"Ich sah jemanden im Spiegel, der ich nicht mehr sein konnte", sagt Joane Studnik. 
Berliner Zeitung / Paulus Ponizak

BerlinJoane Studnik arbeitet in der Online-Redaktion von Berliner Zeitung und Berliner Kurier. Vor einem Jahr hieß sie noch Johannes. Joane hat nicht nur einen neuen Namen, sie verändert auch ihren Körper, zurzeit mit einer Hormonbehandlung. In wenigen Monaten beginnen dann die Operationen. Joane bezeichnet sich als Transfrau; worum genau es ihr dabei geht und wie es sich anfühlt, hat sie Arno Widmann in einem langen Gespräch erläutert. Mit geradezu mütterlicher Geduld und einer zugewandten Offenheit, für die wir ihr aufrichtig danken.

Wie alt sind Sie?

53. Jedenfalls in meinem Pass.

Haben Sie Zweifel daran?

Nein, aber im Juni habe ich meinen ersten Geburtstag gefeiert. Das war der erste Jahrestag meiner Selbstfindung als Transmensch – oder genauer als Transfrau.

Sie waren also über 50, als Sie sich über sich klar wurden.

Besser spät als nie. Es gibt viele Menschen, die diesen Schritt nie machen, die sich nicht klar werden über ihre wahre Identität. Schon als Kind war mir klar, ohne dass ich es mir richtig eingestanden habe, dass meine Gefühle mehr weiblich als männlich waren. An einem heißen Juni-Tag vor einem Jahr war es bei mir dann endlich so weit. Ich stand vor dem Spiegel und sah darin jemanden, der ich nicht sein wollte, nicht mehr sein konnte. So empfand ich das jedenfalls. Ich war dabei, ein alter weißer Mann zu werden. Das ging nicht. Das konnte ich nicht sein.

Sie wollten Ihr Leben ändern? 

Nein. Ich fühlte mich seit jeher in eine Rolle gedrängt, habe mich aber dann doch jahrzehntelang darauf eingelassen, die mir gesellschaftlich zugeschriebene Rolle so zu interpretieren, dass es irgendwie so durchgeht. Das wollte, das konnte ich jetzt nicht mehr.

Sie haben eine hohe Begabung zum Unglücklichsein?

Ganz gewiss nicht. Das ist ja ein schleichender Prozess. Mit 15, 18, 20 war ich nicht unglücklich, da habe ich alles Mögliche ausprobiert. Es war damals auch alles sehr romantisch. Ich war sexuell frei und hatte sehr ausgefüllte heterosexuelle Beziehungen. Mit etwa 23 wurde mir dann klar, dass ich auf einer Ebene war mit meiner Freundin. Ich war gewissermaßen die Freundin meiner Freundin. Mir war unklar, woher das kam. Das war Ende der 80er-Jahre. Es war alles noch ganz anders als heute. Dass Transidentität etwas Schönes, Heiteres, Befreiendes sein könnte, hatte ich damals nie gehört. Es gab schräge Typen im Showbusiness, aber sonst kannte ich niemanden wie mich. Und ich hatte keine Lust aufs Performen, verstand mich nicht als bunter Vogel oder Freak.

Sie haben damals studiert?

Germanistik, Romanistik, Anglistik und Politik.

Nichts Ausgeflipptes, ganz normale Fächer.

Davor schon: Landwirtschaft. Beim Spanischstudium fühlte ich mich dann deutlich besser. Viele Frauen, Menschen mit verrückten Ideen, Diskussionen über Romane und Gedichte. Das gefiel mir sehr. Danach schrieb ich für Medien, arbeitete fürs Radio und Fernsehen —WDR, Deutsche Welle, Sat.1 und  Pro7.

Sie erzählten, dass Sie irgendwann merkten, dass Sie in heterosexuellen Beziehungen nicht die Rolle des Widerparts spielten, sondern die der besten Freundin. Ist das so schlimm?

Natürlich ist es wunderbar, in einer partnerschaftlichen Beziehung zu leben. Aber ohne die Spannung von Gegensätzen funktioniert es auf die Dauer – das ist meine Erfahrung – nicht. Wenn man sich dessen nicht bewusst ist, ist das schlimm. Denn man weiß dann nicht, woher die Frustration kommt. Man kann es nicht greifen.

