die von Boehm produziert. 
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinDie Wohnung am Lietzensee, in der mich der prominente Dokuregisseur und Autor Gero von Boehm zum Interview erwartet, übertrifft selbst hoch gesteckte Erwartungen zur Residenz eines Kultur-Aristokraten. Hohe, helle Räume, harmonisch unharmonisch bestückt mit Büchermassen, viel Kunst und bequemen Sitzgelegenheiten. Um 1910 für private Soireen gelayoutet und nach wie vor ideal dafür, passt die salonige Front der Wohnung geradezu ideal für Corona-Zeiten: Hier lassen sich ambitionierte Abstandsregeln einhalten.

Von Boehm trägt zur dunklen Hemdjacke jene hellen Chinos, die reiferen Herren etwas Unternehmungslustiges und Kosmopolitisches geben. In seinem Fall ist das keine versnobte Verkleidung, sondern schlichte Offenlegung von Tatsachen. Seit den 1980ern hat Gero von Boehm unzählige VIPs aus aller Welt und allen Sparten interviewt und filmisch porträtiert, von denen viele zu privaten Freunden geworden sind. Er ist Autor von legendär erfolgreichen TV-Dokureihen wie „Paläste der Macht“ oder „Die großen Clans“ über die Kennedys, Rothschilds und Agnellis; seit 2012 produziert er außerdem die philosophische Gesprächsreihe „Precht“ im ZDF.

Der Anlass unserer Begegnung: Eben ist „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ angelaufen, Gero von Boehms hinreissende Filmbiografie über den 2004 verstorbenen Fotografen und dessen weibliche Modelle.

Gero von Boehm mit dem Plakat seines neuen Films. Das dafür verwendete Porträt von Newton mit Damenschuhen schoß Alice Springs alias June Newton 1987 in Monte Carlo. Unter von Boehms rechter Hand guckt er selbst 2002 in Newtons Kamera, als „l'homme au monocle“, so die Widmung des Fotografen darauf.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Ich habe ihren neuen Newton-Film in der Pressevorführung gesehen und war fasziniert von der Klarheit und auch Härte, mit der die von Ihnen interviewten Frauen – darunter Charlotte Rampling, Isabella Rossellini und Nadja Auermann – das Phänomen „Helmut Newton“ erfasst haben. Stellenweise ist das Geschlechtersoziologie vom Feinsten. Wenn etwa Rossellini ausführt, wie Newtons Szenen „viel über die Kultur der Männlichkeit“ aussagen oder Rampling davon erzählt, wie powervoll sie sich mit den Pelzen und Juwelen gefühlt hat, mit denen er sie fotografiert hat. Also kaum Banalitäten à la „Newton, der Erotomane“.

VON BOEHM: Da habe ich wirklich sehr viel mehr bekommen als ich erwartet hatte. Ich hatte gedacht, naja, die erzählen halt Anekdoten und so. Aber dass es teils so analytisch wird, das hat auch mich überrascht. Diese Frauen kamen ja einfach rein, setzten sich hin und erzählten. Ohne große Vorbereitung.

Das heißt, sie hatten sich bereits vorher mit dem Warum und Wozu von Newtons künstlerischer Perspektive auseinandergesetzt.

VON BOEHM: Genau, es ist in ihnen drin, und das fand ich schon erstaunlich. Er muss also doch Spuren hinterlassen haben, der Helmut.

Der Filou aus Berlin.

VON BOEHM (lächelt): Genau.

Das wird Sie jetzt fürchterlich langweilen, aber: Können Sie nochmal erzählen, wie Sie und Helmut Newton sich kennengelernt haben?

VON BOEHM: Das war eher spät, um ´97 muss das gewesen sein, habe ich ausgerechnet. Ein zufälliges Treffen. Wir waren beide zur selben Veranstaltung eingeladen, mit unseren Frauen. Und wir mochten uns sofort. Haben uns nur angeguckt über die anderen Gäste hinweg, und schon hatten wir uns verstanden. Die Frauen haben sich aber auch gleich gemocht. Was ganz schön war, denn June (Newton, d. Red.) mochte ja nicht jeden.

Ja, das war und ist bekannt in der Branche. June, die Wächterin.

