Wünschen Madame Federn oder Volants? Zwei Miniatur-Modelle der neuen Dior-Couture Fall/Winter 2020/21.
Fotos: Brigitte Niedermair für Dior

ParisAm Montagmorgen, um kurz vor neun Uhr, gehe ich auf die Plattform der Fédération de la Haute Couture et de la Mode. Gleich beginnt die Haute Couture. Drei Tage lang wird es sündhaft teure Entwürfe zu sehen geben, handgefertigte Einzelstücke, die schnell über 100.000 Euro kosten und für die es weltweit nur ein paar Hundert Kundinnen gibt. Normalerweise sitzen diese reichen Damen in der ersten Reihe, diesmal habe ausnahmsweise auch ich einen Platz ganz vorn. Will Heißen: Zu Hause vor meinem Computer, denn die Haute Couture findet aufgrund der Covid-19-Präventionsmaßnahmen online statt.

Um Punkt neun Uhr kann man das erste Video anklicken. Darin erklärt Naomi Campbell diese virtuelle Fashion Week feierlich für „ouvert“, für eröffnet. In ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „phenomenally black“ gehüllt, fordert sie die Modewelt zu mehr Diversität und Inklusion auf. Es sei noch ein weiter Weg, sagt sie, aber er beginne jetzt, hier in Frankreich. Eine starke Botschaft und ein guter Anfang.

Umso mehr sorgt der opulente Kurzfilm des Modehauses Christian Dior, der nur wenige Stunden später live geht, für Verwunderung. Denn in „Le Mythe Dior“, einem märchenhaft inszenierten Film des italienischen Regisseurs Matteo Garrone, sind ausschließlich hellhäutige Models zu sehen. Die Referenzen für den Film seien griechische Mythologie und italienische Renaissance-Malerei gewesen, versucht sich Dior-Kreativdirektorin Maria Grazia Chiuri in einer anschließenden Pressekonferenz via Zoom zu rechtfertigen. „Inklusion ist mir sehr wichtig, aber es kommt eben auf die Geschichte an, die man erzählen möchte“, verteidigt sie sich.

Auch küssende Waldnymphen lieben schöne Kleider: Szene aus dem phantastischen Kurzfilm von Regisseur Matteo Garrone, mit dem das Haus Dior seine Couture-Kollektion Fall/Winter 2020/21 präsentierte.
Filmstill: Le Mythe Dior/Courtesy of Dior

Dieses Argument ist selbstverständlich ungenügend, denn Referenzen sollten in die heutige Zeit übertragen werden. Hätte Botticelli im 21. Jahrhundert gelebt, hätte er genauso gut eine schwarze Venus malen können. Doch man muss es Chiuri zugute halten: Für ihre Shows und Kampagnen wählt die italienische Designerin in der Tat Models aller Hautfarben. Dass sie es für diesen Film nun einmal anders gehalten hat, ist natürlich ihr gutes Recht. Der Zeitpunkt für ein rein kaukasisches Casting ist trotzdem denkbar schlecht gewählt.

Auch ihr sonst so ausgeprägter Sinn für Feminismus ist diesmal in den Hintergrund geraten. Das Setting des Videos ist eine Art Arkadien, in dem sich Nymphen, Meerjungfrauen und andere mythologische Figuren tummeln. Die Traumwelt dieser schönen Gestalten wird durch zwei Hotelpagen im Wes-Anderson-Look durcheinander gebracht. Sie tragen einen riesigen Koffer mit der aufgemalten Fassade des Pariser Dior-Stammhauses durch den Wald, darin eine Reihe anmutiger Miniaturkleider.

Beim Anblick der Entwürfe vergessen die Frauen alles um sich herum, wenden sich von ihren Liebhabern ab, kriechen aus ihrem Schneckenhaus und interessieren sich nur noch für die Kleider. Mit etwas gutem Willen kann man dies als Befreiungsakt interpretieren, doch letztlich fällt es schwer, dem Film eine feministische Botschaft abzugewinnen. Eine Nymphe, die erst ihren Mann, den Faun fragen muss, ob er mit der Wahl des Kleides einverstanden ist, zeichnet jedenfalls nicht gerade ein modernes Frauenbild.

Die Atmosphäre: Wes Anderson meets Barbie deluxe. Die Kleider: echte, in den Dior-Ateliers handgenähte Coutureroben im Mini-Format.
Filmstill: Le Mythe Dior/Courtesy of Dior

Für das Business der Haute Couture ist Maria Grazia Chiuris Idee der Miniaturkollektion dennoch interessant. Sie spielt damit auf das „Théâtre de la Mode“ nach dem Zweiten Weltkrieg an. Damals entwarfen französische Modeschöpfer Kleider in Puppengröße und schickten sie zu ihren Kundinnen in der ganzen Welt, um so die gebeutelte Modeindustrie wieder in Gang zu bringen. Auch für Chiuri ist das die Lösung, kommt die wohlhabende Dior-Kundschaft doch normalerweise direkt nach den Schauen in die Avenue Montaigne, um sich dort ihre Roben auszusuchen. Das ist wegen der Corona-Krise derzeit nur bedingt möglich. Die beiden Sets aus 37 Miniaturversionen, die zwar um 60 Prozent geschrumpft sind, ansonsten aber exakt den Originalen entsprechen, sollen tatsächlich verschickt werden und so direkt zu den Kundinnen nach Hause kommen.

