Je älter, desto extremer – diese Stilregel befolgt Iris Apfel vorbildlich. Oben links umarmt sie ihren Mann um 1960 vor einem Pariser Restaurant. Rechts posiert sie im gar nicht rentnerhaften Trenchcoat, 2013.
Fotos: Midas Collection

New YorkIris Apfel hätte man gern als Großmutter. Man könnte mit ihr über Reisen und Kunst plaudern, und vor allem über Stil.

Armreife bis zum Ellenbogen, Ketten bis ans Kinn, roter Lippenstift, ein weißhaariger Vokuhila – und natürlich die große runde Brille, deren Gläser ihre grünbraunen Augen lupenartig vergrößern: Man hätte sich Iris Apfel nicht ausdenken können. Musste man auch nicht, sie hat es ja selbst getan. Heute, am 29. August, wird das älteste Model der Welt 99. Anlass genug für eine biografische Hommage.

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Iris Apfel

Das Besondere an Iris Apfel ist, dass sie bereits 85 Jahre alt war, als sie berühmt wurde. Was in jeder Branche ein biblisches Alter für den Beginn einer Karriere wäre, kommt in der Modebranche nun wirklich ganz und gar nicht vor. Es begab sich also im Frühling des Jahres 2005, als Harold Koda, damaliger Kurator des Costume Institute am Metropolitan Museum of Art, bei Iris Apfel anrief und ihr eine Ausstellung vorschlug. Ihn interessierte die Apfelsche Mode- und Accessoires-Sammlung.

Nur wenige Monate später wandelten die Besucher im Met durch mehrere Dekaden Modegeschichte und begutachteten die 300 Kleidungsstücke plus Schmuck – was, das nur nebenbei, bloß einen Bruchteil der Garderobe von Iris Apfel repräsentierte. Kaum jemand kannte die New Yorker Geschäftsfrau damals; die Ausstellung konzentrierte sich auf die Exponate, die Besitzerin blieb im Hintergrund. Doch dann erwähnte der legendäre Fotojournalist und Modechronist Bill Cunningham „Rara Avis“, eben jene Ausstellung, in seiner Kolumne in der New York Times. „Sie brauchen nicht nach Europa zu fliegen, um echten Stil zu erleben“, kommentierte er.

Mrs. Apfel zuhause mit Kermit dem Frosch – 2016 gestylt von Damian Foxe und fotografiert von Luis Monteiro.
Foto: Midas Collection

Auf einen ruhigen Lebensabend durfte Iris Apfel von da an nicht mehr hoffen. Die New Yorker Fashion-Society rannte ihr die Türen ein. Es folgten weitere Ausstellungen und Einladungen in den USA. Etwa zehn Jahre später war sie auch im Rest der Welt bekannt, die 2014 veröffentlichte Filmdokumentation „Iris“ von Albert Maysles faszinierte die Zuschauer: Wie konnte jemand diesen Alters so glamourös und dabei so unprätentiös sein?

Geboren wurde Iris Barrel am 29. August 1921 in Queens, New York, als Kind von Sam und Syd Barrel. Iris interessierte sich schon als kleines Mädchen für Mode, bereits in den 1940er-Jahren entdeckte sie die Jeans als schicke Beinbekleidung für sich. Damals war Denim eine Arbeitskluft und klare Männerdomäne. Iris Barrel, das coole College-Girl, ließ sich davon nicht beeindrucken, besorgte sich eine Jeans für Jungs und gürtete sie auf ihre Doris-Day-Taille.

Nach dem College wollte Iris Modejournalistin werden. Sie jobbte bei Women’s Wear Daily als Textkurier, brachte ausgedruckte Artikel und Nachrichten von einer Abteilung in die andere. Die Möglichkeit, einmal selbst für das Blatt zu schreiben, ergab sich nicht. Über den Modezeichner Robert Goodman kam sie schließlich in Kontakt mit Inneneinrichtern der New Yorker Upper Class und arbeitete sich in die Sphäre der Raumgestaltung ein. Am 22. Februar 1948 heiratete sie Carl Apfel, mit dem sie bis zu seinem Tod vor fünf Jahren ein reales Traumpaar bildete.

