Chios - In den Gärten von Kampos reifen Orangen. Wenn am frühen Abend der Wind vom Meer nachlässt, steigt der süße Duft ihrer Blüten und Früchte in die geöffneten Fenster. Wir lehnen uns hinaus und schauen in einen schier endlosen Garten, der von Mauern unterteilt ist. Ab und zu ragt ein Kirchturm oder das Dach einer Villa aus dem Grün. Mandarinen und Apfelsinen leuchten in der letzten Sonne wie Lampions. Wie einst die Genueser Kaufleute und Patrizierfamilien, die hierher kamen, fühlen wir uns ein wenig wie in Italien.

Die Duftende

Die griechische Insel Chios liegt mit ihren 52.000 Insulanern zehn Kilometer vor der türkischen Küste auf der Höhe von Izmir in der nördlichen Ägäis. Erste archäologische Funde stammen aus der Zeit vor Christus. Später entwickelte sich die Insel zum Zentrum des Sklavenhandels und der Seefahrt.

Sogar Kolumbus blieb eine Weile, denn von 1304 bis 1329 und von 1346 bis 1566 nahmen die Genueser Besitz von Chios. Sie siedelten in der Inselmitte und bauten ihre Villen. Die von zu Hause mitgebrachten Setzlinge von Zitrusfrüchten aller Art gediehen bald prächtig im feuchtwarmen Meeresklima und gaben Chios den Beinamen „Myrovolos“, die Duftende.

Die Eroberung durch Osmanen, Massaker, Erdbeben und auch die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs haben ihre Narben hinterlassen. Auch in Kambos, dem genuesischen Viertel, sind die Spuren alter Zeiten zu finden. Etliche Landhäuser wurden zerstört und Ende des 19. Jahrhunderts stilähnlich wieder aufgebaut. Der Zitrushandel kam in Schwung. Um die Jahrhundertwende wurden „die goldenen Äpfel der Hesperiden“, wie sie in der Antike hießen, noch in kostbares Seidenpapier gewickelt nach Russland, Konstantinopel oder Ägypten verschickt.

Heute scheint die Zeit stehen geblieben zu sein in Kampos. Evangelia Palios öffnet für uns ihren Garten. Die reizende 85-jährige Dame ist die Meisterin der „Spoon Sweets“, was man als Löffelsüßigkeiten übersetzen könnte. Mandarinen, Orangen, Zitronen, Pomeranzen und sogar Gemüse kocht sie in Zucker. So lange, bis daraus in Sirup badende, kandierte Früchte geworden sind. Diese Köstlichkeit servieren die Griechen ihren Gästen gern zum Kaffee. Evangelia hat ihre gut gehüteten Rezepte inzwischen an ihren Sohn weitergegeben, der nun ein kleines Unternehmen in der Familienvilla von Kampos aufgezogen hat.

Zitrusgärten, Blutorangen und Mandarinen

Hinter fast jeder Mauer blüht ein Zitrusgarten, in dem auch Blutorangen, Tangerinen und grüne Orangen wachsen. Vor allem aber richtige Mandarinen, deren ursprünglichen vollen und vanilleartigen Geschmack heute kaum noch jemand kennt. Besucher gehen ins Citrus-Museum und bewundern die knisternden Orangenpapiere und Fotos aus alter Zeit. Im Garten wachsen alle möglichen Zitrusfrüchte. Im Café gibt es frisch gepressten Mandarinensaft, Zitronenblütengelee und Pomeranzenkonfitüre. Noch heute kommt ein Fünftel aller in Griechenland geernteten Zitrusfrüchte von Chios. Und die Mandarinen sind nach wie vor eine Berühmtheit. Viele enden vor Ort in der Saftfabrik.

Wir machen einen Spaziergang durch Kampos und klopfen an beim Hotel Argentikon. Der einstige Besitz der Genueser Familie Argenti besteht aus mehreren prachtvollen Villen aus dem 16. Jahrhundert. Sie bergen das einzige Luxushotel der Insel. Das Argentikon verfügt über acht Suiten im Zitrusgarten, die zu großen Teilen mit den originalen Möbeln der noblen Familie ausgestattet sind.

Eine Pergola ragt in den Obstgarten, in den die Gärtner Eimerchen mit Zuckerwasser in die Bäume gehängt haben, um naschhafte Wespen anzulocken. Eine gewaltige Zisterne, wie sie in jedem Garten von Kampos zu finden ist, ist hier aus weißem Marmor. Breite Treppen führen zu den Refugien. Im Argentikon befindet sich auch das beste Restaurant der Insel.

Chios, das ist der mit Mastixbäumen bestandene Inselsüden und der felsige Norden mit einem der schönsten Klöster Griechenlands. Chios ist Badeinsel und herrlich zum Wandern. Kampos liegt nur einen Steinwurf von der Ostküste entfernt. Wer mit dem Auto die mittelalterlichen Städtchen erkundet, entdeckt hin und wieder auf den Hügeln einen Wachturm aus Genueser Zeit, von dem aus man weit über das Meer schauen kann. In der Inselhauptstadt ruht die riesige Genueser Festung.

Mandarinen zu weißen Bohnen

Auf Chios kann man der genuesischen Architektur nachspüren und die Zitrusfrüchte überall schmecken. Sie geben einer köstlichen Eiscreme das Aroma von Tangerinen. Im wunderbaren Sommergarten des Restaurants Hotzas in Chios Stadt schmeckt es ganz besonders gut. Der Koch präpariert die frischen Mandarinen fürs ganze Jahr und gibt damit weißen Bohnen in Tomatensugo einen frühlingshaften Touch. Es schmeckt einfach umwerfend. So wie Evangelias „Spoon Sweets“. „Ich kam als Braut hierher“, erzählt sie und drückt unsere Hände. „Und ich bin immer noch hier. Ohne Kampos und meinen Garten könnte ich nicht leben.“