Nadja Auermann erinnert sich in „The Bad and the Beautiful“ an Helmut Newtons Meisterschaft als Fotograf, aber auch an seinen Groll, nachdem sie ihm einen Korb in Sachen Nacktaufnahmen gegeben hatte.  
Foto: Sven Jakob-Engelmann/LUPA FILM

VON BOEHM: Die Wächterin. Sie hat dann noch dafür gesorgt, dass vier Jahre lang nichts geschah. Ich durfte keinen Film machen, denn June hatte ihren Mann ja lange mit so einer kleinen Kamera begleitet und hat ihn gedreht, während seiner Shootings. Wahrscheinlich dachte sie: Das ist meine Domäne, das ist mein Mann und mein Feld, da darf kein anderer rein. Aber dann hat sich doch eine Vertrauensbasis gebildet im Laufe der Jahre. Und schließlich hat sie ihn geliebt, unseren ersten Film „Helmut Newton – mein Leben“ von 2002. Das war ein klassisches TV-Porträt für das ZDF und Arte.

Einer der beeindruckendsten Momente im neuen Film ist eine Szene, in der Newton und Susan Sontag in der legendären Talkshow Apostrophes aufeinander treffen. Sontag gibt ihm dabei gnadenlos Contra, in geschliffenem Französisch. Das ist womöglich der einzige Moment im Film, in dem man Helmut Newton so etwas wie Unbehagen anmerkt.

VON BOEHM: (lächelt) Ja, Bernard Pivots Literatursendung Apostrophes war so etwas wie das „Literarische Quartett“ mit Reich-Ranicki, nur nicht so böse. Da traten laufend berühmte Autoren auf. Tennessee Williams etwa schenkte sich die ganze Zeit aus einer Teekanne Whiskey nach in seine Tasse, die Farbe war ja ähnlich wie Earl Grey. Es waren einfach alle zu Gast bei Pivot. So auch Helmut und Susan Sontag, die damals gerade ihr Buch „On Photography“ herausgebracht hatte, in den späten 1970ern.

Sontag sagt in der Talkshow über Newton: „L’homme est gentil, l’oeuvre je déteste.“ Also der Mann ist nett, sein Werk verabscheue ich. Und er sitzt daneben, vor laufender Kamera, und guckt.

VON BOEHM: Und dann antwortet er: „Aber ich liebe die Frauen doch über alles!“ Und sie darauf: „Das sagen viele misogyne Männer.“ Das hat ihn wohl irgendwie irritiert, aber eher irritiert-amüsiert. Es war ihm ohnehin immer schnuppe, was die anderen sagen ... und auch nicht. Denn es war ihm schon sehr wichtig, aufzufallen durch Provokation, und auch anerkannt zu werden. Also, wenn er plötzlich nicht mehr in der Vogue erschienen wäre, das wäre nicht gut gewesen. Mit einem Wort: Er war ehrgeizig.

Künstler wie Newton, David Hockney oder Balthus, Schriftsteller wie Golo Mann, Umberto Eco oder Donna Leon, die Architekten I.M.Pei und Richard Meier, undundund: Sie haben so viele spannende Menschen filmisch porträtiert. Vor allem männliche Menschen.

VON BOEHM: Frauen verweigern sich oft. Weil sie irgendwie zu bescheiden sind, was ich nie verstanden habe, oder zurückhaltend, oder ängstlich.

Vielleicht fürchten sie bloß, von Ihnen, dem Journalisten, über den Tisch gezogen zu werden.

VON BOEHM: Ja, irgendwie sowas. Wir machen ja auch diese Philosophie-Sendung, in der Richard Precht interessante Menschen befragt und Gespräche mit ihnen führt. Sie glauben nicht, wie schwierig es ist, Frauen dafür zu verpflichten. Immer finden sie Gründe, um abzusagen. Leider! Wunderbare Professorinnen, tolle Unternehmerinnen, Politikerinnen – sie sagen alle ab. Wir haben viel zu wenig Frauen in der Sendung. Zuletzt hatten wir eine, die CDU-Politikerin Diana Kinnert, das ist diese ganz junge Person, eher grün als CDU, die trägt immer so einen schwarzen Schlapphut. Absolut luzide und toll. Aber ich sage Ihnen, es ist echt schwierig ... Und was meine Filme angeht: Mit Isabella Rossellini hatte ich bereits ein großes Porträt gemacht, mit Charlotte Rampling auch, deswegen war es nicht so schwer, die beiden für diesen Film zu kriegen. Hanna Schygulla fällt mir noch ein. Aber Sie haben recht, es sind viel zu wenig Frauen.

Gero von Boehm mit Isabella Rosselini beim Dreh auf deren Farm in Bellport, Long Island. 
Foto: Pierre Nativel/LUPA FILM

Beim Lesen ihrer Filmliste beschleicht einen das Gefühl, dass Sie der Spezialist für die großen Deutschen sind.

