Der Autor beim Johanni-Rückschnitt seines Lavendel angustifolia.
Foto: Rainer Elstermann

Berlin - Johanni ist am 24. Juni, also zwei bis drei Tage nach der Sommersonnenwende. Im Jahreskalender spiegelt es Weihnachten, das bekanntlich ein paar Tage nach der Wintersonnenwende begangen wird. Johanni markiert einen Wendepunkt im Gartenjahr und wird traditionell mit dem Johannisfeuer in der Nacht auf den 24. Juni gefeiert. Der Name kommt übrigens aus der christlichen Tradition und entspringt einer schönen Metapher: Der 24. Juni ist der Geburtstag von Johannes dem Täufer, der in Hinblick auf den kommenden Christus sagte: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ (Johannes 3:30)

Für uns Gärtner heißt das: Der Hochsommer beginnt. Die Tage werden nun kürzer.

Während auf den Feldern die Ernte der Feldfrüchte anfängt, ist dies der letzte Termin, um im Garten Spargel oder Rhabarbar zu ernten. Die zweite Jahreshälfte benötigen die Pflanzen, um ausreichend Kraft fürs nächste Jahr zu sammeln. Die Vögel haben ihre erste Brut abgeschlossen und man kann jetzt wieder, nach sorgfältigem Absuchen auf zweite Brutnester, die Hecken zurückschneiden. Auf den Stock, also fast bodennah einkürzen, darf man Hecken aber nur im Herbst oder Winter. Auch dies aus Vogelschutzgründen.

Rückschnitt der weidenblättrige Sonnenblume (Helianthos salicifolius). Die coolen Gartenhandschuhe? Burgon & Ball, um 22 Euro.
Foto: Rainer Elstermann

Die Atmosphäre im Garten verändert sich nun merklich: Es wird ruhiger und das Wachstum der Pflanzen schränkt sich ein. Während im Mai und Juni alles schießt, verlangsamen die Pflanzen nun das Tempo. Dies kann man nutzen, indem man viele spätblühende Stauden um ein Viertel bis Drittel einkürzt. Dadurch werden sie standfester, verzweigen sich besser und haben später mehr – wenn auch etwas kleinere – Blüten. Besonders Stauden, die ansonsten leicht umkippen, profitieren davon, so etwa eine meiner Lieblingspflanzen Helianthus salicifolius, die weidenblättrige Sonnenblume, die ich ohnehin hauptsächlich wegen ihres Laubes pflanze. Aber auch Astern (die, die höher als ein Meter werden) kann man kürzen. Dieses Jahr habe ich etwa die Aster umbellatus eingekürzt– weil ich die Blüten sonst kaum sehe, so hoch stehen sie über meinem Kopf! In Piet Oudolfs berühmtem Hauser-&-Wirth-Garten werden sie so eingekürzt, dass sie im Herbst kaum brusthoch sind und eine wunderbare Astern-Wiese bilden.

Bei manchen Stauden, die vor Johanni blühen, regt ein starker Rückschnitt eine zweite Blüte im Spätsommer an. Katzenminze (Nepeta) und Salbei (Salvia) profitieren davon am sichersten; bei anderen wie Rittersporn (Delphinium) geht es auf Kosten der Regenerationskraft, deshalb verzichte ich bei ihnen darauf. Nicht geschnitten werden sollen hingegen Pflanzen, die ihre Blüten an einzelnen Stängeln über den Blattschopf hinausschicken, wie Schlangenknöterich oder Herbstanemonen.

Katzenminze und Salbei in der Uckermark: Nepeta Walker’s Low und Salvia nemorosa Caradonna in Elstermanns eigenem Garten.
Foto: Rainer Elstermann

Auch andere Stauden und Halbsträucher brauchen zu dieser Zeit einen Rückschnitt, zum Beispiel Lavendel. Das regt zwar auch eine eventuelle Nachblüte an, man schneidet aber Lavendel nach der Blüte direkt „ins Grüne“ (also nicht in den holzigen Teil, sondern in die weichen neuen Triebe, die mit Blättern behaftet sind), damit er kompakt bleibt und nicht verholzt. Sonst hat man irgendwann halbmeterlange, holzige Triebe mit spärlichem Grün oben dran.