Nicht alle Couture-Häuser hatten genügend Mittel, um für die Herbst/Winter-Saison eine ganze Kollektion zu produzieren, geschweige denn zusätzliche Miniaturformate anzufertigen. Viele Labels zeigen deutlich weniger Entwürfe als sonst oder konzentrieren sich sogar nur auf einen einzigen Look, wie zum Beispiel Iris van Herpen oder Maison Rabih Kayrouz. Julie de Libran, die erst seit einem Jahr zum offiziellen Programm gehört, kann aufgrund der Krise sogar keinen einzigen neuen Entwurf präsentieren. In einem Video erklärt sie jedoch, warum sie sich für das immer wieder für obsolet erklärte Business der Haute Couture entschieden hat. Sie schwärmt von den Ateliers, den vielen Stunden, die ein einziges Kleid in der Herstellung kostet und der Nachhaltigkeit dieser Form des Arbeitens, bei der so gut wie kein Stoff verschwendet wird.

Zwischen den „Shows“ klicke ich mich weiter durch die Plattform. Fast stündlich werden auf der Seite neue Inhalte hochgeladen. Neben den 33 Couture-Labels, deren Fashion-Filme nacheinander und dem offiziellen Kalender folgend gezeigt werden, gibt es Interviews zu lesen oder Podcasts zu hören. Die französische Influencerin Camille Charrière trifft beispielsweise Persönlichkeiten aus der Modebranche wie Giambattista Valli oder auch Maria Grazia Chiuri zum Gespräch. Das Haus Balmain liefert keinen Film, sondern veranstaltet parallel ein Event auf einem die Seine entlang fahrenden Boot. Das Ganze wird live auf TikTok übertragen.

Traumfabrik Rue Cambon: Cocktailkostüm und trachtige Prachtrobe (oben re.) aus der Haute Couture Fall-Winter 2020/21 von Chanel.
Fotos: Mikael Jansson für Chanel

Insgesamt ist das Konzept gut durchdacht. Dennoch fehlt dieser Fashion Week der Zauber, der Austausch mit den Kollegen, die Magie der Modenschauen sowieso. Gerade bei der Präsentation von Chanel wird das besonders deutlich: keine Menschenmassen vor dem Grand Palais, kein gigantisches Setting unter der gläsernen Kuppel. Einfach ein Klick und keine anderthalb Minuten später ist der Film schon wieder vorbei. Zwei Models tanzen darin in extravaganten Tweed- und Taftkleidern. Sie tragen aufgetürmte Punk-Frisuren, Federn und viel Schmuck. „Ich hatte exzentrische Prinzessinnen im Kopf, die Art von Frauen, die Karl Lagerfeld gerne zu Soirees oder ins Palace begleitete“, schreibt Kreativdirektorin Virginie Viard auf der Webseite von Chanel. Ein bisschen mehr hätte man sich von dieser großen Marke, die für ihre spektakulären Präsentationen bekannt ist, schon erwartet.

Nur Viktor & Rolf reißen es am letzten Tag noch einmal heraus, mit einem herrlich ironischen Beitrag, der auf die Präsentationen der Haute-Couture-Kollektionen von früher anspielt. Damals wurden die Entwürfe in Salons gezeigt und jeder Look, „passage“ genannt, von einem Sprecher für die Zuschauer kommentiert. Das niederländische Duo präsentiert neun Entwürfe, die in drei verschiedene Stimmungsgruppen eingeteilt sind: Trauer und Wut; widersprüchliche Gefühle; und schließlich Liebe.

Corona, wir lassen uns nicht unterkriegen: das Kleid „Change“ aus der Haute-Couture-Kollektion von Viktor&Rolf. Und hier der Originaltext, der dessen betont altmodischen Präsentation im Video begleitet: „Confusion already reigns at the shoulder line of this nightgown. Hesitant between covered and nude, this first look is a one-shouldered flowing affair of pale pink synthetic satin. The dress is manically decorated with a polka dot motif of contradictory emojis, each symbolizing a state of mind. A maelstrom of emotions ingeniously crafted with insets of yellow lace in delicate satin.“ Schmunzeln erlaubt.
Foto: Casper Kofi für Viktor&Rolf

„Drei verschiedene Denkarten in diesen außergewöhnlichen Zeiten des Wandels“, hört man die Stimme von Sänger Mika aus dem Off. Die Kleider sind völlig übertrieben mit regnerischen Wolken, riesigen Emojis oder kitschigen Herzen versehen. Mikas trockene Kommentare dazu (beispielsweise über viel zu lange Ärmel, als Zeichen für „die Gravität des Moments“) sind zum Schreien komisch. Endlich einmal Mode, die sich nicht zu ernst nimmt und somit Hoffnung macht.

Trotzdem bleibt am Ende die Frage nach dem Sinn von alldem. Denn solange es keine Galas, Filmfestivals, Premieren oder Bälle gibt, auf denen diese aufwendigen Unikate getragen werden können, wirkt diese ganze Haute-Couture-Veranstaltung doch irgendwie hohl.