Können Sie es mir erklären?

Man lebt in einer illusionären Beziehung. Ich war nicht der, den meine Partnerin sah. Ich habe immer versucht, meine eigene Rolle mit sehr viel Fantasie und Humor auszuleben und die in einer Beziehung entstehenden Konflikte nicht so tragisch werden zu lassen. Wenn das alles nichts hilft, kommt man sich allerdings beziehungsunfähig vor und gerät zunehmend in eine depressive Verstimmung.

Haben Sie sich damals Hilfe gesucht?

Mit Anfang 20 landete ich einmal bei einem Psychiater, der mir ein paar Fragen stellte und dann erklärte, ich bräuchte keine Behandlung. Ich wäre sehr gut in der Lage, meine Probleme selbst zu lösen. Ich ärgerte mich damals sehr über diese Auskunft. Aber er hatte recht: Wenn es darum geht, dass man einfach so durchs Leben kommt, hatte ich wenig Probleme. Ich bin nie zu einer Belastung für die Gesellschaft geworden. Meine Depressionen gingen nie so weit, dass ich mich von einer Brücke stürzen wollte.

Dass Transidentität etwas Schönes, Heiteres, Befreiendes sein könnte, hatte ich damals, Ende der 80er-Jahre, nie gehört. 

Joane Studnik

Andere Transmenschen erzählen da ganz andere Geschichten.

Ich habe viele liebenswerte Menschen kennengelernt, die tiefe Krisen durchlebt hatten: Ängste, Drogen, Selbstmordversuche. So habe ich das nie erlebt. Ich habe versucht, den Konflikt um meine Identität mit den Mitteln meiner Fantasie zu gestalten. Bis mir klar wurde, dass mir die Mittel abhandenkamen. Und schließlich merkte ich, dass dieser Prozess in eine Sackgasse hineinführt.

So weit waren Sie vor 25 Jahren?

Ja.

Und was war dann?

Ein großes Hin und Her. Ich habe viel angepackt, das mich beschäftigte. In Barcelona gründete ich einen Verlag, in dem ich ein Stadtmagazin herausbrachte. Das war eine Weile sehr erfolgreich. Die Arbeit absorbierte mich bis zur Oberkante. Ich habe mir immer große Dinge vorgenommen, die kaum zu schaffen sind. Aktuell möchte ich wenigstens so weit Chinesisch lernen, dass ich Zeitung lesen kann. Aber es ist sehr, sehr schwierig. Schlagzeug spiele ich leidlich und lerne auch immer noch dazu.

Zu all diesen schwierigen Sachen kommt jetzt hinzu: Sie lernen, Frau zu sein.

Das hat schon eine andere Qualität. Das ist ja kein Projekt. Es ist eine Befreiung. Ich lerne auch nicht, wie es ist, eine Frau zu sein. Ich lasse jetzt Dinge zu, die ich vorher nur sehr dosiert ausgelebt habe. Warum erst heute? Die Zeit ist reif dafür. Nicht nur ich. Heute regt das die Leute doch nicht mehr auf. Die Leute nehmen mich eher an, wenn ich zu mir stehe. Wenn ich ihnen etwas vormache, kriege ich schlechte Laune und gehe ihnen auf den Keks.

Was lassen Sie heute zu, das Sie sich früher nicht erlaubt haben?

Zunächst Äußerlichkeiten. Aber dann auch sanfte Empfindungen. Ich habe nicht mehr den Drang, irgendetwas beweisen zu müssen. Das war ein langer Lernprozess. Es dauerte sehr lange, bis ich begriff, dass ich schon die Firma in Barcelona wie eine Mutter geführt hatte. Ich kümmerte mich um jeden einzelnen Mitarbeiter, versuchte gerade bei schüchternen Menschen, ihre Talente zu fördern und ihr Selbstbewusstsein zu stärken – aus einer weiblichen Fürsorge heraus, ohne fundierte Management-Kenntnisse. Das ist in mir drin und ich lasse es jetzt immer mehr zu.

Hatten Sie auch homosexuelle Beziehungen?