Ich selbst schneide Lavendel immer dann, wenn die Blüte nachzulassen beginnt. So kann ich den Schnitt nutzen, um ihn im Haus zu verteilen und es mit seinem Duft zu erfüllen.

Eine Reihe von Pflanzen sind eng mit Johanni verbunden, hauptsächlich solche, die zu dieser Zeit blühen. Das zeigt sich schon am Namen, etwa beim Johanniskraut oder der Johannisblume (Arnica), aber auch bei der Johannesbeere, die wir um diese Zeit ernten. Selbst Tiere wie der Johanniskäfer (aus der Familie der Leuchtkäfer oder Glühwürmchen), die um diese Zeit aktiv sind, haben ihren Namen von diesem Tag im christlichen Kalender erhalten.

Auch für das Wetter spielt Johanni eine Rolle. Am Ende der Schafskälte gelegen, ist Johanni ein wichtiger „Lostag“ für die Landwirtschaft und soll Hinweise darauf geben, wie das Wetter in den kommenden Wochen werden wird. (Bekanntestes Beispiel ist der Siebenschläfertag am 27. Juni.) Die ganze Aufregung des Frühlings und Frühsommers im Garten legt sich, und so sind Juli und August die Monate, in denen ich als Gärtner – sehr im Gegensatz zu den vorangegangenen Wochen – endlich Freizeit habe.

Der Rasen wächst nun langsamer (es sei denn, wir haben schwülwarme Witterung), und obwohl ich fürs Mähen nicht zuständig bin, profitiere ich, weil die von mir ungeliebten Rasenmäher nicht mehr ständig Krach machen. Ein Hoch auf leise Rasenroboter oder mechanische Handspindelmäher, die übrigens viel sauberer arbeiten und am ehesten so etwas wie englischen Rasen produzieren. Warum die in Deutschland noch nicht so richtig angekommen sind, hat vielleicht die gleichen Ursachen wie die geringe Akzeptanz des Tempolimits auf Autobahnen: Wir mögen scheinbar Lärm und das Gefühl, auf einer großen Maschine zu sitzen.

Frischer Wachstumsschub: Neuaustrieb nach Rückschnitt einer Aster Umbellatus.
Foto: Rainer Elstermann

Stiller wird es auch, weil die Vögel nun nicht mehr ganz so laut singen. Diese Sommerruhe macht sich bei mir ganz konkret dadurch bemerkbar, dass ich morgens länger schlafe. Den ganzen Frühsommer fange ich zwischen 5 und 6 mit dem Gärtnern an, bevor ich mich gegen 11 oder 12 – nach schnellem Frühstück und einer Dusche – an meinen Rechner setze, um die wichtigsten E-Mails zu sortieren. Dann beginnt mein „öffentlicher“ Arbeitstag mit Telefonaten, Gartenbesuchen, Besprechungen und Planungen. Um 21 kann ich meistens nicht mehr klar denken. Und wenn ich um 22 Uhr noch wach bin, dann war es ein guter Tag.

Nun aber entspanne ich tagsüber mehr, und tue zum ersten Mal seit Monaten auch mal gar nichts. Dabei schlendere ich gern durch den Garten – und schmiede dann doch schon wieder Pläne für das zweite Gartenhalbjahr. Aber auch drinnen wird mir nicht langweilig: Seit Monaten ist der Bücherstapel neben meinem Bett immer höher geworden, mit allem, was ich bestellt habe. Jetzt komme ich endlich dazu, mir die Bücher auch mal anzuschauen oder sogar richtig darin zu lesen.

Das ist das Schöne am Leben in der Natur und mit einem eigenen Garten: Tage wie Johanni sieht man nicht bloß im Kalender, sondern erfährt sie am eigenen Leib. Der persische Spruch, den mir meine Gartenfreundin Gundel gerade geschickt hat, trifft es tatsächlich: Man muss nicht erst sterben um ins Paradies zu gelangen, wenn man einen Garten hat.


Rainer Elstermann auf Instagram: https://www.instagram.com/neuelandschaftsgestaltung