VON BOEHM: Na, die Amerikaner habe ich auch alle gemacht: Arthur Miller, Norman Mailer, Gore Vidal, und Henry Miller. Letzteren jetzt kürzlich noch einmal.

Der zentrale Punkt bei Ihnen scheint eine gewisse Mischung aus Glamour und Tiefe zu sein. Sie würden kaum einen Film über jemand drehen, der jetzt nur als nerdiger Wissenschaftler im Labor werkelt. Aber auch keinen über ein läppisches Socialmedia-Phänomen. Wie würden Sie selber beschreiben, was Sie inspiriert zu einer biografischen Dokumentation?

VON BOEHM: Ich finde die Oberfläche von allem hochinteressant, alles was schön ist. Ich meine, das ist ja nicht unwichtig. Das ist das, was wir sehen, was uns hier prägt und unser Gehirn formt. Deswegen sage ich immer mit Warhol: I am a deeply superficial person ... Genialer Spruch, oder? Und dazu dann die Tiefe, ja. Es interessiert mich, wie Menschen denken und wie sie zu dem gekommen sind, was sie schlussendlich geleistet haben. Was war der Weg dahin? Ich bewundere gerne Menschen, vielleicht ist es das. Ich würde nie einen Film machen über jemand, den ich unbedingt kritisieren oder gar verreißen will. Etwas Investigatives.

Das wäre Ihnen unangenehm?

VON BOEHM: Zu einseitig. Ich habe, ob bewusst oder unbewusst, schon die Leute ausgewählt, die mich faszinierten.

Das heißt, Sie fangen mit der Bewunderung an. Und dann studieren Sie das Subjekt Ihres Interesses. Dadurch wird es ja ohnehin weniger mit der Bewunderung, automatisch.

VON BOEHM: Das sind Menschen. Und dadurch kriegt man den Mut, ihnen auch vor der Kamera bestimmte menschliche Fragen zu stellen. Sowas wie: „Wie war das mit Ihrer Mutter, Herr Handke? Sie müssen das jetzt mal erzählen, weil das ein Schlüssel ist zu Ihrem Werk.“ Da hat er sich nur umgedreht und geschrien: Lassen Sie mich mit meiner Mutter in Frieden! Und ist weggegangen in den Wald. Kam aber gleich wieder zurück.

Ein weiterer Punkt scheint mir: Ihre Themen gehen quer durch die Kunstsparten. Man spürt da noch die 19. Jahrhundert-Sehnsucht nach dem Renaissance-Menschen. Dem Generalisten.

VON BOEHM: Klingt ja total altmodisch. Aber ja, das ist wohl so.

Omnipräsenter Helmut: Ausstellungskataloge und Literatur zu Newton auf Gero von Boehms großem Arbeitstisch.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Wobei, dank der Digitalisierung gewinnt das generalistische Ideal ja doch wieder an Kraft. Google etwa verfolgt das ja auch.

VON BOEHM: Absolut! Die Leute bewegen sich im Netz und entdecken Sachen, die sie sonst nie entdeckt hätten. Sie wollen mehr wissen. Die Leute wollen wieder mehr Content, hat man das Gefühl. Sie sind ja lang unterfordert worden. Auch die Fernsehsender merken das gerade. Ein Beispiel: Wir haben gerade einen Sechsteiler abgeschlossen, „Die Weltensaga“ mit dem berühmten Historiker Christopher Clark. Das lief immer am Sonntag um 19:30 Uhr im ZDF. Sechs Teile über das UNESCO-Welterbe. Das ist aber erst der Anfang, denn jeden Sonntag haben tatsächlich 4,5 Millionen Menschen zugesehen. Das ist richtig gut, und jetzt will der Sender mehr.

Ausgerechnet in Corona-Zeiten sollen wir nach Brasilien, nach Russland, nach Japan reisen und die nächsten sechs Folgen filmen. Es gibt über 1000 solcher UNESCO-Orte. Von denen manche stinklangweilig sind, drei Steine irgendwo. Und andere sind halt toll und man kann die ganze Weltgeschichte daran entlang erzählen. Das ist Wissen im Stakkato, da muss man richtig zuhören, und die Zuschauer lieben es. Das sagt mir, dass man die Menschen eher ein bisschen überfordern statt unterfordern soll.

Zurück zum Anlass unseres Treffens. Sie haben über beide Filme gemacht, sie kannten beide wirklich gut: Was hatten Helmut Newton und Karl Lagerfeld gemeinsam?

