Aus der Serie "Georgien" von 1982
Foto: Helga Paris/ IFA

BerlinIm Herbst vor acht Jahren hat sie die Kamera weggestellt. Endgültig und gelassen: Menschen, Jahre, Leben. Helga Paris sagt, sie habe „alles   gesehen, alles fotografiert und registriert“. Sie will, sie kann nichts wiederholen. „Die Erregung ist weg“, erklärt sie, „in mir ist es still und friedlich, ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte.“

Jetzt, im Herbst 2019, begegnet die Grande Dame der Fotografie im längst verschwundenen Land DDR sich selbst. Sachte, zögerlich fast geht die nach wie vor zart und anmutig wirkende 81-Jährige auf ihre eigenen Bilder zu, die für ihre große Werkschau an den Saalwänden der Akademie der Künste am Pariser Platz aufgereiht sind, nach Themen und Serien gruppiert. Alle 275 Aufnahmen konsequent in Schwarz-Weiß, mit Kontrasten, mit Schatten und poetischen Nebelfeldern, in die die Konturen der Städte und des Lebens einzusickern scheinen. Diese Bilder, erschienen in der Zeitschrift Magazin und anderen Periodika, erzählen Geschichten - fröhliche, traurige, herbe, harte, witzige Begegnungen, die beim Betrachten wieder aufleuchten. Ein Schwarz-Weiß in allen Farben dieser Welt, Zeugnisse eines Alltags in Städten und Dörfern, den Helga Paris geduldig beobachtete – und bannte.

Wortlos schaut sie zuerst auf das 12-teilige Tableau ihrer Selbstbefragung von 1981 bis zum Mauerfall: Sie fotografierte sich prüfend selber während der Götterdämmerung des Realen Sozialismus. Ihre strengen, ernsten „Selfies“ von damals vermitteln ein Seismogramm der Stimmungslagen, der Erschöpfung, der Zweifel und Hoffnungen, des immer wieder Zusammenraffens der Kräfte. Weiter, weiter. Irgendwie. Ist das in diesem fast zerbrechlichen Gesicht zu lesen, dass sie eine alleinerziehende Mutter ist? Künstlerin im Mauerland, im Mangelland, die den Alltags-Marathon, auch wegen der normalsten Dinge, läuft?

Sowohl kleine Leute als auch DDR-Prominente

„Trotzdem habe ich mich in meiner Arbeit frei gefühlt“, sagt sie heute, „habe fotografiert, was ich sah, mit dem Anspruch der Wahrhaftigkeit.“ Es waren kleine Leute und Prominente aus der Welt der Kunst, des Theaters, der Literatur wie Sarah Kirsch und Christa Wolf. Die Fotografin steht davor, erinnert sich an diese Momente. Dann geht sie zu den geradezu zärtlichen Porträts der Nachbarn von damals, im Winsviertel von Prenzlauer Berg, wo sie seit den 1970ern wohnt. Zu den Aufnahmen der spielenden und vor der Kamera posierenden Kinder aus dem Kiez, darunter ihre eigenen, Jenny und Robert. Beide sind Künstler geworden, die Tochter macht in Berlin begehrten Schmuck, der Sohn lebt als Fotograf in Indien.

Liebevoll blickt Helga Paris auf die zutraulichen, schüchternen bis selbstgewissen Bildnisse der Arbeiterinnen aus dem VEB Treffmodelle Prenzlauer Berg, in ihren geblümten Kittelschürzen. Sie lächelt den von ihr porträtierten Müllkutschern zu, den Kohlemännern, dem Bäcker und dem Metzger aus ihrer Straße. Auch die Leute in den Eckkneipen, damals die Kiez-Wohnzimmer. Sie alle hat sie kunstwürdig gemacht. Nicht zu vergessen die niedlichen, verträumten Ostberliner Punks, zu denen auch ihre beiden Kinder, immer wieder ihre liebsten Modelle, als Teenager gehörten.

Nach fotografischen Vorbildern befragt, erwidert sie, seit den Siebzigern hätten die Filme der italienischen Neorealisten, des Russen Sergej Eisenstein und das französische Nachkriegskino (sie sah die Filme vor dem Mauerbau von 1961 in West-Berlin) großen Eindruck auf sie gemacht. Hinzu kam das Theater – DT, Berliner Ensemble, Gorki. Anders als namhafte und bewunderte ostdeutsche Fotografenkollegen – Arno Fischer, Sibylle Bergemann oder Evelyn Richter – orientierte Helga Paris sich nicht an Klassikern des Metiers wie Cartier-Bresson, Robert Frank oder Brassaï. Inspiriert haben sie eher existenzielle Gemälde, von Beckmann und Munch. „Ebenso beeindruckt haben mich die Amateurfotos aus Familienalben, diese banalen, unspektakulären Alltagsszenen“, komplettiert sie ihre Wahlverwandtschaften.