Nachdem mir klar geworden war, dass ich zur besten Freundin meiner Freundin geworden war, traf ich mich auch mit schwulen Männern. Aber bei ihnen baute sich ebenfalls keine Spannung auf. Das war mir bald klar. Ich erinnere mich, wie ich einmal auf einer Schwulenparty in London während eines Gespräches einschlief – ich habe mich so abgrundtief gelangweilt.

Als ich Sie das erste Mal sah, dachte ich: Was für ein gut aussehender Schwuler.

Da war ich wohl die Projektionsfläche Ihrer Fantasie. Gut, ich hatte mir Muskeln antrainiert. Heute ärgert mich das, denn es ist schwer, sie wegzukriegen. Ich werde aufgrund meines Körperbaus immer noch oft als männlich wahrgenommen. Das ist im Alltag schon ein Problem.

Dagegen wollen Sie jetzt einiges unternehmen.

Wenn man sich auf den Weg der Transition macht, ist die Hormonbehandlung wichtig. Für mich jedenfalls. Es gibt auch Menschen, die darauf verzichten. Sie ziehen sich einen Rock an, schminken sich, setzen sich eine Perücke auf und das ist es. Das ist okay. Für mich aber langt das nicht. Ich will auch körperlich so weit sein, dass ich nicht auf irgendwelche Hilfsmittel angewiesen bin, um ich selber zu sein. Wer den hormonellen Weg geht, der macht eine Therapie. Bei der geht es zuerst darum, festzustellen, ob die Diagnose F 64.0, der sogenannte „Transsexualismus“, tatsächlich valide ist. Ist das geklärt, dann bekommt man Blocker für die männlichen Geschlechtshormone, und weibliche Hormone, um eine Pubertät anzustoßen. Was Mädchen mit elf, zwölf, dreizehn erleben, erlebe ich jetzt mit 53. Das ist wirklich aufregend. Dieser hormonelle Weg setzt bestimmte körperliche Veränderungen in Gang.

Die wir alle in unserem Großraumbüro jeden Tag beobachten können.

Okay. Aber draußen werde ich spontan häufig als Mann angesprochen. Nach einem Jahr Hormonbehandlung!

Fühlen Sie sich im falschen Körper?

Nein, nein. Das ist mein Körper. Andere Transmenschen empfinden das anders. Jeder muss sich überlegen, was er mit seinem Körper machen möchte. Ich werde zum Beispiel auch im Gesicht ein paar subtile Veränderungen machen lassen, damit das Weibliche leichter erkannt werden kann. Man kann Stirn und Kinnknochen verändern. Das werde ich nicht machen. Bei mir geht es vor allem darum, die Gesichtshaut ein wenig zu glätten, die Lider etwas anzuheben. Im November vergangenen Jahres machte ich auch etwas, das mein Haar vorne etwas voller werden ließ.

Mit der Hormonbehandlung hören Sie jetzt auf?

Die gibt’s lebenslänglich. Einzig die Blocker werde ich nicht mehr lange brauchen. Nach der geschlechtsangleichenden Operation produziert der Körper kaum mehr männliche Sexualhormone. Aber weibliche auch nicht, da muss also nachgeholfen werden.

Die geschlechtsangleichende Operation ...

Das ist eine größere Sache. Manche scheuen sich davor. Für mich ist es aber ein wichtiger Schritt auf dem Weg, die Frau zu sein, die ich bin: „Werde, die du bist!“

Was wird bei der Operation gemacht?

Die Hoden werden entfernt. Innere Organe wie zum Beispiel die Prostata bleiben. Der Penis wird umgestülpt und in eine Neovagina verwandelt. Die Neovagina wird komplett mit natürlicher Scheidenschleimhaut ausgekleidet. Es gibt also keine Prothese. Dieses Verfahren ermöglicht geradezu harmonisch den Weg der Transition. Es geht eben nicht darum, irgendetwas Neues zu schaffen. Sondern darum, den Übergang vom Männlichen zum Weiblichen so „gefühlsecht“ wie möglich zu gestalten. Die Menschen sollen ohne unnötige Schmerzen, ohne Verrenkungen in die Lage gebracht werden, sich als Frau zu fühlen.

