Kochen oder Kamera? Janina Uhse will sich nicht entscheiden. Muss sie auch nicht.
Foto:  André Josselin

BerlinWenn das Wort „Rummelplatz“ fällt, spürt Janina Uhse sofort eine erhöhte Aufmerksamkeit bei ihren Gesprächspartnern. Das war auch jüngst so, als die Schauspielerin in der NDR Talk Show zu Gast war. Barbara Schöneberger fragte aufgeregt zappelnd: „Ich treffe zum ersten Mal ein Schausteller-Kind. Immer unterwegs, im Wohnwagen leben. Das war doch sicher ein großes Freiheitsgefühl?“ Ob sie sich denn auch mal in „einen jungen Mann zum Mitreisen“ verliebt habe, wollte Co-Talkmaster Hubertus Meyer-Burckhardt wissen, noch bevor man über aktuelle Filmprojekte redete. Denn immerhin ist auf Netflix gerade die deutsche Produktion „Betonrausch“ angelaufen, in der Janina Uhse neben David Kross und Frederick Lau eine Hauptrolle spielt.

Janina Uhse kennt diese Kirmes-Fragen. Und alle Klischees. Sie geht lächelnd damit um. Na klar, im Drehen von Zuckerwatte mache ihr so schnell niemand etwas vor. Allerdings: „In einer Schausteller-Familie erlebt man weniger Freiheit als vielmehr Disziplin und Verantwortung. Es muss jeder anpacken. Da gibt es gar keinen Raum für Diskussionen.“

Ein Leben auf Kirmes- und Volksfestplätzen war für sie eigentlich vorgezeichnet. Am 2. Oktober 1989 kam sie in Husum zur Welt, weil der Autoscooter der Familie Uhse auf seiner Tour durch Norddeutschland dort gerade gastierte. Dass es anders kam mit ihr, lag an einer besonderen Begabung von „Janinchen“, wie sie in der Familie genannt wurde: Schon als Kind ergatterte sie erste Rollen in den Hamburger TV-Kinderserien „Die Kinder vom Alstertal“ und „Die Pfefferkörner“.

„Ich bin im Schauspiel aufgegangen, es hat sich alles natürlich angefühlt“, sagt Janina Uhse. „Meine Eltern haben mich in jeder Phase bestärkt, aber ich wusste auch: Wenn es mit dem Filmen auf Dauer nicht klappt, kann ich jederzeit ins Schaustellerleben zurückkehren. Von dieser Tür zu wissen, hat mich für das Spielen sehr frei gemacht.“

Als Uhse 17 war, band sie sich fest an die RTL-Erfolgssoap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Für ihr Leben bedeutete das: Umzug nach Berlin und täglicher Produktionsmarathon. Ihren Eltern konnte sie nun kaum noch aushelfen. Ihrem Bruder David fiel es zu, die Familientradition zu wahren. Neun Jahre lang, bis zum Sommer 2017, bewältigte Janina Uhse als Serien-Jasmin eine selbst für „GZSZ“-Maßstäbe beachtliche Drama-Queen-Kurve, von Höhenflügen und Abstürzen im Mode- und Musikmilieu über lesbischen Sex bis zum Inzest mit dem Vater. Da wurde wirklich nichts ausgelassen.

Wer die brünette Schauspielerin trifft, kann sich das aufgeweckte Jahrmarktskind, das sie gewesen sein muss, sofort vorstellen. Im Gespräch ist sie zuvorkommend, sie lacht gern und unüberhörbar. Der Übermut ist auch mit 30 Jahren nicht verflogen, ein intensiver Redefluss zeichnet sie aus. Darüber sagt sie: „Unter Schaustellern ist es normal, dass man zusammensitzt, übers Geschäft spricht, übers Leben und das, was einen gerade so beschäftigt.“

Während „GZSZ“-Kolleginnen bei Interviews schon mal verkrampfen, rattert die gar nicht unterkühlte Norddeutsche fröhlich los und erzählt unbekümmert, wie es sich anfühlt, wenn am Set die Brustwarzen abgeklebt werden. Bei ihrem Rededrang sei ihr irgendwann bewusst geworden, erzählt Uhse, dass sie sich vor allem über ein Thema gerne auslässt: das Kochen. „Das war immer eine große Leidenschaft von mir“, sagt sie.