Selbst beim Brillengeschmack ein Herz & eine Seele: Carl und Iris Apfel um 1970 auf einem der vielen Europa-Trips, die das Ehepaar für seine Stofffirma Old World Weavers unternahm.
Foto: Midas Collection

Gemeinsam gründeten die Apfels 1950 „Old World Weavers“. Das Unternehmen reproduzierte historische Stoffe, die das Paar während seiner Reisen auf der ganzen Welt fanden. Dabei spezialisierten sie sich auf Textilien aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert, deren Nachwebungen in ihrer Interiordesign-Klientel begeisterte Abnehmer fanden. Sogar im White House wusste man die Dienste der Luxuseinrichter zu schätzen.

Ganz nebenbei häufte Iris Apfel immer mehr Kleider und Accessoires an, wobei sie dank ihrer zarten Figur auch in die Kollektionsteile großer Designer aus günstigen Laufsteg-Abverkäufen passte. Aber auch Flohmärkte scheute sie nicht. Nie ging es ihr darum, teure Einkäufe in Label-Boutiquen zu tätigen – es war das Auffinden besonderer Stücke, das sie reizte. Trends waren ihr dabei völlig egal und sind es bis heute.

Du musst dich interessieren, um interessant zu sein.

Iris Apfel

Nachdem sie vor einigen Jahren die Popularität wie ein Blitz getroffen hatte, begann ihre Modekarriere. Sie war 90, als sie für MAC Cosmetics eine Limited Edition entwarf und dafür vor der Kamera des Starfotografen Steven Klein posierte. Sie sei die älteste lebende Tussi, die zum Gesicht einer Kosmetik-Werbung wurde, schreibt sie darüber in ihrem Buch „Iris“.

Als über 90-jähriges Covergirl zierte sie außerdem die Titel zahlreicher Magazine wie L’Officiel, Elle oder Dazed. Ihren ersten Modelvertrag unterschrieb sie mit 97 – bei IMG, der internationalen Agentur, bei der auch Kate Moss und Gigi Hadid unter Vertrag stehen.

Apropos: Social Media kann Iris Apfel bis heute nicht leiden. Ihre Accounts auf Facebook und Instagram werden von Fans bespielt, sie hat damit nichts zu tun. Auch von Botox oder Schönheits-OPs hält sie nichts. Trotzdem scheint genau diese oberflächenverrückte digitale Welt, in der es um die richtige Pose und den Status ewiger Jugend geht, nur auf sie gewartet zu haben. Könnte es sein, dass es doch ihre ganz besondere Art von Schönheit ist, nach der sich alle sehnen? Die Jugend mag viele Qualitäten haben, aber sie hat selten Charakter. Damit wurde Iris Apfel zum Beispiel einer vielgeliebten Diva, wie man sie sonst am ehesten in Frankreich findet. Aber sie steht auch für die Stadt New York, die nicht nur Donald Trump hervorgebracht hat, sondern auch eine kreative Szene, die bis heute für Toleranz und Diversität steht.

Übrigens wurde auch die Mutter von Iris Apfel über einhundert Jahre alt. Das wünschen wir ihr mindestens. Aber eigentlich sollte jemand wie sie so lange wie nur möglich auf diesem Planeten bleiben. Happy Birthday, Iris!

Midas Verlag
Iris Apfel. Accidental Icon. Stil ist keine Frage des Alters

Die bildreiche Biografie der New Yorkerin ist genauso vielfältig und unterhaltsam, wie man sich das bei einer Stilikone ihres Formats wünscht. 2018 erschien sie auf Englisch, 2019 auf Deutsch im Midas Verlag, 176 Seiten, Hardcover, um 25 Euro.