Die Online-Redakteurin Joane Studnik. 
Berliner Zeitung / Paulus Ponizak

Wie ist das mit dem sexuellen Empfinden? Eine Klitoris gibt es doch nicht.

Das werde ich Ihnen besser beschreiben können, wenn es denn so weit ist. Kinder kann man keine bekommen. Wer also darum eine Frau werden möchte, kann das vergessen. Aber da die äußeren Geschlechtsorgane – die inneren fehlen natürlich, also auch der Uterus – nahezu perfekt vorhanden sind, besteht die Möglichkeit der Entwicklung eines weiblichen Empfindens. Viele berichten das. Aber es gibt natürlich auch Menschen, die in der Beziehung nicht zufrieden sind mit dem Resultat.

Wie läuft die Operation ab?

Für die geschlechtsangleichende OP muss man vierzehn Tage Krankenhausaufenthalt und im Schnitt zusätzlich einen Monat Regeneration einplanen. Sie wird im nächsten Jahr stattfinden. Ein halbes Jahr danach gibt es dann einen weiteren Termin für kleine Korrekturen. Dafür muss man eine Woche einplanen und noch einmal zwei Wochen für die Regeneration. Aber es gibt auch Fälle, in denen danach noch weitere Korrekturen nötig waren.

Wie entscheidet man sich für die richtige Klinik?

Es gibt keinen TÜV. Man muss fachkundige Meinungen einholen und abwägen. Auf mögliche Interessenszusammenhänge ist zu achten. Ich habe mich für eine Klinik in München entschieden. Ich bin mir sicher, dass ich eine gute Entscheidung getroffen habe.

Haben Sie Angst?

Überhaupt nicht. Angst ist ein gefährliches Steuerungselement, das einen oft davon abhält, das zu tun, was nötig ist. Ich habe in den letzten 25 Jahren viel getan, um Angst zu überwinden. Ich habe zum Beispiel keine Angst mehr, mich bloßzustellen. Was jetzt die Transition angeht: Ich habe mich lange genug damit beschäftigt, dass ich auch visualisieren kann, was auf mich zukommt. Wovor soll ich also Angst haben?

Ein weißer alter Mann zu werden.

Als ich mich vor mehr als einem Jahr im Spiegel sah, empfand ich keine Angst, sondern Entsetzen. Angst lähmt. Das Entsetzen hingegen hat mich mobilisiert. Mir wurde klar: Ich muss etwas tun.

Was taten Sie als erstes?

Ich habe Rat bei meiner Krankenkasse und bei Selbsthilfegruppen gesucht und sammelte alle Informationen, die ich finden konnte. Auch das Transsexuellengesetz von 1981 habe ich gelesen. Eine sehr aufschlussreiche Lektüre. Darin steht zum Beispiel, dass man seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang stehen muss, in der Rolle des anderen Geschlechts zu leben. Ich empfinde aber keinen Zwang. Ich habe auch keine Zwangsvorstellung. Die Gutachter müssen jetzt, um dem Gesetz zu entsprechen, einen Zwang konstruieren. Obwohl man inzwischen weiß, dass Transsexuelle nicht aufgrund irgendeines geheimnisvollen Zwanges werden wollen, die sie sind. Das Gesetz greift massiv in die Autonomie der Persönlichkeit ein. Eine andere Passage wurde inzwischen von Karlsruhe als verfassungswidrig verworfen. Da ist im Augenblick viel im Fluss, denn die Haltung der Gesellschaft gegenüber der Transsexualität hat sich gewaltig verändert seit 1981. Noch mehr die der Wissenschaft.

Was ist für Sie eine Frau?

Ein Mensch, der dem weiblichen Geschlecht angehört. Es gibt natürlich auch Menschen, die die Definitionen von Mann und Frau als völlig fließend empfinden. Eigentlich sehe ich das ja auch so. Der binäre Gegensatz von Frau und Mann ist doch sehr anatomisch geprägt. Ich selbst empfinde mich erst einmal als Mensch. Dann als Frau. Aber ich weiß natürlich auch, dass jeder von uns Eigenschaften hat, die mal männlich, mal weiblich sind.

Aber Ihnen ist der Gegensatz doch so wichtig, dass Sie sich zu einer Operation entschließen.

