Wenn Donatella Versace ins Nähkästchen greift: In der Versace-Kollektion für diesen Herbst steckt die Sicherheitsnadel in Russenkappen aus Fake Fur.
Foto: Courtesy of Versace

BerlinBei Balenciaga kostet die Messingkette daraus 700 Euro, die Brosche von Versace, ebenfalls aus Messing, liegt bei 170 Euro. Die Schmuckmarken Anita Ko und Ileana Makri haben diamantbesetzte Ohrringe und Anhänger im Sortiment, bei Wempe glitzert die weißgoldene „Brosche Minimalism“ mit 51 Brillanten für 2900 Euro. Die Form der Schmuckstücke: alles Sicherheitsnadeln.

Für einen Alltagsgegenstand hat die Sicherheitsnadel in der Mode- und Juwelierswelt eine beachtliche Karriere hingelegt. Inzwischen könnte man sie durchaus als schmucken Klassiker bezeichnen, so wie Herz oder Anker. Es gibt sie in unterschiedlichster Ausführung und in den Kollektionen der großen Modehäuser taucht sie immer wieder auf, bei manchen ist sie sogar Dauerthema wie bei Versace oder Balenciaga. Doch was löste ihre Popularität in der Fashion-Welt aus und woher hat sie ihre unterschwellig rebellische Attitüde? Die Antworten gibt eine Geschichte, die vor knapp fünfzig Jahren begann.

Aus 18k-Gold und mit Diamanten besetzt ist der Single-Ohrring des kalifornischen Schmucklabels Anita Ko, um 2000 Dollar. Gibt es auch mit Rubinen oder grünen Tsavoriten und ganz ohne Steine in Gelb-, Weiß- oder Roségold, um 750 Dollar. 
Foto:  Anita Ko 

Es war einmal Punk

Wer den Punk aus der Taufe gehoben hat, darüber wird bis heute gestritten. Waren es The Velvet Underground, die schon in den 1960er-Jahren begannen, in Warhols Factory dissonant gegen den Summer of Love anzumusizieren oder die Macher des New Yorker „Punk Magazine“, die dem Kind angeblich erstmals seinen Namen gaben – oder sind es am Ende doch Malcolm McLaren und Vivienne Westwood gewesen, die der Subkultur den entscheidenden Schubs aus dem Londoner Underground in die breite Öffentlichkeit gaben? Wahrscheinlich waren alle irgendwie an der Sache beteiligt. Die Zeichen der Zeit standen damals eben auf Aggression, also Punk, dies- wie jenseits des Atlantiks.

Im Punk ging es vor allem um demonstrative Abkehr vom Establishment. Anders als die Hippie-Bewegung, deren Anhänger die Zukunft idealisierten, war diese im Punk schon gar nicht mehr existent. Wo sich Eltern gerade noch über die langen Haare ihrer Söhne echauffierten, herrschte bald das blanke Entsetzen über die stacheligen Irokesenfrisuren, die jetzt auch die Töchter trugen. Die schlurfig bunten Kleider der Blumenkinder waren für Punks das pure Grausen, genauso wie deren Mit-der-Natur-im-Einklang-Fantasien. Nicht die Wiese sollte den Punker tragen, sondern die Pflastersteine der dreckigen Großstadt. Im Punk klang die Welt nicht harmonisch, sondern sie lärmte, sie war nicht bunt, sondern rabenschwarz.

Dieser Besucher eines Konzerts der Punkband The Clash 1977 in Schweden ging auf Nummer sicher – und trug die Nadel gleich mehrfach im Gesicht. 
Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty

Punk veränderte nicht nur die Musik, er radikalisierte auch die Mode in einem noch nie dagewesenen Maße. Die Waffen im Stilkrieg waren zerfetzte T-Shirts, abgewetzte Lederjacken, hautenge Hosen und Springerstiefel. Mit der Unterwanderung gängiger Schönheitsideale feierte die Moderichtung erstmals konsequente Hässlichkeit. Neben der Dekontextualisierung von Symbolen wie Kruzifix oder Hakenkreuz wurden alle möglichen Gebrauchsgegenstände aus Metall zum Schmuck erklärt: Rasierklingen, Fahrradschlösser, Schrauben, Büroklammern … und Sicherheitsnadeln. Letztgenannte waren dabei das wohl meistbenutzte Accessoire, ob als Piercing im Gesicht oder wichtiger Bestandteil des Outfits. Sie zierte den Punk-Provokateur nicht nur, sondern hielt auch seine Bekleidung zusammen. Die Risse, ein elementares Element im Do-it-Yourself-Look, mussten schließlich stabilisiert werden.

