Von der Gründerin 1935 auf der Leipziger Herbstmesse gezeigt, später minimal modernisiert: der Bollhagen-Weihnachtsmann 686. Handbepinselt wie hier (eins von vielen Dekors) kostet er 36 Euro.
Foto: Visum/Andreas Müller

Oberkrämer/MarwitzÜber ihre Werke sagte die 1907 geborene Hedwig Bollhagen einst pragmatisch: „Das sind doch bloß Töppe.“ Pures Understatement war das natürlich, und damit charakteristisch für die 2001 verstorbene Keramik-Ikone. Denn Bollhagens Entwürfe sind künstlerisches Design von zeitloser Verve und Variationsfreude. Wie solch gelungene Tassen, Teller, Vasen und Schatullen aus dem Allerweltsmaterial Ton entstehen, kann man in den Bollhagen-Werkstätten im brandenburgischen Oberkrämer/Marwitz – unweit der Berliner Stadtgrenze – beobachten.

In leuchtendem Hellblau-Weiß strahlen im Verkaufsraum aufgereihte Tassen mit dem Bänderdekor 137. Auf einem Trockenregal scheint sich ein rot-blau kariertes Geschirrtuch zur Dose gefaltet zu haben (Dekor 041), auf einem anderen präsentieren aufmüpfige Dackel ihre langen Bäuche auf den Tellern eines Kinder-Service (Dekor 247). Und schau an, daneben signalisiert ein kleiner Mann mit mächtigem Rauschebart: Weihnachten ist nah.

Entstanden ist all die Heiterkeit für den Tisch aus schlammiger Pampe in Beigegrau. Eine Tonne davon reift 14 Tage lang in einem runden Becken von etwa 1,5 Meter Durchmesser. Der überdimensionale Rührquirl fährt leise platschend durch die Masse, streicht die Mauke beim Quellen immer wieder glatt, damit später auch nicht das kleinste Körnchen den guten Eindruck verdirbt.

Stolze 16 Zentimeter hoch ist die Bollhagen-Keksdose mit Pilzknauf. Auf dem Website aktuell in 18 Vintage-Unifarben (98 Euro) sowie mit handgemalten Dessins (ab 128 Euro) erhältlich.

Björn Schremmer führt durch die Manufaktur, die im Advent an den Sonntagen ab 10 Uhr für Besucher geöffnet ist. Der 41-Jährige ist hier im Dorf aufgewachsen, hat Hedwig Bollhagen selbst noch kennengelernt. „Wir Jugendliche hatten viel Respekt vor ihr. Zwar schenkte sie uns immer Bonbons, aber mit ihrer tiefen rauchigen Stimme, dem auffälligen Dutt und der Schürze war sie schon eine beeindruckende Persönlichkeit.“ Was die Keramikerin wollte, musste passieren. „Sie machte klare Ansagen.“

Eigentlich wollte Schremmer gar nicht in Bollhagens Werkstatt arbeiten. „Doch als ich als Koch arbeitslos wurde, übernahm ich trotzdem einen zeitlich befristeten Job“, erzählt er. Aus dem schnell ein fester wurde. „Vom ersten Tag an wusste ich: Hier bin ich richtig, die Töpfe sind mein Leben. Dafür habe ich dann noch eine zweite Ausbildung zum Keramiker gemacht.“

Hält den Ton: Björn Schremmer an der Drehspindel mit dem noch formbaren Beginn eines Bollhagen-Tellers. 
Foto: Gerd Engelsmann

Bollhagen wollte besser sein als die Industrie und deren „wirklich sehr geschmacklose, verlogene Geschirre“

Beim Rundgang erläutert Schremmer im Detail, wie aus formbarem Ton stabile Gefäße und Designobjekte werden. Erst saugen sich die Tongranulatplättchen wie Schwämme voll mit Wasser. Das, was reingegangen ist, muss auch wieder raus, und so presst die Filterstrangpresse aus dem Schlamm lederharte Kuchen. Die wandern dann in die Vakuumkammer zum Entlüften, dort werden die Luftblasen entzogen. Danach entstehen auf der Drehspindel oder in einer Gipsform die „Unikate in Serie“, wie Bollhagen ihre Produkte genannt hat. Sieben Stunden stehen sie dann im Ofen bei 1 080 Grad, werden anschließend bemalt und glasiert.

Björn Schremmer prüft danach die Qualität, er hat das im Gefühl. Sobald er ins Erzählen kommt, kürzt er den Manufakturnamen zu Initialen ab: „Bei mir in der Familie haben alle bei Ha-Be gearbeitet, wir aßen nur von diesem Geschirr.“ Genau das war Bollhagens Ziel. Die missionarische Vision dazu formulierte sie in ihren Erinnerungen: „Es interessierte mich sehr, Gebrauchsgeschirr zu machen, das billig in den Handel kommen konnte und dadurch dem Käufer die Möglichkeit bot, von den wirklich sehr geschmacklosen, verlogenen Geschirren, die die Porzellan- und Steingutindustrie auf den Markt brachte, abzurücken.“

Vier Männer für ein Halleluja: 4er-Set in Fifties-Pastellen, jetzt zum Sparpreis von 98 Euro.

Was ihr auch gelang, nicht zuletzt durch die Entwürfe von Bauhaus-Künstlern wie Theodor Bogler. Der entwarf 1923 für die erste Ausstellung am Weimarer Bauhaus zwei perfekt proportionierte Vorratsdosen und ein Essig-Öl-Flaschenset, die zur Grundausstattung des damals rundum vorbildlich modernen „Haus am Horn“ gehörten.

Zweckmäßigkeit und geometrische Einfachheit, das allein war Hedwig Bollhagen allerdings nie genug. Noch wichtiger für ihren Stil war immer ein Individualismus mit Bodenhaftung. Seit spätestens 1935, das belegen Bilddokumente aus dem Archiv, gibt es etwa den niedlichen Weihnachtsmann im Sortiment der Manufaktur, aktuell ab 18 Euro pro Stück. Bei seiner Garderobe ist der  Fünf-Zentimeter-Zwerg mit Aufhangöse höchst eklektisch. Es gibt ihn in delikaten Unitönen wie Pastellgrau, Petrolblau oder Zitronengelb, aber auch in Blutrot oder Kaisergelb. Mal trägt er Schachbrett à la Jugenstil, mal Punkte oder einen grünen Bart. Falls Ihr Weihnachtsbaum diesmal also so richtig Berlinerisch werden soll: HB-686 ist Ihr Mann.

Hedwig Bollhagen Werkstätten

Hedwig-Bollhagen-Str. 4, 16727 Oberkrämer/Marwitz.
Sonntag 15. und 22. 12. von 10–18 Uhr verkaufsoffen, Führung 5 Euro.
Webshop: www.hedwig-bollhagen.de