VON BOEHM: Eine Riesenportion Humor. Eine tiefsitzende deutsche Wesensart, also arbeitsam, gründlich, perfektionistisch. Und dann kam oben drauf das, was nicht deutsch ist. Nämlich diese Offenheit, kein Schubladendenken, Provokation, Avantgarde.

Newton wie Lagerfeld sind aus Deutschland weggegangen, aus verschiedenen Gründen, und wurden in der Welt draußen zu Giganten.

VON BOEHM: Einerseits diese tiefsitzende Tradition, andererseits eine Form von Pop. Beide waren ja Popstars, irgendwo. Diese Kombination ist es. Ich glaube auch, dass man viel eher Pop und Avantgarde und Provokateur sein kann, wenn man diesen Humus aus Tradition hat. Da traut man sich vielleicht auch mehr.

Und es schadet nicht, wenn man sehr, sehr intelligent ist.

VON BOEHM: Das waren sie beide. Übrigens: Auch das mit Newtons Frau June als Abgrenzung zwischen ihm und der Welt findet sich bei Karl Lagerfeld in anderer Form wieder. Auch Karl wollte immer nur zeichnen, denn das hat er schon als kleiner Junge gemacht. Auch er hat zeitlebens immer nur gespielt. Einmal haben wir sie beide auch zusammen erlebt, bei einer Newton-Ausstellung irgendwo im Rheinland, ich glaube in Bonn. Und Karl kam zur Eröffnung. Und Helmut war so glücklich, dass der große Karl kam und sich das ansah. Da war Karl noch dick, ist also schon eine Weile her.

Wie war der Ablauf in der Produktion des Newton-Filmes? War ihr Sohn Felix von Anfang an dabei als Produzent?

VON BOEHM: Ja, weil ich in ihm einen Gesprächspartner hatte aus einer anderen Generation. Ihn konnte ich fragen: Sagt euch Newton noch was? Jaja, der ist auch für uns noch eine Ikone, meinte er darauf. Bei Vernissagen in der Newton Foundation stünden ja auch viele junge Leute bis zum Bahnhof Zoo und wollen rein.

Danach haben wir zusammen überlegt, was der Plot sein könnte. Die Newton Foundation hat ihr gesamtes Archiv für uns geöffnet, wir konnten wirklich alles nehmen für den Film. Sonst sind Newton-Bilder ja sündhaft teuer, wenn man sie abdrucken oder sonstwie zeigen will. Wir haben also lange Gespräche geführt. Um mittendrin festzustellen: Diese Männeranekdoten von irgendwelchen Assistenten und Freunden aus Hollywood und der Kunstszene, das brauche ich nicht mehr. Das wollen wir nicht. Aber wie wäre es, wenn da nur Frauen über Newton erzählen?

Der Regisseur beim Dreh mit Grace Jones auf Jamaica. Die Chanteuse und 007-Diva erzählt im Film lachend, dass Newton ihren Busen zu klein fand – um sie dann doch als nackte Superfrau zu inszenieren. 
Foto: Pierre Nativel/LUPA FILM

Dass da vorher niemand draufgekommen ist.

VON BOEHM: Ja, komisch. Aber es hätte gar nicht passieren können, denn sie hätten das Newton-Archiv ja nicht aufgemacht. Niemand hatte dieses Material. Trotzdem, man hätte Frauen über Newton erzählen lassen können ... Jedenfalls haben wir das dann so beschlossen und ich bin losgefahren. Allein eineinhalb Jahre habe ich gebraucht, bis ich Grace Jones hatte, die man nur noch auf Jamaica besuchen kann. Die Frau ist 72 und sieht aus wie 40. Unglaublich, wie sie sich bewegt. Wirklich erstaunlich.

Sie trägt im Film ein rotes Alaia-Kapuzenkleid.

VON BOEHM: Nee, das ist nicht Alaia, sondern ein unbekannter junger Designer aus Jamaica. Irgendwo auf dem Markt gekauft ... sagt jedenfalls Grace Jones. (lacht)

Wie ging es mit Charlotte Rampling?

VON BOEHM: Sie war fantastisch. In aller Ruhe sitzt sie da und erzählt, unheimlich nachdenklich, und ordnet das alles ein. Ist ja ein Geschenk, wenn jemand so erzählt. Auch Isabella Rossellini ist eine alte Freundin von uns. Die Aufnahmen waren auf ihrer Farm auf Long Island, in diesem hohen ausgebauten Stall, der jetzt Wohnzimmer ist.

Was war das Schwierigste an diesem Film?