Ich bin eine Frau, die Motorrad fährt, Schlagzeug spielt und auch andere Dinge macht, vor denen viele Frauen sich eher zieren. Ich empfinde es als eine Beglückung, dass ich Frau sein kann. Ich habe nun mal diese sanfteren Empfindungen. Die Phase, durch die ich gerade gehe, diese körperliche Transition, ist natürlich ein wenig wackelig. Es kommt vor, dass ich vor der Umkleidekabine angesprochen werde, die sei für Frauen – und ich antworte dann selbstverständlich: Ich bin eine Frau. Mein Fitnessstudio will, dass ich nicht die Frauendusche benutze, solange ich die geschlechtsangleichende Operation noch nicht hinter mir habe.

Leiden Sie darunter?

Die Kommentare nerven manchmal, ich versuche aber, mit der Situation souverän umzugehen. Die Krankenkasse verlangt vor der Bewilligung von Leistungen, dass man einem bestimmten Leidensdruck unterliegt. Es gibt Leute, die neigen grundsätzlich zum Leiden. Ich bin nicht so gestrickt, sondern versuche eher, die Herausforderung anzunehmen. Das erleichtert mir den Alltag, jedoch gegenüber der Krankenkassenbürokratie und dem medizinischen Dienst zählt nicht das, sondern der Leidensdruck. Die Operationen kosten viel Geld, und ich finde es auch nachvollziehbar, dass man bestimmte Kriterien für die Bewilligung solcher Leistungen definiert. Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem nicht nur reiche Leute sich ihre Transition leisten können. Die Gesetze verlangen, dass man leidet, unter einem Zwang steht. Dabei ist doch klar: Niemand unterzieht sich mal eben so aus Jux und Tollerei einer Hormonbehandlung, einer Reihe von Operationen. Es muss einem schon sehr wichtig sein, um so viele Anstrengungen auf sich zu nehmen.

Zur Frau gehört für Sie auch der Busen?

Die Hormonbehandlung bescherte mir automatisch Brüste.

Das hat Sie gefreut?

In den ersten Wochen war ich entsetzt, obwohl ich natürlich gewusst hatte, was auf mich zukam. Mittlerweile sehe ich: Da entwickelt sich etwas zum Schönen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber manch anderen Transfrauen, die ein paar Jahre lang die Hormonbehandlung durchlaufen haben, ohne dass sich was tut. Es gibt ja auch Frauen, die kaum Busen haben. Ich hatte früher schon gute Brustmuskeln. Jetzt gibt es eine Mischung aus Muskelunterbau und gewachsenem Busen.

Sie bekommen jetzt auch einen Bauch.

Den hatte ich vorher auch schon. Schwanger bin ich jedenfalls nicht.

Die Hormone machen ...

Rundungen? Ja.

Das wollen Sie ja auch?

Ja.

Naomi Campbell können Sie nicht werden.

Das will ich ja nicht. Ich will ich selbst sein. Dazu gehört auch mein Körper. Als der Körper einer Frau, aber mein Körper.

Sie wollen Frau werden?

Ich will Frau sein.

Aber Sie wurden nicht als Frau sozialisiert. Das ist durch keine Operation nachholbar. Sie haben nur die weibliche Geschichte, die ein Anteil an ihrer Person als Mann war.

Ist das nicht sehr stereotyp gedacht? Ich war schon immer sehr viel mit Mädchen zusammen und die weibliche Form der Kommunikation lag mir immer mehr als die Art, wie Männer miteinander umgingen. Sechzig bis siebzig Prozent meiner Freunde sind Frauen. Als ich denen mitteilte, was ich vorhatte, sagten die meisten: „Das wundert mich überhaupt nicht. Du warst schon immer anders als unsere Männer.“ Sie empfinden mich jetzt nicht als eine andere Person, sondern als die, die ich früher auch schon war. Bloß dass ich jetzt freier wirke, mehr bei mir, sagen sie mir. Besonders gefreut hat mich, dass mein angstfreier Umgang mit meiner Transition ihnen selbst Mut macht, Entscheidungen ohne Angst zu treffen. Das ist doch etwas.

Das Gespräch führte Arno Widmann.