Der Mamil, vulgo Middle-Aged Man In Lycra, in voller Montur auf der Fahrrad(-überhol-)spur. 
Illustration: Kati Szilagi

Luxemburg/Berlin - Als ich den Begriff „Mamil“ zum ersten Mal im Guardian las, musste ich laut lachen. Typisch angelsächsische Selbstverspottung, dachte ich. Doch dann fühlte ich mich ertappt. Denn die Bezeichnung könnte auch auf mich passen. „Mamil“ steht für Middle-Aged Men In Lycra.

Dass dabei die eng anliegenden Outfits aus elastischer Kunstfaser, und nicht etwa die Räder selbst als ausschlaggebendes Attribut gelten, passt hervorragend. Fahrradfahren ist ja durchaus in den verschiedensten Bekleidungen und mit jeder Art von Zubehör gestattet. Doch die Mamil-Ausstattung ist unverkennbar: farbenschillernde, werbeüberladene Shorts mit Gesäßpolsterung. Jacken mit Rückentaschen. Halbhandschuhe mit eingebetteten Silikon-Gelkissen. Klickschuhe, die den auf zwei Füßen laufenden Radfahrer in einen tollpatschigen Pinguin verwandeln, dazu aerodynamische Lochhelme und modische Windschutzbrillen. All das kennt man hauptsächlich von der Tour de France oder vom Giro d’Italia, dort als die zünftige Tracht der jungen Profis, welche die äußerst hohen Werbeinvestitionen der Sponsoren rechtfertigt.

Doch wenn man jene neonfarbenen Lycra-Klamotten und dasselbe Zubehör auf behäbigen Männern über 45 sieht, die sich am Wochenende über ihr Lenkrad geneigt über ländliche Hügel quälen, kommt man nicht umhin, das Ganze als gelungene Selbstkarikatur wahrzunehmen. Was für eine skurrile Freizeitsportlergattung! Dazu muss man sagen, dass die ulkigen Anzüge tatsächlich einen Zweck erfüllen. Die Muskeln, insbesondere die der Oberschenkel, sind dank ihnen während des Strampelns bestens verpackt.

Ich gebe zu, dass ich seit einigen Jahren zur Sekte der Mamil gehöre und jedes verfügbare Frühjahr- und Sommerwochenende dazu nutze, mit meinem Rad etliche Kilometer hinter mich zu bringen und meinen Trainingszustand aufzubessern. Es war ein einfacher Weg dorthin: Einerseits ermunterten mich Freunde, die dem Kult schon angehörten, mitzufahren. Andererseits war es die Erkenntnis, dass diese sportliche Tätigkeit, wenn man sie unter strahlender Sonne und in schönen Landschaften ausübt, einen tatsächlich zugleich in so etwas wie einen mentalen Nirwanazustand versetzt. Und wem muss man heutzutage noch etwas von der vielen Arbeit vor dem Bildschirm erzählen? Der von der Digitalmoderne geschwächte Körper braucht eben nachhaltige Stärkung.

Ich möchte außerdem anmerken, als mildernden Umstand sozusagen, dass ich mein Lycra-Zeug unbedingt werbefrei auswähle, meist in langweiligem Schwarz. Andere typische Merkmale der Mamil findet man jedoch auch bei mir wieder. Mamil besitzen oft teure full-carbon (also irre leichte) Rennräder, um die sie sich kümmern, als wären es Kleinkinder. Apropos Familie: Ihre Freizeitgestaltung stößt bei Frau und Kindern nicht immer auf Wohlwollen (weibliche Versionen des Mamil, also Mawil, sind, wohlgemerkt, so selten anzutreffen wie Albinos).

Zwar wird von familiärer Seite anerkannt, dass Hobbyradeln andere gängige Optionen wie Grillen, Biertrinken oder Fernsehen zweifellos übertrifft. Nichtsdestotrotz verspottet die Familie die Lycra-Kleidung oft als effeminiert (wieso eigentlich?) und verurteilt die längeren Abwesenheiten an den Wochenenden als Verrat am Familienleben. Dafür habe ich die perfekte Lösung gefunden: Am Sonntagmorgen einfach so früh losfahren, dass man mit einer Tüte warmer Croissants am Lenkrad zurückkommt. Genau dann, wenn die unsportlichen Siebenschläfer gerade erst aufstehen.