VON BOEHM: Die Entscheidung über den Rhythmus. Kann ich das so machen, dass man wirklich über anderthalb Stunden dranbleibt? Dass nicht zu lang erzählt wird, aber auch nicht zu kurz. Das ist das Handwerk. Auch diese Gratwanderung, dass es nicht zu einseitig wird, nicht nur Hommage-Hommage, sondern dass es auch Zwischentöne gibt. Das war mir wichtig. Etwa diese Bemerkung von Nadja Auermann, die das dann glücklicherweise doch erzählt hat: Wie sie kein Aktfoto haben wollte von Helmut und dass sie dann zwei Jahre nicht miteinander gearbeitet haben.

Das heißt, wenn sich eine Frau verweigert hat, dann war er doch beleidigt. Das Kind im Künstler will spielen, und dann geht die Puppe, die man sich fürs nächste Spiel ausgesucht hat, einfach raus und will nicht.

VON BOEHM: Jaja, diese Seite gab es offenbar auch.

Süßes Leben in Südfrankreich: Newton im August 1981 beim Shooting in Ramatuelle, fotografiert von seiner Frau. Das bebrillte Model, die Wienerin Sylvia Gobbel, erzählt ebenfalls in „The Bad and the Beautiful“. 
Foto: Alice Springs, Helmut Newton Estate/Courtesy Helmut Newton Foundation

Welcher Prominente kommt denn als nächster vor Ihre Filmkamera?

VON BOEHM: Als Nächster kommt (der Berliner Galerist, d. Red.) Johann König an die Reihe. Der krempelt ja wirklich alles um im Kunstbusiness. Er und seine ganze Familie, das ist eine Superstory. Sein Vater, Kasper König, der ihn sehr beeinflusst hat. Und den Bruder in New York, der auch eine Galerie hat.

Ein Aspekt dabei ist natürlich Johann Königs Sehbehinderung. Sieht man dann anders? Der Typ ist sehr schlau, sehr klug, und er erzählt gut. Er hat ja auch schon ein Buch geschrieben über sein eigenes Leben, „Der blinde Galerist“. Und dann will ich auch gern nochmal Norman Mailer machen. Weil er schon zu Lebzeiten das vorausgesagt hat, was wir jetzt erleben. Also was alles noch passieren würde im Kampf der Rassen und was wäre, wenn mal so ein Verrückter käme, der sich zum Präsidenten wählen lässt ... Eine Amerika-Analyse. Meine Frau Christiane und ich haben große Debatten gehabt, ob wir Norman Mailer wirklich machen sollten. Sie ist dagegen, ich bin dafür und erst heute habe ich sie überzeugt.

Was waren die Argumente Ihrer Frau gegen Norman Mailer?

VON BOEHM: Dass Mailer zu sehr Macho war. Den muss man jetzt nicht nochmal hervorholen, der hat ja sogar auf seine Ehefrau eingestochen. Darauf ich: Sie hat ihm aber verziehen, und ich werde deswegen bestimmt nicht auf dich einstechen. Also was soll’s, lass mich den Mailer machen!

So geht das immer hin und her, wie Pingpong. Meine Frau ist ja die Seele von allem, meine wichtigste berufliche Partnerin. Das ist schon wunderbar, wenn man das zusammen erlebt. So ein Projekt verlässt einen ja nie. Man lebt das für eine gewisse Zeit, und zwar komplett. Fängt beim Frühstück an und im Badezimmer nachts: immer noch. Wir kennen da keine Ferien oder sowas – pfffft. Es geht immer weiter. Und wenn man darunter leiden würde, würde man es wohl nicht immer noch so machen.

Sind Sie ein Egozentriker?

VON BOEHM: Dazu müssten Sie meine Frau befragen. Denn sie toleriert und kombiniert das alles. Sie sagt ja immer, mein Problem wäre, dass mich Menschen zuviel interessierten.

Was halten Sie von Berlin?

VON BOEHM: Es gibt keine Alternative, würde ich sagen. Wo soll man sonst leben in Deutschland?

Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Gero von Boehm

wurde 1954 in Hannover geboren. Schon als Student moderierte er beim Hörfunk und schrieb für DIE ZEIT. Seine erste TV-Dokumentation machte er 1975, kurz darauf gründete er seine Produktionsfirma. Von Boehm ist Autor und Regisseur unzähliger TV-Talks, Dokumentarfilme und Doku-Dramen für ARD, ZDF, Arte, France 3 und das Schweizer Fernsehen. Er hat acht Bücher veröffentlicht, u.a. über die Kennedys und Albert Einstein, und wurde 2011 zum Chevalier des Arts et Lettres ernannt. Mit seiner Frau und beruflichen Partnerin Christiane von Boehm lebt er in Frankreich und Berlin.