1 Küche, 3 Frauen: Janina Uhse (l.) mit Co-Köchinnen in ihrem Charlottenburger Kochstudio.
Foto: André Josselin

Als sie 2016 begann, Kochvideos im Internet zu zeigen, stand sie noch für „GZSZ“ vor der Kamera, wusste aber schon, dass sie nach fast zehn Soap-Jahren aussteigen wollte. Während der Zeit in den Ufa-Studios auf dem Babelsberger Filmgelände sei für sie das Kochen der perfekte Ausgleich nach einem Drehtag gewesen: „Was dem einen sein Fitnessstudio, ist für mich meine Küche.“

Mit einer Zähigkeit, die sie vielleicht doch auch ihrer Herkunft zu verdanken hat, baute sich Janina Uhse ein Kochstudio in Charlottenburg auf. Dort produziert sie seitdem Filme, in denen sie ihre aktuellen Lieblingsgerichte vorstellt. Die präsentiert sie derart professionell und locker, dass hier ganz offensichtlich zwei Talente zusammenfließen: die Präsenz der Schauspielerin und das Temperament der Marktausruferin, die sie ohne ihre TV-Karriere möglicherweise geworden wäre.

Für „Janina & Food“ versammelt Uhse seit vier Jahren ein festes Team um sich, darunter einige Menschen, die sie am Set von „GZSZ“ kennengelernt hat. „Kochen, reden und Freunde um mich zu haben, das gehört für mich zusammen“, sagt sie. „So bin ich aufgewachsen. Ich erinnere mich gut an die Abende in unserer geräumigen Wohnwagen-Küche. Genauso wie an die vielen Stunden, die ich als Kind im Restaurant meiner Großeltern auf Föhr verbracht habe.“

Die Nordseeinsel ist überhaupt ein wichtiger Bezugspunkt. Janina Uhse verlebte dort viele Ferien, zeitweilig ging sie dort sogar zur Schule. Ihre Mutter wurde auf Föhr geboren; seit Generationen ist deren Familie in der Gastronomie zu Hause, während Janinas Vater im Schausteller-Gewerbe groß geworden ist. Im Restaurant von Oma und Opa half die Schauspielerin früh mit, verdiente sich das Taschengeld für Eis und fürs Trampolinspringen am Strand.

Aus Föhrer Kindertagen rührt zweifelsohne auch Janina Uhses Küchenfertigkeit. Einige nordfriesische Hausrezepte sind natürlich auch in ihr erstes Kochbuch („Meine Glücklichküche“, 2019 bei Lehmanns in München) eingeflossen – von „Opas Miesmuscheln“ bis zu „Mamas Rübenschmaus“. Eingebettet sind diese lokalen Delikatessen in so persönliche wie internationale Genusspräferenzen, die sich bei ihr vor allem aus der japanischen Küche, originellen Gemüsegerichten und orientalischen Aromen speisen.

Dass Janina Uhses Kochkunst im Netz in diesen Shutdown-Tagen boomt, ist wenig überraschend. Doch es zeigt sich auch: Weil die Schauspielerin ihr unterhaltsames Home-Cooking lange vor den Corona-Zeiten etabliert hat, ist der Qualitätsunterschied zu vielen Quarantäne-Schnellkoch-Schulen unverkennbar. Auch beim Service: Ihre Community wird vor der Live-Sendung mit Zutatenlisten versorgt, und ihre Follower auf den sozialen Kanälen danken es ihr. Alleine bei Instagram sind es schon mehr als 40.000.

Kochen oder Kamera, Janina Uhse musste sich da bislang nicht entscheiden. „Nur zwei Wochen nach meinem Ausstieg bei ,GZSZ‘ hat mir Sönke Wortmann eine Rolle in ,Der Vorname‘ angeboten“, sagt sie. „Dafür bin ich ihm noch immer sehr dankbar. Denn er hat mir die Chance geboten, zu zeigen, was ich drauf habe.“

Tatsächlich klebt das Etikett „Ex-Soapstar“ bis heute nicht als Makel an ihr. Denn in der Komödie „Der Vorname“ agierte Uhse souverän neben etablierten Schauspielern wie Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz und Iris Berben. Nicht zu vergessen ihr aktueller Netflix-Film „Betonrausch“, eine temporeiche Farce über die Immobilienszene Berlins, in der sie die Anführerin eines Gauner-Trios spielt. Die tragikomische Grundmelodie, hier ähnlich wie bei „Der Vorname“, steht der Schauspielerin offenbar gut.  

Zurzeit verbringt Janina Uhse zwangsläufig noch mehr Zeit in ihrer Küche als sonst, aber spätestens im Herbst hofft sie, neue Dreharbeiten anzugehen. „Jedes Casting ist eine Hürde, ich muss jedes Mal etwas über mich hinauswachsen“, sagt sie. „Das Kochen dagegen ist eine reine Herzensangelegenheit. Da spüre ich keinen Druck, sondern fühle mich unbeschwert und frei. Und es ist genau diese Balance, die mich glücklich macht.“