Vom Haushaltshelfer zum Objet trouvé

Damit avancierte die Sicherheitsnadel vom profanen Alltagsgegenstand zur sichtbar auf der Kleidung getragenen Dekoration. Gewissermaßen wurde sie damit zum modischen Readymade. Dieser Werdegang hätte ihren Erfinder Walter Hunt sicher überrascht: Der Tüftler aus Martinsburg im Bundesstaat New York meldete 1849 das Patent für eine Kleidernadel mit Sicherheitsöse an, mit der sich Textilien provisorisch zusammenheften ließen. Neu war das eigentlich nicht, denn diese Mechanik gab es schon lange. Seit der Bronzezeit waren solche Nadeln wichtiger Bestandteil der Kleidung. Sie werden Fibel genannt, vom lateinischen Begriff „fibula“ für Spange oder Schnalle abgeleitet. Denn auch im antiken Rom hielt das kleine Metallding Gewänder zusammen und hatte bereits einen Sicherheitsverschluss.

Als sich später die Kleidung weiterentwickelte, geriet die Fibel wohl in Vergessenheit und verschwand aus der Öffentlichkeit. Nachdem Hunt sie schließlich reanimiert und in eine moderne Form gebracht hatte, hielt sie Einzug in Nähkästchen auf der ganzen Welt. Sie wurde aber auch als klassische Kleidernadel wiederentdeckt und löste unpraktischere Vorgängermodelle, wie die schottische Kiltnadel, ab. (Die Clan- und Tartan-Connection begünstigte wohl auch den Einzug der Sicherheitsnadel in die Londoner Punkmode.) Juweliere wie Cartier oder Tiffany & Co. entdeckten ihr Potenzial als symbolisches Geschenk, darauf weisen die vielen Exemplare hin, die etwa der Antikschmuckhändler A. Brandt & Son aus Philadelphia im Angebot hat: Die Vintage-Nadeln aus 14-karätigem Gelbgold sind teilweise über einhundert Jahre alt und wurden zur Geburt eines Kindes als veredelte Form der „diaper pin“ oder „baby nappy pin“ verschenkt, die damals die Windeln zusammenhielt.

Sprung auf den Laufsteg

Die simple, stählerne Variante blieb jedoch ein Behelfsutensil im textilen Bereich, das nicht für das öffentliche Tragen bestimmt war. Als Malcolm McLaren und Vivienne Westwood Mitte der 1970er-Jahre in ihrer Londoner Boutique „Sex“ punkinspirierte Fetischmode anboten, war es nur eine Frage der Zeit, bis Elemente der Anti-Fashion ihren Weg in die Entwürfe der großen Labels fanden. Vor allem war es die Sicherheitsnadel, die sich dabei dank ihrer hybriden Position zwischen Funktionsteil und subversivem Style-Accessoire großer Popularität erfreute. Sie war eben nicht nur als Anhänger oder Brosche zu gebrauchen, sondern genauso als nützlicher Bestandteil der Kleidung einsetzbar.

Auf einer Filmpremiere 1994 brachte Liz Hurley die Yellow Press mit ihrem Sicherheitsnadel-Kleid von Versace ganz schön in Wallung. Ihr damaliger Boyfriend Hugh Grant sah daneben eher brav aus.
Foto: Dave Benett/Hulton Archive/Getty

Einen ihrer größten Mode-Momente erlebte die Sicherheitsnadel in dieser Funktion am Körper der Schauspielerin Liz Hurley, die 1994 an der Seite ihres damaligen Partners Hugh Grant auf einer Filmpremiere im ganzkörpergeschlitzten langen Versace-Kleid erschien. Die Schlitze wurden „punkgenau“ mit Sicherheitsnadeln zusammengehalten – diese selbstverständlich im typischen Versace-Gold und mit Medusenkopf. In der britischen Presse wurde das Kleid fortan nur noch „That Dress“ genannt. Abgesehen davon, dass die Journalisten vor allem der gewagte Schnitt beeindruckte, die provokant benutzten Sicherheitsnadeln krönten das Outfit mit einer Prise Nonkonformismus. Diese haftet der Sicherheitsnadel bis heute an – die Aura einer radikalen Jugendbewegung, auch wenn sie schon längst im Mainstream verebbt ist. Ein Hoch auf ihren Erfinder, und auf Punk!

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