Johanna Rief weiß, wovon sie spricht. Beziehungsweise: wovon die anderen sprechen – oder eben nicht. „42 Prozent der deutschen Männer geben an, nie über Masturbation zu reden. 24 Prozent meinen, dass mit der männlichen Selbstbefriedigung mehr Scham und Negativität verbunden ist, als mit der weiblichen“, sagt sie. „Und fast ein Drittel der befragten Männer in Deutschland hat sogar angegeben, dass männliche Masturbation in der Gesellschaft als unanständig und ekelhaft angesehen wird.“

Johanna Rief arbeitet für das Berliner Unternehmen WOW Tech Europe und hat die wunderbare Jobbezeichnung „Head of Sexual Empowerment“ – ist also die „Chefin der sexuellen Ermächtigung“. Die Firma, bei der sie beschäftigt ist, stellt Sextoys her und hat die Studie in Auftrag gegeben, aus der Rief nun zitiert: Nach ihrem Sexualleben und Selbstbefriedigungsverhalten wurden immerhin 14.500 Frauen und Männer in 17 Ländern befragt. „Und immer wieder hat sich herauskristallisiert, dass Männer weniger offen über Masturbation sprechen als Frauen“, sagt Rief.

Für WOW Tech Europe war das Anlass genug, ein neues Angebot an Männer in mittlerweile neun Ländern zu richten: Seit wenigen Wochen betreibt das Unternehmen eine Beratungs-Hotline zum Thema Masturbation. Was erst mal lustig klingt – schließlich scheint die männliche Selbstbefriedigung doch erst mal selbsterklärend –, soll tatsächlich ein viel facettenreicheres Angebot darstellen, als es erst mal den Anschein hat. Unter der Berliner Telefonnummer (030) 217 834 57 erreicht man keine Gesprächs-Hotline, sondern ein Voice-Menu.

Wer sich per Telefontasten durch das Menü wählt, bekommt tatsächlich Tipps, wie sich die Selbstbefriedigung allein oder zu zweit mehr genießen lassen könnte – warum man mal die nicht dominante Hand ausprobieren oder auch mal vor der Partnerin oder dem Partner masturbieren sollte. Darüber hinaus aber will WOW Tech Europe auch Mythen über die Onanie entkräften oder über die gesundheitlichen Vorteile der Selbstbefriedigung aufklären. „Es gibt zum Beispiel viele Studien, die belegen, dass Masturbation gegen Kopfschmerzen und andere Schmerzen helfen kann, dass sie viele Glückshormone ausschüttet oder bei der Kalorienverbrennung hilft“, sagt Johanna Rief – gesünder leben im Handumdrehen, sozusagen.

Gesünder leben im Handumdrehen, sozusagen

Keinen Monat nach dem Launch der Hotline in neun Ländern habe es schon rund 1000 Anrufe gegeben. „400 davon, also fast die Hälfte, kamen aus dem asiatischen Raum“, so Rief. Ihrer Erfahrung nach sei Selbstbefriedigung dort ohnehin noch stärker tabuisiert als in vielen Ländern Europas.

Mit einer Art Anrufbeantworter-Funktion können bei der Hotline auch Fragen hinterlassen werden, „und viele asiatische Männer fragen tatsächlich ganz grundsätzlich, wie Masturbation eigentlich funktioniert“, sagt Johanna Rief. „Das zeigt, dass sie in einigen asiatischen Ländern wirklich total verpönt ist.“

Wer masturbiert, ist erfolgreicher im Job

In Deutschland sei man da deutlich weiter – das belegten ja die eingangs erwähnten Umfragewerte, auch wenn diese noch immer bedenklich sind. „Erst mal kann man bei der Masturbation ziemlich viel Spaß haben, was schon allein Grund genug dafür sein sollte“, sagt Johanna Rief. Und wem die Solo-Gaudi in Verbindung mit den gesundheitlichen Vorzügen noch nicht Argument genug ist, den überzeuge vielleicht eine weitere Studie: „Vor einiger Zeit wurde empirisch belegt, dass Menschen, die masturbieren, erfolgreicher im Job sind.“

Nun ist das Unternehmen WOW Tech Europe, für das Rief arbeitet, eben ein Unternehmen – und keine sexualaufklärerische Non-Profit-Organisation. Dementsprechend ist der Start der Beratungs-Hotline mit dem Launch eines neuen Sextoys verbunden: Dem manuell zu bedienenden „Arcwave VOY“, in den der Penis eingeführt wird – früher hätte man zu so etwas wohl „Taschenmuschi“ oder „Trucker Pussy“ gesagt. „Auch wegen solcher Bezeichnungen sind Spielzeuge für Männer viel weniger akzeptiert als Sextoys für Frauen“, meint Johanna Rief. „‚Trucker Pussy‘ suggeriert, dass es sich um ein Gerät handelt, das nur Männer brauchen, die gerade keine Frau in der Nähe haben oder schlichtweg ‚keine abkriegen‘.“

Ein Vibrator, den sich Frauen tätowieren lassen

Dabei, so die Head of Sexual Empowerment, solle es bei erotischen Spielzeugen überhaupt nicht darum gehen, irgendetwas oder irgendjemanden zu ersetzen. Eher könne über das Ausprobieren verschiedener Spielarten oder Toys eine Erweiterung der eigenen Sexualität erlebt werden. „Ich denke, auch deswegen halten viele Männer Sextoys für sich selbst für überflüssig“, sagt Rief. „Anders als viele Frauen können sie ja auch ohne ganz einfach zum Orgasmus kommen – dass aber der Weg dahin auch mal anders gestaltet werden kann, übersehen sie dabei.“

Der „Arcwave VOY“ lässt sich auf ganz unterschiedliche Penisgrößen und -formen anpassen und stimuliert Lustrezeptoren, die in der Penishaut sitzen. „Das soll ein ganz anderes Gefühl sein als mit der Hand“, sagt Johanna Rief, die sich in dieser Sache freilich nur auf die Aussagen von Männern verlassen kann. Wer skeptisch ist, dem sei einfach nur dies gesagt: WOW Tech Europe ist auch die Firma, die hinter dem „Womanizer“ steckt – einer echten Sextoy-Legende, die vielen Frauen als Orgasmus-Garantie gilt, der wohl beliebteste Vibrator unserer Zeit. So beliebt, dass ihn sich einige besonders begeisterte Frauen tätowieren lassen haben, wie auf Instagram zu bewundern ist.

Die Masturbationsberatungs-Hotline für Deutschland ist unter der Nummer (030) 217 834 57 erreichbar, die Anrufkosten entsprechen den regulären Tarifen ins deutsche Festnetz.