Eine Meisterin der poetischen Tristesse

Dann stehen wir vor ihren Serien: vom geliebten Alexanderplatz mit all seiner Ruppigkeit, den abgeranzten Ecken. In einer Vitrine liegen Fotos vom Leipziger Hauptbahnhof um 1980. Die Mitropa-Gaststätte im vernutzten Jugendstil-Ambiente war sozusagen zweite Heimat der Studenten, NVA-Soldaten und Dienstreisenden aller Couleur. Und ausgerechnet den bestaussehenden und lustigsten Kellner, bei dem auch ich samt meiner thüringischen Kommilitonen vor der Heimfahrt oder bei Zugverspätungen den Kaffee bestellte und noch eine Bockwurst orderte, den hat Helga Paris, diese Meisterin der poetischen Tristesse, porträtiert. Für die Ewigkeit.

Später reiste sie weiter weg als bloß nach Leipzig oder Halle, wo sie liebevoll Leute vor den morbiden Fassaden der verfallenden Altbausubstanz porträtierte. Die Halle-Aufnahmen bekamen prompt Ausstellungsverbot, also zeigte Helga Paris die am Lack des sozialistischen Aufbaus kratzende Serie zunächst privat bei Freunden.

Dann konnte sie raus, nach Siebenbürgen zum Beispiel, wo sie Roma-Familien fotografierte. Auch bei Treffen von Kriegsveteranen, in Moskau wie in New York, waren sie und ihre Kamera dabei.

„Ihr müsst nichts machen, was ihr nicht wollt.“

Wie kommt man Menschen so nahe wie möglich, ohne ihnen auf den Pelz zu rücken? Diese Quadratur des Kreises hat sie für sich und ihre Kleinbildkamera mit Empathie gelöst. „Ich habe Vertrauen aufgebaut“, erzählt sie, „hab den Leuten gesagt: Ihr müsst nichts machen, was Ihr nicht wollt.“ Auf diese geduldige, stille, abwartende, auch ermutigende Weise erkundet sie Gesichter, Haltungen, spontane Gesten oder Posen, ohne zu belästigen. Es ist eine behutsame, immer die nötigen Zentimeter Distanz wahrende und mit Geduld gepaarte Hartnäckigkeit, die ihre Bilder vom Menschen hervorgebracht hat. Es ist eine starke und zugleich sensible Porträtkunst, die keiner stilbildenden Fotoschule entsprungen ist, keinem technischen Trend folgte. Eine Fotokunst, die aus Menschenliebe entsteht.

Ihr Kamerablick vermag die pychologischen Verkrustungen zu durchdringen, alle die Verwerfungen und Verschüttungen. Der Blick sagt: „Von da komm' ich her. Hier kenn' ich mich aus.“ Er holt den Einzelnen heraus aus der Masse und gibt ihm Persönlichkeit. Bei Helga Paris zeigen die Porträtierten, wie ihnen zumute ist. Die Bilder sprechen von Erfahrungen und von Gefühlen. Und irgendwie hat alles mit ihrer eigenen Biografie zu tun, mit ihrem Leben in der großen, bis November 1989 geteilten Stadt. Denn den Alltagshintergrund teilte sie mit den von ihr porträtierten Frauen, Männern, Kindern.

Ernst, aber offen schaut da ein Mädchen in die Kamera. „Ramona“ steht mit dem Rücken zu einer maroden, bekritzelten Fassade in der Kollwitzstraße: fusseliges Haar, karierter Glockenrock, schlabberige Strickjacke. Die Aufnahme von 1982 ist exemplarisches Beispiel für eine Fotokunst, die nicht nach dem Ausnahmemoment, nach Effekt und schönem Schein jagt. „So habe ich als junges Ding auch ausgesehen“, meint die als Autodidaktin zur Fotografie gekommene einstige Modegestalterin.

Bei ihr, betont Helga Paris, gäbe es keine „geschossenen“ Motive. Statt auf Überrumpelung setzte sie immer auf Kommunikation. Erst redete sie mit den Leuten, die sie für ein Foto gewinnen wollte. Waren sie einverstanden, verloren sie das Misstrauen. Dann konnte die Kamera forschen in den Gesichtern und Ambientes. Und nein, bei Helga Paris musste niemand „optimistisch in die Zukunft“ strahlen.

Die Fotografn Helga Paris, 1938 im pommerschen Gollnow (Goleniów) geboren und aufgewachsen in Zossen bei Berlin, studierte Modegestaltung an der Fachschule für Bekleidung, arbeitete bei Treff-Modelle und begann Ende der 1960er-Jahre zu fotografieren. Mit Aufnahmen ihrer Nachbarschaft in Prenzlauer Berg, von Kneipenbesuchern, Näherinnen, Künstlern, Punks und Passanten vom Alex wurde sie eine der zentralen Chronistinnen der DDR. Ebenso porträtierte sie Menschen im damaligen Ostblock und auch in den USA. In stillen, respektvollen Fotos erzählt Helga Paris deren Lebensgeschichten.

Ihr Stil zeigt sich in der besonderen Fähigkeit, in ihren Bildern und Serien über Jahrzehnte hinweg verdichtete Zeitgeschichte erfahrbar zu machen, in würdevollen Schwarz-Weiß-Modulationen und voll sozialer Empathie. 1996 wurde Paris zum Mitglied der Akademie der Künste berufen. Ihr Archiv übergab sie der AdK; am 5. Dezember um 19 Uhr wird es im Plenarsaal am Pariser Platz präsentiert.

Helga Paris. Fotografin kuratiert von Inka Schube, in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4, bis 12. Januar 2020, Di–So 11-19 Uhr