Aber zurück zu den Merkmalen der Mamil. Sie lieben die Technologie. Tüftelige digitale Assistants etwa, und gediegene Halterungen für Smartphones, die den Weg, die Geschwindigkeit, die Höhenunterschiede oder auch den Herzrhythmus messen und verzeichnen. Der informierte Einkauf und die kontinuierliche Wartung dieser Utensilien nehmen viel Zeit in Anspruch. Dazu kommt: Obwohl Mamil ursprünglich Rudeltiere sind, haben sie diesen Instinkt heute zum Teil an Apps delegiert. Die erlauben ihren Nutzern nämlich, das Zusammenfahren und den Wettbewerb in die Cloud zu verlagern.

Sieht man also einen älteren Rennradler in Lycra im Alleingang auf der Landstraße, ist dieser in Wirklichkeit vielleicht gerade dabei, seine Performance mit der seiner gleichzeitig sonstwo radelnden Buddies zu vergleichen. Die Verschiebung der Mamil-Aktivitäten ins Netz ist in den letzten Jahren so weit fortgeschritten, dass Tausende von ihnen zu Hause auf netzverbundenen Spezialstandrädern sitzen und auf Plattformen wie Zwift oder Peloton ihre Kräfte messen. Digitale Traumstrecken und virtuelle Trainingsräume inklusive.

Dabei muss man die Mamil ja auch mal loben. Radfahren ist doch zumindest augenscheinlich umweltschonend, ja sogar Co2-neutral: Radeln an sich ist lautlos und frei von Abgasen. Doch nimmt man die Mamil ein bisschen näher unter die Lupe, entdeckt man, dass zur uneingeschränkten Hingabe auch Verhaltensweisen gehören, die keineswegs umweltfreundlich sind. Mit dem Auto werden beispielsweise größere Entfernungen zurückgelegt, nur um mit dem Rad zum berüchtigten Alpenpass oder zur perfekten Tour-de-France-Etappe zu gelangen.

Schlimmer noch sieht es bei Mamil aus, deren Habitat auf nördlichen Breitengraden liegt. Diese begeben sich nämlich gern in für sie unumgängliche „Winterlager“. Für die ersten Strecken des Frühjahrs muss man in Form sein, und so gehörte es prä-Covid-19 zur Jahresroutine, im Dezember, Januar oder Februar nach Palma de Mallorca, Teneriffa oder Lanzarote zu fliegen und dort unter der Wintersonne auf den Bergstraßen seine Ausdauer aufzupeppen. Umweltschonend ist etwas anderes.

Für besonders ehrgeizige und wohlhabende Mamil gibt es in der wärmeren Saison auch Touren durch die Alpen, zum Beispiel rund um den Montblanc, bei denen die Teilnehmer wie echte Radprofis behandelt werden. Diese Touren ermöglichen es ihnen, ganz ohne Einschränkungen durch Gepäck zu kraxeln. Getränke, Proviant und medizinische Versorgung für jeden Notfall fährt hinterdrein. Im Benziner. 

Zu meiner Verteidigung: Solchen Mamil-Winterausflügen und Selbstquälereien habe ich mich nie angeschlossen. Ich bin doch schließlich Klimaaktivist und fahre das ganze Jahr hindurch so oft wie möglich mit meinem Stadtrad zur Arbeit und zu Meetings.

Gehöre ich denn nun wirklich zu den Mamil? Jein. Obwohl ich gelegentlich wie ein Dreiviertel-Mamil aussehe und mich wie eins benehme, gelten meine Loyalität und Leidenschaft dem Radfahren, nicht dem Lycra oder dem Zubehör. Obwohl ich gerne Tagesetappen von 80 oder 100 Kilometer mit dem Rennrad hinlege und mir auch erlaube, stolz darauf zu sein, finde ich es weitaus wichtiger, in Zivilkleidung und auf einem normalen Drahtesel im Alltag durch die Stadt zu pendeln. Beides tut der Gesundheit gut. Aber nur Letzteres hilft, das Klima zu retten.