Saint-Rémy-de-Provence - Im Frühjahr finden im Fashion-Kalender die sogenannten Cruise Collections oder Resort Collections statt. Was aber verbirgt sich dahinter?

Ein Ausflug in die Geschichte der Luxus-Modelabels führt uns zurück zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals war Mode noch kein globales System, und der Verkauf von Couture beschränkte sich auf eine kleine, sehr wohlhabende Kundschaft. Auch die für den Mittelstand erschwingliche Konfektion präsentierte nur zwei Kollektionen im Jahr, eine Winter- und eine Sommerkollektion.

Der Pariser Couturier Jean Patou hatte schon Mitte der Zwanzigerjahre eine reiche, überwiegend amerikanische und englische Kundschaft. Diese hielt sich im Januar und Februar gern in wärmeren Gefilden auf. So ersann Patou eine spezielle Reisegarderobe, die aus Badeanzügen, Strandkleidung und leichter Sommermode bestand, die man am Meer und auf Schiffsreisen tragen konnte. Da sich seine Kundschaft überwiegend auf Luxuslinern an ihre Ziele bewegte, nannte er diese Kollektion „Cruise Collection“. Es gab damals noch keine Modenschauen, die Sachen wurden einfach kurz nach Weihnachten in der Boutique zum Verkauf angeboten.

Lagerfeld holte Jean Patous Idee in die 90er-Jahre

Diese Idee griff Karl Lagerfeld 1990 wieder auf und konzipierte für Chanel eine „24-Stunden-Urlaubsgarderobe“, die aus genau den gleichen Elementen bestand und zunächst sehr klein war. Das Konzept dieser luftig-leichten Reisekollektion wurde bald von vielen italienischen und französischen Luxusbrands übernommen. Dazu kamen eigene Schauen, die auch den Häusern mehr Aufmerksamkeit in den Modemagazinen und der Tagespresse bescherten. Anfang der 2000er-Jahre entsprachen die Kollektionen in ihrer Wertigkeit bereits den Hauptkollektionen, mit entsprechendem Umsatz.

Um Journalisten, später Prominente und Influencer für diese Schauen zu begeistern, entwickelten sich auch diese Defilees zu Riesenspektakeln, die rund um den Erdball veranstaltet wurden. Die einstmals als luxuriöse Reisegarderobe erdachte Kollektion wurde plötzlich selbst zu einer Art reisender Karawane.

Die Cruise- und Resort-Schauen von Chanel, Dior und Gucci

Ob Dior in Shanghai, Chanel auf Kuba, Gucci in Arles in Südfrankreich, Balenciaga in New York und Louis Vuitton in Brasilia oder Kyoto – der Aufwand ist natürlich enorm. Und vom ökologischen Fußabdruck möchte man schon gar nicht sprechen, wenn Scharen von Menschen für eine durchschnittlich 15 Minuten dauernde Modenschau Tausende von Kilometern weit reisen. Am Anfang der Pandemie wurde das Konzept deswegen stark infrage gestellt. Doch mit der zunehmenden Normalisierung scheint es, dass insbesondere die Luxuskonzerne LVMH und Kering darauf aus sind, ihre Marken mit gigantischen Reise- und Eventprogrammen noch stärker zu promoten. In harten Zeiten muss man viel bieten, um sich von anderen abzusetzen. Der Kampf um die Marktanteile insbesondere in Asien wird härter.

Der positive Nebeneffekt in der Saison 2022/2023 sind die gezeigten Kollektionen mit ihren bahnbrechenden Trends. So zeigte Louis Vuittons Chefdesigner Nicolas Ghesquière in Kalifornien eine seiner bislang besten Kollektionen, und Balenciaga schockte in der New Yorker Börse mit einem ganz besonderen Anti-Fashion-Statement. Dass Mode auf die sich wandelnden globalen Umstände reagieren muss, steht außer Frage. Und so zeigen die Cruise-Kollektionen, wie unterschiedlich die einzelnen Brands das im Moment tun. Eine spannende Zeit für die Mode – und Lichtjahre entfernt von der kleinen Urlaubskollektion des innovativen Couturiers Jean Patou.